Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Suchtexperte im Interview: Ist alkoholfreier Wein eine gute Alternative?

Auch immer mehr Winzer aus der Pfalz bieten alkoholfreie Weine an. Kann das ein Mittel sein gegen die Absatzprobleme im weltweit
Auch immer mehr Winzer aus der Pfalz bieten alkoholfreie Weine an. Kann das ein Mittel sein gegen die Absatzprobleme im weltweiten Weinmarkt?

Alkoholfrei ist im Trend. Inzwischen bieten auch immer mehr Winzer in der Pfalz alkoholfreie Weine an. Der Suchtexperte Achim Gooss erklärt im Interview, was er davon hält.

Herr Gooss, trinken Sie manchmal nach Feierabend ein Glas Wein oder stoßen mit Sekt an, wenn es etwas zu feiern gibt?
Solche Momente, in denen ich Alkohol trinke, gibt es, aber sie sind mit den Jahren immer seltener geworden.

Warum?
Ich trinke nicht mehr automatisch zu einem Anlass Alkohol, sondern frage mich bewusst: Will ich das jetzt – ja oder nein? Und ich stelle oft fest, dass ich es eigentlich gar nicht brauche. Wenn man weiß, dass Alkohol ungesund ist, fühlt es sich für mich besser an, darauf weitestgehend zu verzichten.

Alkohol ist tief in der deutschen Gesellschaft verankert. Das Feierabendbier, der Frühschoppen, der Geburtstagssekt – alkoholische Rituale gibt es viele. Sind die Deutschen ein Volk der Trinker?
Historisch betrachtet waren sie das wahrscheinlich schon. Der Zeitgeist hat sich jedoch verändert. Der Alkoholkonsum in Deutschland zeigt Parallelen zum Tabakkonsum. Früher wurde überall geraucht, im Restaurant, in Sitzungsräumen, selbst im Flugzeug. Heute ist das stark zurückgegangen. Beim Alkohol sehen wir eine ähnliche Entwicklung, wenn auch etwas verzögert. Der Trend geht zu mehr Gesundheitsbewusstsein und weniger Konsum.

Was sind die Gründe dafür, dass die Deutschen weniger Bier, Wein und Co. trinken?
Es gibt nicht den einen Faktor, der das erklären könnte. Zum einen wissen wir heute mehr über die gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums, früher wurde Alkohol viel unbewusster getrunken. Gleichzeitig ist die Selbstbestimmung gestiegen. Menschen fragen sich stärker, was sie wirklich wollen. Dazu kommt ein genereller Gesundheitstrend: mehr Sport, bewusstere Ernährung, auch beim Trinken.

Alkoholfreie Getränke sind im Trend, immer mehr Hersteller drängen auf den Markt. Die Pfalz lebt unter anderem vom Weinbau. Auch zahlreiche Winzer bieten inzwischen Weine und Sekte ohne Alkohol an. Sind das gute Alternativen – sowohl für Menschen ohne Suchtprobleme als auch für trockene Alkoholiker?
Da muss man unterscheiden. Wer keine Abhängigkeit hat, kann sich bewusst entscheiden, ob er alkoholhaltigen oder alkoholfreien Wein trinkt. Wobei der Hinweis alkoholfrei selten wirklich 0,0 Prozent bedeutet, kleine Restmengen Alkohol sind auch bei alkoholfreien Weinen meist enthalten. Aber klar: Weniger Alkohol ist gesundheitlich besser. Für Menschen mit einer Abhängigkeit ist alkoholfreier Wein jedoch leider keine gute Alternative. Erstens wegen des Restalkohols, zweitens wegen der starken Trigger, also der Reize, die damit verbunden sind. Die Flasche, der Geruch, das damit verknüpfte Ritual. All das kann Rückfälle begünstigen.

Ist alkoholfreier Wein dennoch etwas, das Sie begrüßen – aus Sicht eines Suchtexperten und Psychiaters?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube auch, die Winzer haben etwas Zeit verloren im Vergleich zu den Bierbrauern. Alkoholfreies Bier hat sich stark entwickelt – geschmacklich und vom Image. Manche der alkoholfreien Biere sind vom Geschmack kaum von jenen mit Alkohol zu unterscheiden. Beim Wein ist das noch nicht ganz gelungen. Vielleicht muss man auch akzeptieren, dass dieser kein Ersatz ist – rein geschmacklich betrachtet–, sondern ein eigenes Getränk und entsprechend seine Erwartungshaltung überdenken.

Früher gehörte Alkohol fast selbstverständlich bei Heranwachsenden dazu, der Besuch mit Freunden auf dem Weinfest, die Kellerparty zum Geburtstag mit Bier. Wie ist das heute?
Es gibt natürlich weiterhin Jugendliche, die trinken. Aber insgesamt ist der Konsum deutlich zurückgegangen. Wein wird heute eher von über 50-Jährigen getrunken. Die Jugend konsumiert weniger Alkohol und legt deutlich mehr Wert auf Fitness, Sport und gesunde Ernährung.

Gleichzeitig steigen Zahlen bei anderen Substanzen mit Blick auf junge Menschen, Stichwort Cannabis. Ist die Lust am Rausch geblieben und drückt sich nur in anderen Formen des Konsums aus?
Das ist schwer pauschal zu sagen. Es gibt Entwicklungen bei Cannabis oder Kokain, aber ob das direkt den Alkohol ersetzt als Phänomen, ist nicht eindeutig messbar.

Warum fangen Menschen an zu trinken?
Grundsätzlich kann jeder abhängig werden – es ist eine Frage von Dosis und Häufigkeit. Es gibt psychische Faktoren, etwa Stress oder Schlafprobleme, die den Konsum begünstigen. Aber es gibt auch Menschen, die gedankenlos in der Clique anfangen und langsam hineinrutschen. Es muss nicht immer eine Krise dahinterstehen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sagt, es gebe keinen gesundheitlich unbedenklichen Alkoholkonsum. Das kommt bei vielen Produzenten alkoholischer Getränke nicht gut an, auch bei vielen Pfälzer Winzern nicht. Welche Menge Alkohol ist aus wissenschaftlicher Sicht vertretbar?
Die Datenlage ist komplex. Es gibt Hinweise auf mögliche positive Effekte bei sehr geringem Konsum, etwa fürs Herz. Aber schon kleine Mengen erhöhen das Krebsrisiko deutlich. In der Gesamtbetrachtung überwiegen eindeutig die Risiken, deshalb sagt die WHO, es gebe keine sichere Menge.

Kritiker dieser WHO-Forderung – dazu zählt unter anderem die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die dazu neulich mehrere Artikel veröffentlicht hat – argumentieren, Alkohol habe auch soziale Funktionen, also auch positive psychosoziale Effekte. Um es lebensnah auszudrücken: Viele, die trinken, tun das in Gesellschaft – und sind somit nicht allein, haben den Austausch mit anderen. Für Sie ein nachvollziehbares Argument?
Das ist eine interessante These. Aber wir sehen, dass soziale Kontakte auch ohne Alkohol funktionieren – ähnlich wie beim Rauchverbot. Natürlich gibt es Einzelfälle, etwa bei sozialer Angst, wo Alkohol kurzfristig helfen kann. Aber das ist kein Massenphänomen. Und das Problem ist hier: Gerade, weil der Alkohol in diesen Situationen kurzfristig helfen kann, kann er zur bevorzugten Bewältigungsstrategie werden und nicht nur die Angststörung aufrechterhalten, sondern auch zusätzlich in die Abhängigkeit führen.

Welche Debatte wollen Sie mit Ihrer Podiumsdiskussion in Landau rund um das Thema alkoholfreier Wein anstoßen?
Es geht um den Spagat. Wir leben in einer Region, die stark vom Wein geprägt ist – kulturell und wirtschaftlich. Gleichzeitig wissen wir um die Risiken. Ich möchte die Diskussion öffnen, ohne den Wein zu verteufeln. Die Hoffnung wäre, dass es künftig mehr um bewussten Konsum geht, also Qualität statt Quantität. Vielleicht hätten davon alle etwas. Auch die Winzer.

Termin

„Alkohol zwischen Genuss und Risiko: Kommen Weinbau und Medizin auf einen Nenner?“ – zu einer Podiumsdiskussion mit diesem Titel lädt die Fachklinik Eußerthal im Zuge der bundesweiten Aktionswoche Alkohol für Mittwoch, 17. Juni, 19 Uhr, ins Alte Kaufhaus ein. Suchtexperten, aber auch Vertreter von Weinbau und Tourismus diskutieren über das Suchtmittel Alkohol wie auch über den Wirtschafts- und Kulturfaktor Wein – gerade in der Pfalz. Der Eintritt ist frei.

Info

Achim Gooss, 57, ist seit Jahresbeginn Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Fachklinik Eußerthal. Der gebürtige Landauer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Facharzt für Pharmazeutische Medizin und verfügt über langjährige Erfahrung in der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen. Die Fachklinik Eußerthal ist eine Rehabilitationsklinik der Deutschen Rentenversicherung für Menschen mit Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit.

Achim Gooss
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Wer nicht lesen will, kann hören: Sie wollten schon immer wissen, wie man die vielen Flaschen Wein, die man zu Hause hat, am besten lagert? Oder welche Unterschiede es zwischen verschiedenen Rebsorten gibt? Dann sind Sie hier genau richtig: In unserem kostenlosen Podcast "Wissensdurst" löchern Vanessa Betz und Rebecca Singer die Weinexpertin Janina Huber mit Fragen rund um das Thema Wein.  

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

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