Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Preisermittlerin in Landau: Was ist billiger, was kostet mehr?

Gönül Kuru und ihr Mann klappern in zehn Tagen rund 120 Geschäfte ab. Sie weiß genau Bescheid, was teurer und was günstiger gewo
Gönül Kuru und ihr Mann klappern in zehn Tagen rund 120 Geschäfte ab. Sie weiß genau Bescheid, was teurer und was günstiger geworden ist.

Gönül Kuru hat die Preise fest im Blick: Für das Statistische Landesamt notiert die Landauerin jeden Monat, was Obst, Heizöl oder ein Haarschnitt kosten – und hilft damit, die Inflationsrate zu ermitteln. Über den Job der Preisermittlerin.

„Entschuldigung, können Sie mir helfen?“ Der ältere Herr lächelt und schaut Gönül Kuru fragend an. Die schüttelt den Kopf und erklärt dem Mann freundlich, dass sie nicht im Elektromarkt arbeitet. Dann dreht sie sich um, tippt weiter Zahlen in ihren Laptop und läuft schließlich zum Regal mit den Staubsaugern. „Das passiert mir öfter“, erklärt sie gegenüber der RHEINPFALZ. „Die Leute halten mich gern für eine Verkäuferin. Sie können ja nicht wissen, dass ich nur die Preise erfasse.“ Schon flitzt Kuru weiter. Routiniert steuert sie Regal für Regal an.

Warum werden Preise ermittelt?

Die 43-Jährige ist im Auftrag des Statistischen Landesamtes in Rheinland-Pfalz unterwegs. Zusammen mit ihrem Mann Özer Gavalci hat sie die Preise in der Stadt im Blick. Jeden Monat hält sie Veränderungen fest und übermittelt die Daten nach Bad Ems. Hier hat das Landesamt seinen Sitz, für das das Ehepaar seit zehn Jahren arbeitet. Die beiden teilen sich eine 450-Euro-Stelle. Und das ist ihr Job: Rund um die Monatsmitte, jeweils an einem festen Wochentag, besuchen sie Supermärkte, Einzelhändler und Dienstleister, um deren Preise unter die Lupe zu nehmen. Sie halten fest, ob und inwiefern sich die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vormonat verändert haben. Anhand ihrer Angaben ermittelt das Statistische Landesamt die monatliche Inflationsrate – also die durchschnittliche prozentuale Veränderung der Preise – für ganz Rheinland-Pfalz. Dazu erheben in elf rheinland-pfälzischen Gemeinden 18 Preisermittler rund 20.000 Einzelpreise.

Wo ist der Kühlschrank?

In Landau klappern Kuru und Gavalci in zehn Tagen rund 120 „Berichtsstellen“ ab – das sind die Geschäfte, in denen sie die Preise prüfen. Eine davon ist der Elektronik-Fachmarkt, in dem Kuru unterwegs ist. Er ist immer an einem Samstag dran. Dort erhebt die zweifache Mutter Preise von 60 Produkten. Vom Autolautsprecher über die Dunstabzugshaube bis hin zum Mobiltelefon. „Wichtig dabei ist, dass ich mir immer die gleichen Geräte anschaue. Nur so ist ein direkter Vergleich möglich“, erklärt Kuru. Sprich: Hersteller und Produkttyp müssen jeden Monat identisch sein. „Es sei denn, die Ware wurde aus dem Sortiment genommen. Wie beispielsweise der Kühlschrank, den ich gerade suche.“ Sie blickt sich um und kann ihn nicht finden. Der Markt führt das Kühlgerät nicht mehr, also nimmt sie ein neues Produkt in ihre Liste auf. „Auch in diesem Fall schaue ich, dass das Produkt von Leistung und Preiskategorie seinem Vorgänger ähnlich ist.“ Das Erfassen neuer Geräte nimmt die meiste Zeit in Anspruch. Ansonsten geht alles ruckzuck: Ware suchen, Preis eintippen, weiter. „In einer halben Stunde bin ich hier durch“, berichtet die Pfälzerin. Etwas länger, nämlich eine Stunde, brauche sie stattdessen in einem großen Landauer Supermarkt. Dafür verbringe sie in Bekleidungsgeschäften meist nur zehn bis 20 Minuten. Wiederum andere Preise – wie etwa für Heizöl – erfrage sie telefonisch.

Manchmal muss sie Händler nerven

„Interessant“, bemerkt Kuru, als sie bei den Kaffeevollautomaten ankommt. „Die eine Maschine ist erneut teurer geworden. Der Preis ist von 1071,31 Euro auf 1120 Euro gestiegen. Im Frühjahr lag er bei 999 Euro“, berichtet die Landauerin, die hauptberuflich beim städtischen Bauamt arbeitet. Nebenbei die Preise zu erfassen, mache ihr Spaß. Unschön sei jedoch, wenn Verkäufer genervt reagieren. Auf dem Wochenmarkt oder in Apotheken beispielsweise müsse sie das Personal direkt nach den Preisen fragen. „Je nach Gemütsverfassung, etwa wenn viel los ist, möchte man mir manchmal keine Auskunft geben“, berichtet Kuru. Jedoch seien die Händler dazu verpflichtet. „Ich muss dann meinen Charme spielen lassen. Vor allem aber braucht es dann viel Fingerspitzengefühl“, sagt die 43-Jährige.

Spannend ist die Mehrwertsteuersenkung

Besonders spannend finde sie zurzeit, wie sich die coronabedingte Mehrwertsteuersenkung deutlich macht. „Ich habe es plötzlich mit vielen krummen Preisen zu tun“, sagt Kuru und zeigt auf eine Dunstabzugshaube für 876,34 Euro. „Hier im Markt ist die Senkung direkt an der Ware ausgezeichnet.“ Bei anderen Geschäften erfolge der Abzug erst an der Kasse, aber das werde sehr unterschiedlich gehandhabt. Das Statistische Landesamt geht übrigens aufgrund der Mehrwertsteuersenkung von einem geschätzten Rückgang der Verbraucherpreise um rund 1,6 Prozent aus – vorausgesetzt die Steuersenkung für die betroffenen Güter wird vollständig an die Verbraucher weitergegeben. Das sei aber nur schwer nachweisbar, bemerkt Kuru, die inzwischen alle Preise im Elektromarkt abgeklappert hat. „Für diesen Monat ist Schluss.“

Die Preise im September

Die Preise für Nahrungsmittel lagen im September 2020 um 1,7 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Tiefer in die Tasche greifen mussten Verbraucher beim Kauf von Obst (plus 5,6 Prozent). Äpfel waren mit plus 17,5 Prozent wesentlich teurer als 2019. Die Preise für Fleisch stiegen um 5,4 Prozent. Billiger hingegen war Gemüse (minus 5,2 Prozent). Vor allem Kartoffeln konnten günstiger gekauft werden (minus 12 Prozent). Tomaten gab es sogar 21 Prozent billiger. Ebenfalls günstiger waren die Preise für Heizöl (minus 32 Prozent) – Strom kostete dafür 4,2 Prozent mehr. Die Preise für Alkohol und Tabak stiegen um 2,9 Prozent. Niedriger als im Vorjahr waren hingegen die Preise in den Bereichen Telekommunikation (minus 2,9 Prozent), Verkehr (minus 2,4 Prozent) und Bekleidung (minus 1,8 Prozent). Es ist bereits der dritte Monat in Folge, in dem die Inflationsrate unter dem Vorjahresniveau liegt. In diesem Monat um 0,1 Prozent niedriger als im September 2019.

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