Landau
Schulleiter verabschiedet sich: „Wollte sauberen Abschluss“
21 Jahre war Andreas Doll Lehrer am Landauer Otto-Hahn-Gymnasium (OHG), ab 2009 stellvertretender Schulleiter und die vergangenen neun Jahre im Amt als Direktor. Ruhig und gelassen sitzt er an seinem allerletzten Tag im Schulgebäude und lässt im offenen Gespräch mit der RHEINPFALZ die Zeit Revue passieren.
Von den Wünschen und Zielen, die er als Schulleiter verwirklichen wollte, ist ihm seiner Ansicht nach bis auf eine Sache alles gelungen. Seine ruhige Art stand im krassen Gegensatz zu den impulsiven Aktionen seines Vorgängers Emil Straßner, die Doll fast liebevoll „gelebte Leidenschaft“ nennt. Das war für das Kollegium ebenso eine Umstellung wie die Übertragung von mehr Eigenverantwortung an die Lehrerinnen und Lehrer für ihre jeweiligen Aufgaben.
„Mensch als Individuum sehen“
„Den Menschen als Individuum sehen und in seinen Bedürfnissen annehmen“, diese Prämisse hat er nach eigener Einschätzung sichtbar vorgelebt. Will sagen, „der Neuling in der fünften Klasse hat andere Bedürfnisse als der verliebte 15-jährige Zehntklässler oder der schon fast erwachsene Abiturient“. Dass das OHG ein Stück Heimat bietet, zeigt sich immer wieder in vielseitigen Engagements für die Schulgemeinschaft. Als ein hervorragendes Beispiel nennt Doll den Kunstrasenplatz im Spielhof. Weil es genügend Spender gab, die eines der 836 Felder zu je 50 Euro finanzierten, konnte das Projekt 2013 ohne jede öffentliche Förderung verwirklicht werden. Als weiteren Höhepunkt sieht Andreas Doll, der auch Mitglied im Landauer Lions Club ist, den jährlichen Spendenlauf durch die Innenstadt, bei der die Schulgemeinschaft in den vergangenen 20 Jahren mehr als 400.000 Euro für soziale Zwecke erlaufen hat.
Pädagogische Weiterentwicklung
Auch die pädagogische Weiterentwicklung des Unterrichts hat die Schule unter seiner Führung gut gemeistert, zum Beispiel im Projekt „Leistung macht Schule“. Allein an der Zielsetzung des ausfallfreien Unterrichts – „100 Prozent Lehrerinnen und Lehrer für 100 Prozent Schülerinnen und Schüler“ – fühlt er sich „kläglich gescheitert“. Das allerdings liegt am System. „In neun Jahren enger Beziehung zum Bildungsministerium habe ich die Einstellung der erwartungslosen Gelassenheit angenommen.“
„Erwartungslose Gelassenheit“ – dieses Zitat aus einem Lehrbuch zu einem seiner Hobbys, dem Golfspielen, hat sich Andreas Doll grundsätzlich zur Tugend gemacht. Demut, Dankbarkeit und Mut sind weitere Begriffe, die im offenen Gespräch häufig fallen. „Wir müssen mutig sein und alle Leerstellen im Bildungsministerium mit eigenen Ideen füllen.“ Als ein Beispiel nennt er das schulinterne Einsparkonzept, durch das sich das OHG eine eigene Verwaltungskraft leisten kann. Und den Mut, „immer noch Teams-Schule zu sein, obwohl die Duldung für die Zeit der Corona-Pandemie schon lange abgelaufen ist“. Zur Erklärung: Teams ist eine Plattform, die Chat, Besprechungen, Notizen und Kalender kombiniert. „Viele Schulen haben da mitgezogen und es läuft – aber das Ministerium schweigt.“
Erste Planstelle in Neustadt
Die Fächerkombination Sport, Deutsch und Sozialkunde, die er nach dem Abitur am Landauer Max-Slevogt-Gymnasium in Tübingen und Mainz studiert hat, bevor er nach dem Referendariat in Speyer und einem Jahr an der Landauer Maria-Ward-Schule 1994 seine erste Planstelle am Leibniz-Gymnasium in Neustadt antrat, „macht als Verbindung der Dinge Sinn“, sagt er und erklärt: Sozialkunde beschäftigt sich mit der aktuellen Politik, Deutsch spielt mit der Sprache und im Sport – besonders im Mannschaftssport – offenbart sich der Charakter eines Menschen. In seiner Abschiedsrede gab er seiner OHG-Familie jenen Satz mit auf den Weg, den der Sportjournalist Marcel Reif als Sohn eines Holocaust-Überlebenden in einer Gedenkstunde im Bundestag im Januar aus Notizen des Vaters zitierte: „Sei ein Mensch.“
Diagnose Parkinson
„Ich bin jeden Tag gerne in die Schule gegangen“, blickt Andreas Doll auf insgesamt 34 Jahre Lehrtätigkeit zurück. Einzige Zeit des Strauchelns war nach dem frühen Tod seiner ersten Ehefrau und Mutter dreier seiner vier Kinder 2004. Länger gefehlt hat er lediglich nach einem Kreuzbandriss, den er sich 2006 beim Fußballspielen zugezogen hatte. Nach der zweiten, an der Patchworksituation gescheiterten Ehe, will er in wenigen Tagen zum dritten Mal den Bund fürs Leben wagen. Mit einer Freundin aus Jugendtagen, die er vor fünf Jahren beim Fête de la musique wiedergetroffen hat und die, als wär’s eine Fügung, wie er verwitwet und geschieden ist.
Dass er mit 60 Jahren vorzeitig geht und dadurch finanzielle Einbußen in Kauf nimmt, hat einen gesundheitlichen Grund: „Am 28.10.2020 hat mich die Diagnose Parkinson erreicht. Per Post, weil Corona war“, erklärt Andreas Doll in der ihn auszeichnenden klaren Sprache, deren Zungenschlag verrät, dass er ein Pfälzer ist. Aufgewachsen mit drei Brüdern, die allesamt einen lehrenden Beruf ausüben, in einem Lehrerhaushalt in Ilbesheim.
Offener Umgang mit Erkrankung
Von Anfang an ist er offen mit der Erkrankung umgegangen. Wohl wissend, dass die degenerative Nervenkrankheit nicht heilbar ist und die Symptome wie Zittern und Muskelschwächen sichtbar fortschreitende Einschränkungen hervorrufen. Mit wirksamen Medikamenten und seinem Lebenselixier, dem Sport, will der vierfache Vater und Opa einer Enkelin kämpfen und solange es geht, das Leben genießen. Noch einmal in das italienische Leben eintauchen, das er während der fünf Jahre als Lehrer an der deutschen Schule in Rom über die Jahrtausendwende sehr genossen hat. Reisen außerhalb der Ferienzeiten. Unter anderem nach Nepal, um hautnah einen Achttausender zu sehen.
„Ich wollte einen sauberen Abschluss“, nennt er als Grund für seine Entscheidung, jetzt zu gehen, und gibt sich froh und zufrieden mit der Wahl seines Nachfolgers, den er persönlich kennt und schätzt. Weil Andreas Wehrmeister als Schulleiter der Integrierten Gesamtschule Ernst Bloch in Ludwigshafen Oggersheim aus derselben Position startet, hatte er gegenüber allen weiteren Bewerbungen den Vorteil, dass es sich bei ihm „nur“ um eine Versetzung handelt und das verwaltungsbürokratische Prozedere es somit zulässt, dass er direkt am ersten Schultag nach den Sommerferien seinen neuen Posten als Schulleiter einnehmen kann. Als dieser ihn in einem persönlichen Gespräch fragte: „Wie oft ist denn bei euch die Polizei?“ und erstaunt hörte, dass in den neun Jahren seines Vorgängers am OHG nur zwei Mal ein Einsatz nötig war, wurde Andreas Doll an ein weiteres seiner selbstgesetzten Ziele erinnert: „Sich bewusst zu sein, dass wir hier in einem Paradies leben.“