Kiew / Insheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ukrainerin flüchtet, um Leben ihrer Tochter zu retten

Diana Nakonechnas Tochter Olivia kam während des Kriegs zur Welt.
Diana Nakonechnas Tochter Olivia kam während des Kriegs zur Welt.

Als Russland im Februar ihr Land überfiel, war die ukrainische Journalistin Diana Nakonechna im neunten Monat schwanger. Seitdem musste sie einige schwierige Entscheidungen treffen, um das Leben ihrer Tochter zu retten. Nach einer langen Reise lebt sie heute in Insheim und hat wieder etwas Hoffnung.

Eigentlich sollte für die Ukrainerin Diana Nakonechna in diesem Frühjahr das große Familienglück anstehen. Mit ihrem Mann hatte sie sich ein Haus in Irpin, nordwestlich von Kiew, und ein Auto gekauft, die Geburt der ersten Tochter stand Ende Februar unmittelbar bevor. Ihren Job als Journalistin bei einem Fernsehsender in Kiew hatte sie aufgrund der Schwangerschaft seit einem Monat pausiert.

Doch dann kam alles anders. Am 24. Februar wurde die 28-Jährige um 4 Uhr morgens von ihrem Mann geweckt. Ihr Vater habe angerufen und gesagt, dass die beiden zu ihm kommen sollen. Der Krieg war ausgebrochen. „Ich habe dann mit meinem Handy die Nachrichten gelesen und es war wirklich wahr. Das Erste, was ich dachte, war: ,Oh mein Gott, mein Baby’“, erinnert sich Nakonechna.

Schutz im Keller des Vaters

Da sie in Kiew für die Nachrichten arbeitete und die politische Situation kannte, verstand sie, was passierte. Dass der Krieg wirklich ausbrechen und vor allem, dass er so schnell nach Kiew kommen würde, hatten sie und ihr Mann aber nicht erwartet. Schnell packten sie eine Tasche mit ein paar Dingen, die nützlich für das Krankenhaus sein könnten. Denn das Kind der hochschwangeren Nakonechna hätte in jeder Sekunde auf die Welt kommen können. „Es dauerte nicht lange, bis wir die erste Explosion hörten“, sagt sie.

Im Auto ging es dann zum Haus ihres Vaters. Als sie dort die nächste Explosion hörten, suchten sie Schutz in seinem Keller. Nakonechna machte sich Sorgen. Was, wenn das Kind jetzt zur Welt kommt? Können wir dann ins Krankenhaus fahren? Sie rief ihre Ärztin an, diese konnte ihr aber nicht sagen, ob es sicher sei, ins Krankenhaus zu fahren. Die Situation war für alle im Land schwierig und neu. Nakonechna schaute sich zur Sicherheit Youtube-Videos an, wie man ein Kind selbst zur Welt bringen kann. Ihr Mann holte ein paar Dinge dafür in der Apotheke.

Übernachten bei Fremden

Kiew liegt nahe der Grenze zu Belarus. Nakonechna und ihr Mann hörten, dass russische Truppen bereits über diese Grenze in Kiew einmarschiert waren. Sie wussten nicht, wo sie hingehen sollten. Viele seien am ersten Tag in Panik zur Grenze nach Polen gereist. „Aber was, wenn wir an der Grenze warten müssen und dann mein Kind zur Welt kommt?“, dachte sich Nakonechna. Sie mussten sich also erstmal einen sicheren Ort in der Nähe von Kiew suchen.

Sie reisten Richtung Westen. Während sie immer häufiger Explosionen hörten und Militärflugzeuge landen sahen, übernachteten sie zunächst bei Fremden. „Viele Leute öffneten uns ihre Türen, baten uns Schlafplätze an und halfen uns“, erzählt Nakonechna. Ein paar Tage später erreichten sie dann doch ein Krankenhaus. Nicht weit davon entfernt sahen sie ukrainisches Militär. „Das war sehr beängstigend“, sagt die Ukrainerin.

Beim Bombenalarm bei Kiew mussten alle in den Keller des Krankenhauses.
Beim Bombenalarm bei Kiew mussten alle in den Keller des Krankenhauses.

Geburt während Bombenalarm

Wenn der Bombenalarm losging, musste sie vom vierten Stock in den Keller laufen, weil der Aufzug im Krankenhaus nicht funktionierte. Am 2. März tat sie das zwei Mal. Beim dritten Alarm aber hatte sie große Schmerzen. Die Wehen setzten ein. „Ich kann nicht in den Keller. Das Kind kommt jetzt“, sagte sie zum Arzt. Also blieben sie trotz des Angriffs im Krankenzimmer. Und Olivia kam zur Welt. Als Diana Nakonechna ihre Tochter in den Armen hielt, war sie für einen kurzen Moment glücklich, wie sie erzählt. „Dann dachte ich mir aber schnell: In was für einer Zeit bist du nur geboren?“ Es war der siebte Tag des Krieges.

Drei Stunden nach der Geburt konnten Mutter und Tochter kurz ruhen, ehe der nächste Alarm schlug und beide in den kalten Keller mussten. Dort traf Nakonechna auf zwei weitere Mütter mit neugeborenen Kindern. „Ich hatte solche Angst um meine Tochter. Ich dachte, es kann jederzeit eine Rakete bei uns einschlagen“, sagt sie. Das Krankenhaus war nicht mehr sicher. Das frisch gebackene Elternpaar reiste weiter gen Westen in die Karpaten, wo sie ein paar Tage blieben. Doch für Nakonechnas Mann war klar: „Ihr müsst das Land verlassen.“

Entscheidung als Mutter, nicht als Diana

Die junge Mutter stand vor einer schwierigen Entscheidung. Hätte sie diese allein für sich treffen müssen, wäre sie in Kiew geblieben und hätte weiter für das Fernsehen über die Situation im Land berichtet, sagt sie. Als sie dann ein Foto sah, konnte sie ihren Augen nicht trauen. Es war ein Foto von der Straße in Irpin, in der die Familie sich ein Haus gekauft hatte. Sie erkannte die Orte. „Hier wollten wir Kaffee trinken, in dem Park spazieren gehen“, beschreibt sie. Was sie auf dem Foto auch sah: eine tote Frau, ein totes Kind und viele gefesselte Männer. „Ich dachte mir, das nächste Kind könnte meine Olivia sein. Also musste ich etwas tun, damit sie sicher ist. Ich musste als Mutter entscheiden, nicht als Diana.“

Und so machte sie sich am 17. März mit ihrer Tochter auf nach Deutschland. Ohne ihren Mann. Der durfte das Land aufgrund des Krieges nicht verlassen. „Das war sehr schlimm für mich. Ich dachte, ich würde sterben“, sagt Nakonechna. Immerhin reiste sie zusammen mit der Schwester ihres Mannes und deren Mann, der hörgeschädigt ist und daher nicht für das Militär eingezogen wurde.

Viele Helfer in Deutschland

In Deutschland übernachteten sie zunächst für fünf Tage in einer Kirche in Bad Dürkheim. Die Mitglieder der Kirche suchten ihnen dann ein Haus in Insheim, wo sie bis heute wohnen. Zunächst zu zehnt, mittlerweile mit 22 geflüchteten Menschen zusammen.

Die ersten Tage und Wochen in Deutschland seien für Nakonechna und ihre Tochter schwierig gewesen. Sie wussten nicht, was als Nächstes kommt, waren in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, ohne Mann, ohne viel Kleidung und zunächst auch ohne Geld. Da viele Ukrainer bei der Ausreise viel Bargeld abheben wollten und die Bank mit dem Ausbezahlen nicht nachkam, fror sie die Konten ein. „Wir haben hier aber so viele tolle Menschen kennengelernt, die uns geholfen haben. Leute mit großen Herzen“, sagt die Ukrainerin. Seit etwa einem Monat ist auch Nakonechnas Mann in Deutschland. Er durfte ausreisen. Wie lange er bleiben darf, wissen die beiden nicht. „Aber es hilft, dass er da ist. Wir leben von Tag zu Tag und versuchen, uns zu beschäftigen.“

 Nakonechna fand Zuflucht in einer Kirche in Bad Dürkheim.
Nakonechna fand Zuflucht in einer Kirche in Bad Dürkheim.

Am Boden zerstört

Als die 28-Jährige gerade wieder etwas Hoffnung schöpfte, erreichte sie vor drei Wochen die nächste schlimme Nachricht: Ihre Mutter ist gestorben. Sie hatte gesundheitliche Probleme. Als es ihr nicht gut ging, konnte sie aufgrund des Krieges nicht ins Krankenhaus gebracht werden. Ein Arzt hätte sie vielleicht retten können, vermutet Nakonechna. „Am Tag davor habe ich noch mit ihr telefoniert. Ihr ging es gut. Am nächsten Morgen hat mich meine Schwester angerufen und mir erzählt, dass sie gestorben ist. Ich war am Boden zerstört.“

Zur Beerdigung reiste sie zurück nach Kiew, ihrem zu Hause, dem Ort an dem sie am liebsten leben würde. Dort sah sie viele zerstörte Orte, zerstörte Schulen, Häuser ohne Licht, ohne Heizung. Sie selbst übernachtete in einem Apartment und schlief in ihren Klamotten. Eine Rückkehr mit ihrer Tochter in diese Umgebung sei erstmal nicht denkbar.

„Hoffnung gibt mir meine Tochter“

Was gibt einem Hoffnung in so einer Zeit? Eine Frage, auf die Diana Nakonechna zunächst keine Antwort findet. „Es gab eine Zeit, da hatte ich keine Hoffnung mehr. Hoffnung gibt mir nun meine Tochter, für die ich mir eine gute Zukunft wünsche. Außerdem glaube ich an unsere Armee, die ich unterstütze und der ich Geld schicke. Hoffnung geben mir auch die anderen Länder, die uns unterstützen. Viele meiner Freunde retten sich in Arbeit, andere retten sich wie ich in ihren Kindern, wieder andere retten sich darin, anderen zu helfen. Wir leben alle in den Tag und versuchen, weiterzumachen und nicht über die Zukunft nachzudenken.“

Diana Nakonechna heute.
Diana Nakonechna heute.
Mehr zum Thema
x