Landau Tschüss, Ihr Schüler

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Dieser Wechsel dürfte Seltenheitswert haben – die Leiter der drei staatlichen Gymnasien in Landau werden gleichzeitig in den Ruhestand verabschiedet. Straßner war 13 Jahre der Fuhrmann am OHG, Neumann und Rothe übernahmen vor zehn Jahren das Steuer am ESG und MSG. Obwohl ihre Schulen als Konkurrenten um Schüler werben, gelang den drei Pädagogen eine gedeihliche Zusammenarbeit. Eine offizielle Übergabe an ihre Nachfolger ist ihnen nicht vergönnt, denn die sind zwar auserkoren, aber noch nicht ernannt (wir berichteten gestern). Die Männer stammen aus einer Zeit, in der weiße Linien die Schulhöfe abtrennten – für katholische und evangelische Schüler, für Mädchen und Jungs. Das waren die 60er-Jahre. In Berlin gingen die Kinder in der Pause im Kreis um eine Eiche herum und in Zweier-Reihen zurück ins Schulhaus. In Ludwigshafen gab es Schläge mit dem Bambusstöckchen, wenn sich die Jungs ins Mädchenrevier trauten. Im Vorgymnasium Edenkoben wurde ausgelost, wer nach Neustadt, wer nach Landau aufs Gymnasium kam. Von wegen Kennenlern-Tag. In den Klassen mit 44 Schülern war es ruhiger als heute in den 20er-Klassen. Der Lehrer verbreitete mit einem kleinen roten Notenbuch Angst und Schrecken. Es war die Zeit, in der Straßner und seine Kameraden nach dem Abitur am MSG die Schulbücher verbrannten und zur Strafe die Abiturzeugnisse nicht vom Schulleiter, sondern vom Postboten ausgehändigt bekamen. Die Jahrgänge von Rothe und Neumann begehrten mit dem Verzicht auf die Abifeier gegen das Establishment auf. All das hat für den eigenen Berufsweg geprägt. „Wenn ich wählen dürfte, würde ich die 39 Jahre genau noch einmal so nehmen, wie sie waren. Der Umgang mit den Kindern wird mir möglicherweise fehlen“, sagt Emil Straßner, der sich damit trösten kann, dass er mit seinen Enkeln wieder eine Kinderschar um sich hat. Dabei hatte er eigentlich als Zehnjähriger katholischer Pfarrer werden wollen. Straßner ist der einzige in der Runde, der an allen drei Schulen war – als Schüler am MSG, als Stellvertreter am ESG und als Direktor am OHG. Er habe sich erst daran gewöhnen müssen, bei Kollegenfesten früher heimzugehen, „damit man mal ohne den Schulleiter reden kann“. Als Chef sei er nicht der glückliche Lehrer gewesen. Der Umgang mit jungen Menschen gefällt auch Rainer Rothe, die Auseinandersetzung mit neuen Ideen. „Das hält uns jung.“ Auch wenn man sich als Schulleiter leider vom Unterrichten entferne, so habe ihm das Organisieren Spaß gemacht, „Statistik weniger“. Dass er Lehrer wurde, sei durch die Mutter – selbst Lehrerin – vorgegeben gewesen, sagt Rothe. „Mein Vater war in der freien Wirtschaft. Er war viel unterwegs und musste sich tagtäglich neu beweisen. Er war relativ wenig präsent in der Woche.“ Hans Peter Neumann war immer sehr gerne Gymnasiallehrer: „Ich habe von den fast 37 Jahren keinen Tag als Lehrer bereut. Es ist ein toller Beruf, weil man durchgängig etwas Sinnvolles macht.“ Und doch käme er heute, wenn er noch einmal 25 wäre, ins Zweifeln. Angesichts der Tatsache, dass die Beamtenbesoldung 20 bis 25 Prozent unter der in anderen Berufen liege, würde er heute vielleicht mit der freien Wirtschaft liebäugeln, meint der Physiker. Ein Schulleiter sei Moderator und habe keine Machtbefugnisse, könne weder Lehrer einstellen, noch sie entlassen. „In der Wirtschaft kann man sich trennen.“ Der schwierigste Part seien die Eltern, sinniert Neumann. Und die Interessen des Kollegiums unter einen Hut zu bringen, sei eine besondere Herausforderung: „Es gibt wohl kaum einen Bereich, wo Künstler mit Theologen, Germanisten und Naturwissenschaftlern zusammenarbeiten.“ Da wird viel und gerne diskutiert. Auch über Schulpolitik. Während Straßner und Rothe gerne am Abitur nach achteinhalb Jahren festhalten möchten, weil dann die letzten Monate vor der Sommerpause entspannter auch für die Lehrer seien, sieht Neumann jetzt neue Chancen für den alten Wunsch des ESG, eine G-8-Schule zu werden. Die Anmeldezahlen in Landau seien gesunken und das eröffne dem ESG neue Möglichkeiten. Er bezweifelt, dass Rheinland-Pfalz mit seiner 8,5-Jahre-Regelung bundesweit auf Dauer bestehen könne. Einig sind die erfahrenen Schulleiter in der Beurteilung eines Zentralabiturs. „Wir kommen nicht drum herum, über das Zentralabitur nachzudenken, denn wir brauchen die Vergleichbarkeit mit allen anderen Schulen, ob IGS oder Montessori“, sagt Rothe. Nächster Schritt wäre die Aufhebung der Länderministerien hin zu einem Bundesministerium. Mit einer Zunge sprechen die Oberstudiendirektoren auch bei der Forderung, die Integrierte Gesamtschule als Regelschule bei den Anmeldezeiten den anderen staatlichen Einrichtungen gleichzustellen. Bislang ist die Aufnahme vorgelagert und alle abgelehnten Schüler werden in der Stadt verteilt. „Die müssten zur gleichen Zeit aufnehmen wie wir“, heißt es im Laufe der angeregten Diskussion zur Schulreform. In zehn und 13 Jahren Schulleitung ist viel geschehen. Am ESG bleibt die 575-Jahr-Feier in Erinnerung, das Erbe der halben Million Euro, die Demonstration durch die Stadt wegen der versifften Toiletten, kaputte Dächer, der falsche Lehrer, viele tolle Musik- und Theateraufführungen, der Kampf für die Sanierung des Gebäudes. „Es zieht in den Sälen wie Hechtsuppe, im Winter haben wir Minustemperaturen an den Fenstern.“ Dieses Problem hinterlässt Neumann der Nachfolgerin. Straßner kam in den Genuss einer Komplettsanierung. Über drei Jahre, acht Millionen Euro. Er hat einen Zettel im Tresor liegen, ein fehlgeleitetes Fax: „Mail an den Architekten: Für die weitere Vorgehensweise ist zu beachten, die Wünsche des Schulleiters sind zu hören, zu notieren und bei der Umsetzung nicht zu berücksichtigen.“ Außerdem bleibt haften: der OHG-Lauf mit über 220.000 Euro für gemeinnützige Zwecke, das Gezeter um „Otto, der Hahn“, der Aufbau der Ganztagsschule. Rothe erinnert an zwei Bedrohungsszenarien, von denen die erste heftig gewesen sei und die komplette Räumung der Schule zur Folge hatte. Es gab die jährlichen Konzert und Theateraufführungen, das Abi-Bac, das ECDL-Prüfungszentrum, die Schulfahrten, die Hochwasserhilfsaktion in Deggendorf, die Sanierung der Fachräume. Und, und, und. Tipps für die Nachfolger? Klar. Straßner zitiert einen Bundeswehrleitvers: „Erst schlafen und dann beschweren. Oder entscheiden.“ Rothe wünscht sich, dass die unterschiedlichen Schwerpunkte der einzelnen Schulen gefestigt und an gesellschaftliche Entwicklung angepasst werden. Ein Schwerpunkt der Arbeit werde sicher in Zukunft der Umgang mit den Medien sein, meint Neumann. Auch die Lehrer müssten fortgebildet werden, denn heute seien ihnen die Schüler oft überlegen. (sas) Verabschiedung —Emil Straßner wird morgen um 11 Uhr in der Turnhalle des OHG verabschiedet. —Rainer Rothe wird am Mittwoch, 22. Juli, um 11 Uhr im Alten Kaufhaus verabschiedet. —Hans Peter Neumann wird am Donnerstag, 23. Juli, um 16 Uhr im ESG verabschiedet.

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