Edenkoben
Unterwegs im Velomobil
Bernhard Kießling sinkt in seinen Schalensitz, schließt die rote Kanzel, aus der nur noch der Kopf herausschaut, und umfasst die beiden Griffe im Cockpit. Jetzt muss er nur noch die getönte Fliegerbrille von der Stirn über die Augen ziehen. Fertig zum Start. Kießling könnte in einem Nachfolger des legendären Messerschmitt-Kabinenrollers sitzen. Oder im Cockpit eines Flugzeugs. Der rote Baron, oder so. Die aerodynamische Form stimmt durchaus, allerdings fehlen die Flügel. Denn der Edenkobener ist nicht in der Luft unterwegs, sondern mit Bodenhaftung. Er hat sein Auto abgeschafft und fährt nur noch Velomobil.
Das ist eine besondere Form des Fahrrads – genauer: des Liegerads. Zwei Räder vorne, ein lenkbares hinten. Dazwischen ein bequemer Sitz, und das ganze windschnittig eingepackt mit einer leichten Hülle aus Karbon und GFK, also mit Glasfasern verstärktem Kunststoff.
Form wie ein Fisch
Kießling hat vor mindestens 15 Jahren, ganz genau weiß er das nicht mehr, bei der Spezi, der Spezialradmesse in Germersheim, Feuer gefangen, als er zum ersten Mal ein Velomobil vor Augen bekam. „Das hat mich nicht mehr losgelassen.“ Es habe dann zwar noch ein paar Jahre gedauert, aber Mitte 2017 hat er seine Bestellung aufgegeben. Beim Hersteller Flevobike in den Niederlanden. Seine Wahl fiel auf einen Wal: das Modell heißt Orca. Das ist eigentlich ein Schwert- oder Killerwal. Der Name des Velomobils dürfte sich wohl von der markanten Gestalt der Tiere herleiten. Leider werde es inzwischen nicht mehr gebaut.
Der Edenkobener, der häufiger auch bei den Critical-Mass-Fahrten von Radler in Landau zu sehen ist, mit denen diese auf ihre Belange und auf Gefahrenstellen im Straßenverkehr aufmerksam machen wollen, hat sein Mobil mit Elektrounterstützung gewählt. Es entspreche einem klassischen Pedelec, bei dem der Motor bis 25 Stundenkilometer mitschiebt und bei dem kein Nummernschild nötig ist. Mit seinem Fahrzeug dürfe er daher Radwege nutzen.
200 Kilometer am Tag kein Problem
Kießling ist mit seinem Wal nahezu täglich und ganzjährig unterwegs. Sein Auto hat er zum Schutz der Umwelt abgeschafft. Er fährt mit dem Velomobil zur Arbeit, unternimmt aber auch gerne Ausflüge, die durchaus auch länger sein können. „200 Kilometer am Tag sind kein Problem“, sagt er und schreckt auch für Pfälzerwald und Schwarzwald nicht zurück. Dabei helfen neben dem „Rückenwind“ des E-Motors die 14-Gang-Nabenschaltung und vor allem die windschlüpfige Verkleidung, die den Luftwiderstand herabsetzt. „Ich bin schneller als mit meinem normalen Rad“, sagt Kießling. Und der Wetterschutz sei sehr viel besser. Denn für nasse Tage gibt es noch ein knappes Roadsterverdeck aus Stoff, das Kießling seinem Orca wie ein Mützchen aufziehen kann.
In der Anschaffung sind Velomobile, die großenteils von Hand gefertigt werden, nicht billig. Sein Modell habe bei 8500 Euro angefangen und in Top-Ausführung bei etwa 13.000 Euro gelegen, was dem Preis eines guten Gebrauchtwagens entspricht. „Ich spare einen Haufen Geld“, sagt Kießling trotzdem, denn mit der Anschaffung sei es auch weitestgehend getan. Der Strombedarf sei gering, und außer ein paar fahrradtypischen Verschleißteilen wie Kette oder Reifen sei noch nichts angefallen. „Man sollte ein bisschen schrauben können“, gibt der Fahrer zu bedenken.
Passanten winken und fotografieren
Ihn freuen die positiven Reaktionen, die er unterwegs immer bekommt: winkende und fotografierende Passanten, gereckte Daumen, ein Lächeln und immer wieder interessierte Fragen. Auch wenn Kießling gerne auf Rad- oder Wirtschaftswegen unterwegs ist, habe er sich auch auf der Straße noch nie unsicher gefühlt. Man müsse selbstbewusst fahren, sagt er. „Das Ding ist 2,50 Meter lang und knallrot. Wer das nicht sieht, ist nicht fahrtauglich“, sagt er.
Ein zusätzlicher Hingucker ist aber auch Kießlings Fahrradanhänger. Denn auch wenn der Orca einiges an Gepäck frisst, ist beispielsweise für den großen Einkauf oder für die Campingausrüstung zusätzlicher Stauraum willkommen. Das Fahrgestell hat Kießling vom Schrott. Es stammt von einem herkömmlichen Kinderanhänger. Doch der war ihm nicht elegant genug für hinter seinem Orca. Deshalb hat er kleinere Räder von einer Schubkarre montiert und eine große Auto-Dachbox montiert. „Da passt alles rein, was man sonst so im Kofferraum hat“, sagt Kießling. „Locker 50 Kilo“ könne er hinter sich herziehen, auch wenn dann natürlich das Tempo deutlich sinke. Seinem Auto weint Bernhard Kießling jedenfalls keine Träne nach.
