Landau
Wie die Stadt Landau ihren 700. Geburtstag feierte
1974 hat die Stadt Landau ihren 700. Geburtstag gefeiert. „Es war ein Wochenende des Taumels, und jeder war dabei“, erinnert sich Herbert Dähling, damals Redakteur der RHEINPFALZ in Landau. Der spätere Lokalchef ist heute 93 Jahre alt und hat in seinem Fundus noch die Sonderbeilage der RHEINPFALZ zum Stadtjubiläum. Er schrieb: „Die friedlichste und erfolgreichste Schlacht, die je um Landaus Mauern getobt haben muß, wurde am Pfingstwochenende geschlagen.“ Dicht an dicht drängten sich die Menschen in der Innenstadt, die für Autos gesperrt war.
„Wenn am Donnerstag oder Freitag ein Fremder nach Landau gekommen wäre, hätte er sich in die Weihnachtszeit versetzt gefühlt: hunderte und abermals hunderte von Girlanden, Wimpeln und Fahnen, ein Lichtermeer bei Einbruch der Dunkelheit, eine fröhliche Schar, die durch die Straßen der Stadt zog, an den Ständen vorbei mit den Produkten der Stadt, der Pfalz ... und Ribeauvillé“, berichtete am 2. Juni 1974 die elsässische Tageszeitung L’Alsace. Natürlich waren Vertreter der beiden Partnerstädte Ribeauvillé, zu deutsch Rappoltsweiler, und Hagenau zu den Feierlichkeiten nach Landau gekommen.
Fest über Pfingsten
Der damalige Oberbürgermeister Walter Morio hatte die Bevölkerung über die RHEINPFALZ aufgerufen, sich an dem Fest zu beteiligen. Die Stadtkasse war klamm. Morio hatte einen klaren Plan: „Von Anfang an bestand Einigkeit darüber, daß das Fest auf der Straße den Eindruck improvisierter Aktionen erwecken müsse. Die Verwaltung solle die Aktivitäten der Bürger lediglich koordinieren und unauffällig lenken“ – nachzulesen in der gebundenen Sammlung von 1974 aus dem Rathaus: „Darstellung über Planung, Organisation und Ablauf des 700-jährigen Stadtrechtsjubiläums.“ Die Verwaltung hatte am Ende alle Hände voll zu tun, mit „unauffällig lenken“ allein war es nicht getan.
Das Straßenfest erstreckte sich über das Pfingstwochenende. Ein ökumenischer Gottesdienst in der Stiftskirche eröffnete das Fest am 29. Mai. Es predigte unter anderem der damalige Bischof Friedrich Wetter. Der gebürtige Landauer hat im vergangenen Jahr seine Ehrenbürgerwürde zurückgegeben, nachdem ihm im Missbrauchsgutachten der katholischen Kirche Fehlverhalten in über 20 Fällen vorgeworfen wurde. Zurück zum Stadtfest: Einen Tag später, dem Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte, war ein Festakt in der Festhalle.
„Die Feier des Jahres“
Ein Nachfahre des Königs Rudolf von Habsburg, der promovierte Erzherzog Otto von Habsburg, hielt die Festansprache, bevor der Stadtgeburtstag „durch viele hundert Kehlen hindurch würdig begossen wurde“, wie Berichterstatter Herbert Dähling festhielt. „Die Feier des Jahres! Zumal niemand so rasch weichen konnte: Draußen goß es erfreulicherweise in Strömen.“ Der Festredner, so schrieb Dähling weiter, gebe der Stunde das ihr gebührende historische Gewicht.
„Der Habsburger der Gegenwart erneuerte die vom Habsburger des 13. Jahrhunderts bewiesene Verbundenheit und Treue zu Landau.“ Der Zitierte zog aus 700 Jahren Stadt Landau drei Schlussfolgerungen: Optimismus als Überzeugung, dass nichts verloren ist, wenn man es nicht selbst aufgibt; die Bedeutung kleinerer Gemeinschaften innerhalb größerer Einheiten als Horte der Freiheit und Menschlichkeit sowie schließlich die Zusammengehörigkeit der Europäer, weil noch immer das sie Einigende bei Weitem das sie Trennende überwiege.
Ungetrübte Fröhlichkeit
Leuchtbecher waren in den 1970ern anscheinend ein Hit. Die Bürger schmückten Fensterbänke und Balkone während der Festtage damit. Das Programm war mit Unterstützung der Sparkasse Landau in einer Auflage von rund 13.000 Exemplaren als Handzettel gedruckt worden, die den Kontoauszügen der Sparkassenkunden beigelegt und im Rathaus sowie im Einzelhandel ausgelegt wurden.
In Erinnerung blieb den Landauern ein „überdimensionales Volksfest“ in „ungetrübter Fröhlichkeit“ und „überschäumender Festfreude“. An drei Tagen – von Freitag bis Sonntag – gab es an elf Stationen Studenten-Straßentheater, Schüler-Pantomimen, Dokumentationsausstellungen, Darbietungen von Feuerwehr, Clubs und Vereinen, ein Popfestival, Konzerte und Paraden. Im Programm eigens ausgewiesen: Am Stiftsplatz und in der Gerberstraße gab es Ochs und Hammel am Spieß.
Dirigent hoch über dem Platz
Auch Herbert Dähling kam auf seine Kosten. Einen solchen Trubel erlebt ein Lokalredakteur nicht alle Tage. Er erinnert sich, dass er an einem Abend den Oberbürgermeister in der Fußgängerzone antraf: Morio suchte sein Auto. Der Höhepunkt des Fests war für Dähling eine musikalische Darbietung. Die Musiker der Stadtkapelle und des Fanfarenzuges hatten an den Fenstern des Rathauses Position bezogen, und Jakob Winstel dirigierte auf dem Platz davor vom Korb der Gelenkmastbühne der Feuerwehr aus den Fehrbelliner Reitermarsch: „Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben.“
Die Sonderbeilage der RHEINPFALZ, im Vorfeld des Festreigens erschienen, bietet reichlich historische Lektüre. In einem Grußwort richtet sich Walter Morio an die Leser: „Am Anfang aller Träume liegt die Erfahrung, daß der Mensch irgendwo ein Zuhause hat, daß er ein Fenster hat, durch das er in die Welt hinausschauen kann. So steckt hinter aller Sehnsucht nach der Ferne stets das Erlebnis einer freundlichen Nähe, das eigentlich erst in uns die Lust zur Begegnung mit der Welt weckt. (...) Landau ist unsere Nähe mit der uns eigenen Atmosphäre: das sind die Menschen und ihre Feste, das ist die aufbereitete Historie, das ist das Medium des Weines, das ist auch die Erfahrung langer Vergangenheit. Stadtatmosphäre muß wachsen, befehlen kann man sie nicht, sie braucht viele begeisterte Bürger, Bürger, die ihr Herz verloren haben. Wir wollen dies zeigen an unserem Geburtstag. (...) Feiern Sie mit, das ist auch Ihr Geburtstag.“
Sparsam, aber nicht knauserig
Noch ein Wort zu den Finanzen. Das Stadtfest belastete den Haushalt mit knapp 28.000 Mark. Aus der Bürgerschaft gingen 3000 Mark an Spenden ein. „Ein vom Land zunächst erwarteter Zuschuß konnte nicht verwirklicht werden. Stattdessen übernahm die Landesregierung die Kosten für das Konzert der Pfälzischen Philharmonie.“
Weil Landau damals unter chronischer Finanznot litt, verzichteten die Stadtväter auf die Einladung von Tanz- und Folkloregruppen aus den Städten des Zehnstädtebundes und auch auf Plaketten, Wappenteller oder Nachbildungen des Stadtsiegels. Im Rückblick auf das Jubiläum kommt die Verwaltung zu dem Schluss, der Stadtrat könne stolz darauf sein, dass er „zwar sparsam, jedoch nicht zu knauserig zu Werke ging“. Eine Gedenkmedaille gab es doch. Die Sparkasse ließ das Porträt Rudolf von Habsburgs auf der einen Seite und das alte Stadtsiegel von 1285 auf der anderen Seite in Feinsilber prägen und wartete zudem mit einer Nachprägung einer seltenen Erinnerungsmedaille der Einnahme Landaus 1704 durch König Josef I. auf.
Am 700. Jahrestag der Stadt Landau hatte Oberbürgermeister Walter Morio im Beisein des ehemaligen Thronfolgers Otto von Habsburg in der Kaisergruft im Dom zu Speyer Blumen am Sarkophag „des großen Ahnherrn“ niedergelegt. Am 30. Mai 2018 legte wieder ein Landauer Oberbürgermeister Blumen dort nieder. Thomas Hirsch erinnerte mit dieser Geste an den 800. Geburtstag von Rudolf von Habsburg. Um den Stadtgeburtstag allen Landauern jährlich ins Gedächtnis zu rufen, hat Hirsch am 30. Mai 2016 den Ehrenamtstag ins Leben gerufen.
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