Landau / SÜW
Schwarzkittel fürchten Menschen immer weniger
Wildschweine sind Allesfresser. Auf ihrem Speiseplan stehen Gras und Bucheckern ebenso wie Insektenlarven, Kleinsäuger und Aas. Was Wildschweine aber besonders mögen, ist Mais. Und der wächst auf den Feldern um Landau herum zu Genüge. Kein Wunder also, dass das Schwarzwild auch den Stadtrand nach nahrhaften Köstlichkeiten absucht. Wie zuletzt auf der Wollmesheimer Höhe. Hier hat eine Rotte Wildschweine ihr Unwesen getrieben und einen Teil des Ackers umgewühlt. Anwohner fragen sich: „Droht das auch meinem Vorgarten?“
Viele Tiere hätten schlichtweg die Angst vor den Menschen verloren, sagt Klaus Walter. Er ist Vorsitzender der Kreisgruppe Südliche Weinstraße im Landesjagdverband Rheinland-Pfalz, vertritt 600 Jäger und hat selbst ein Revier bei Bad Bergzabern. Zwar sei der Instinkt zweifelsohne eine Eigenschaft der Wildschweine, aufgrund ihrer Intelligenz könnten die Tiere aber sehr wohl Gefahren einschätzen und wüssten eben auch, wenn keine drohe. „Gerade in den Maisfeldern, aber auch in Vorgärten ist es interessant und ruhig. Nachts schlafen die Leute, und die Tiere fühlen sich sicher“, sagt Walter.
In den letzten Jahren hätten sich die Ausflüge von Wildschweinen in die Nähe von Wohnsiedlungen gehäuft. „Die stehen in Wollmesheim teilweise schon in den Gärten“, berichtet Mario Biwer, Pressesprecher im Forstamt Haardt und ebenfalls Jäger. Er nennt als zusätzlichen Faktor für die Ausbreitung der Schwarzkittel, wie sie in der Jägersprache auch scherzhaft genannt werden, den wachsenden Monokulturen-Anbau von Futterpflanzen. Vor allem Mais wird in der Südpfalz teilweise auf riesigen Feldern angebaut. Hier finden die Schweine nicht nur viel zu fressen, sondern auch einen blickdichten Unterschlupf.
Unter Druck wegen Corona
Bei eigenen Begegnungen hatte Klaus Walter auch bemerkt, dass einige Tiere sogar keine Furcht mehr vor angeleinten Hunden hatten. „Das interessiert die gar nicht mehr“, meint Walter. Doch woran liegt das? Ein entscheidender Faktor scheint die immer stärkere Annäherung von Mensch und Tier zu sein. Besonders der hohe „Freizeitdruck“, wie Walter es nennt, habe die Lage noch einmal verschärft. Noch vor der Pandemie waren viele Wälder idyllische Ruheoasen. Doch wer im Sommer 2020 pflichtbewusst die Abstandsregeln einhalten wollte, es ihm aber beim Spazierengehen in der Stadt oder im Dorf zu eng wurde, entdeckte den Wald für sich. Outdoorläden machten Rekordumsätze, und die Menschen strömten in den Wald.
Doch der neue Wanderboom hatte auch seine Nachteile: Inzwischen sind viele Wälder keine Oasen mehr. Es wimmelt von Pilz- und Kastaniensuchern, Wanderern, Joggern, Reitern und E-Bike-Fahrern. Besonders letztere machen dem Jäger Sorgen: „Die werden immer dreister! Wir verweisen immer mit vielen Hinweisschildern auf eine Drückjagd. Die werden aber oft ignoriert. Da meinte in diesem Jahr schon einer zu mir, dass ich doch bitte mit der Jagd im Wald pausieren und den Kollegen Bescheid geben solle, weil er mit seinem Mountainbike weiter durch den Wald fahren wollte.“
Klimawandel beeinflusst Verhalten
Laut Walter ist auch das ein Grund, warum Wildschweine aus dem Wald kommen und sich neue Territorien suchen. Das bestätigt Mario Biwer. Er macht klar: Auch der Klimawandel ist ein wichtiger Grund für das veränderte Verhalten der Tiere. Durch die höheren Temperaturen der letzten Jahre werfen die Eichen mehr Früchte ab. Was normalerweise alle sieben Jahre passiert, ist nun bereits alle zwei bis drei Jahre zu beobachten. Das Nahrungsangebot für Waldtiere steigt also.
Ein weiterer Aspekt: Die Sterblichkeit nehme jedes Jahr weiter ab. Als Grund nennt Biwer die milderen Winter, die besonders den Frischlingen das Überleben erleichtern. Als dritter Faktor kommt die frühere Geschlechtsreife der Wildschweine dazu. „Weil es an Nahrung nicht mangelt, fressen sich die Jungtiere schnell Kilos an und können sich früher fortpflanzen. Kinder bekommen Kinder! Das ganze System hat sich komplett verändert“, erläutert Biwer. Fast das ganze Jahr über seien mittlerweile Paarungen zu beobachten. Die Population wachse beständig.
5600 Tiere sterben bei Unfällen
Die Tiere kämen nicht unbedingt freiwillig immer näher an die Menschen heran, vielmehr sei es umgekehrt. Als Beispiele nennt Klaus Walter Straßen wie die A65, die B38 und die B10. „Das waren früher Wildwechsel, also Wege, die Tiere regelmäßig genutzt haben. Deswegen passieren hier auch die meisten Wildunfälle.“ Seit Generationen würden diese Strecken genutzt, die nun von Asphalt und Tausenden Blechkisten pro Tag durchkreuzt würden. Laut Landesbetrieb Mobilität kommen in Rheinland-Pfalz jedes Jahr über 5600 Tiere bei Wildunfällen ums Leben.
Hier könnten Wild- oder Grünbrücken helfen, die Lebensräume, die durch eine Straßen getrennt wurden, wieder verbinden. Über sie können Tiere stark befahrene Verkehrswege gefahrlos überqueren. Doch in der Südpfalz gibt es keine Wildbrücken. Im Zuge des B10-Ausbaus ist eine solche bei Queichhambach geplant. „Leider keine Alternative für die Wildschweine hier um Landau“, bemerkt Klaus Walter.
Treibjagden im Pfälzerwald
Im vergangenen Jahr gab es in Rheinland-Pfalz nach Schätzungen der Experten vom Landesforst etwa 55.000 Wildschweine, sogenanntes Schwarzwild. Die Zahlen schwanken sehr stark, auch wenn die Tendenz insgesamt steigend ist. Nur eine Jagdsaison zuvor, 2019/20, sollen es erstmals über 100.000 Tiere gewesen sein. Für dieses Jahr geht Klaus Walter wieder von ähnlichen Mengen aus, wobei eine Einschätzung äußerst schwierig ist. Erst neulich waren er und rund 250 Kollegen zwischen Rinnthal, Eußerthal und Annweiler-Gräfenhausen in neun Revieren unterwegs auf der Jagd nach Wildschweinen. 150 hatten sie am Ende des Tages erlegt. Bis Ende des Jahres sollen fünf oder sechs weitere Jagden dieser Größenordnung folgen.
Walter würde gerne häufiger zur Jagd gehen, das Problem sei der unsichere Absatz. „Wenn wir Jäger wüssten, dass uns das Fleisch auch abgekauft werden würde, dann wären wir sicher auch bereit, mehr Wildschweine zu jagen.“ Der Vorsitzende der SÜW-Jägerkreisgruppe wünscht sich mehr Rückhalt in der Bevölkerung: „Das Fleisch hat eine gute Qualität, ist bestes Biofleisch und kommt aus der Region. Eigentlich genau das, was im Moment doch alle wollen.“ Bei Walter kommt seit Jahren nur noch Wildschwein auf den Tisch.
Südpfälzer Wildwochen
Vielleicht sind die „Wilden Wochen“ in der Südpfalz ein guter Einstieg in das Thema. 22 Gastronomen bringen bis Jahresende Wildbret von Wildschwein, Reh- und Rotwild aus dem Pfälzerwald, dem Bienwald und den Rheinauen auf den Tisch. Die Häuser werden von den Tourismusvereinen und den Südpfälzer Jagdverbänden unterstützt. Egal, ob Rehrücken, Filet vom Hirschkalb oder Spareribs vom Wildschwein – das Fleisch ist bis zum Jäger zurückzuverfolgen. Wildbret ist ein sehr hochwertiges, vitamin- und nährstoffreiches Fleisch, das viel Eiweiß enthält und nur einen geringen Fettanteil hat, heißt es in der Mitteilung der Touristiker. Außerdem hätten die Tiere keinen Schlacht- und Transportstress, da sie in ihrer natürlichen Umgebung erlegt würden.
Stefan Asam, früher Förster in Annweiler und heute Direktor der Zentralstelle der Forstverwaltung, wirbt dafür, durch den Verzehr von Wild auch einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Dies hänge mit der Vermeidung von Treibhausgasen bei der Futtermittelgewinnung, der Tierhaltung und dem -transport sowie mit der Entsorgungsproblematik von Gülle zusammen. „Eine fleischreduzierte Ernährung und der Ersatz von Produkten aus konventioneller Tierhaltung durch Wildfleisch helfen dem Klima signifikant“, betont Asam.
Info
www.soschmecktdiesuedpfalz.de/wildewochen