Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Polizeibeamte: „Wir gehen hin, wo andere wegschauen“

Katrin Trüller und Lukas Wingerter lieben die Abwechslung in ihrem Job.
Katrin Trüller und Lukas Wingerter lieben die Abwechslung in ihrem Job.

Fachkräftemangel gibt es auch bei der Polizei, und wie alle „Blaulicht-Berufe“ klagen auch die Freunde und Helfer bisweilen über einen zunehmend ruppigen Ton bis hin zu Tätlichkeiten der Bürger. RHEINPFALZ-Redakteur Sebastian Böckmann wollte von zwei jungen Polizisten wissen, ob das stimmt, wie sie zu ihrem Job gekommen sind und ob sie die Berufswahl je bereut haben.

Eines vorweg: Den Doppelmord von Kusel steckt niemand leicht weg. Über dieses Thema wollen sie nicht sprechen. Trotzdem sind Polizeikommissarin Katrin Trüller (27) und ihr Kollege Lukas Wingerter begeistert von ihrer Arbeit. Beide kümmern sich in einer Arbeitsgruppe Nachwuchswerbung darum, jungen Leute den Beruf zu vermitteln.

Wie und wann sind Sie zu ihrem Beruf gekommen?
T: Ich hatte eher vor, Tierärztin zu werden, aber in der Oberstufe habe ich ein Praktikum bei der Polizei in Hessen gemacht, und das hat mir sehr gut gefallen.

W: Viele Freunde und Bekannte waren schon bei der Polizei. Dann kriegt man da natürlich einen Einblick. Hier hat man die Arbeit im Team und ich glaube, man findet kaum einen anderen Beruf mit so vielen Einsatz- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Wie schwierig ist das Aufnahmeverfahren?
T: Es erfordert auf jeden Fall Vorbereitung, man sollte da nicht blauäugig rangehen. Man muss der deutschen Sprache mächtig sein. Logisches Denken und all so Sachen sind bei den meisten Auswahlverfahren gleich. Zur Vorbereitung gibt es Bücher, aber auch Angebote von unserer Seite, von der Arbeitsgruppe Nachwuchsgewinnung. Da kann man sich aus erster Hand Informationen holen.

Wie schwierig ist das mit der körperlichen Fitness?
W: Früher war nur der Cooper-Lauf zu absolvieren, also zwölf Minuten Runden rennen. Inzwischen sind noch verschiedene andere Sachen dazugekommen. Darauf sollte man sich auf jeden Fall vorbereiten.

T: Wenn man sich sehr quält mit Sport, hat man es nicht so leicht, weil einen der Sport die nächsten Jahre begleitet.

Nach dem Studium muss man dann zur Bereitschaftspolizei, oder?

W: Nein, heute kann man sich aussuchen, ob man zur Bereitschaftspolizei möchte oder direkt auf die Dienststelle will.

T: Manche wechseln auch direkt zur Kriminalpolizei.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
T: Den klassischen Alltag gibt es nicht. Wir beginnen zum Beispiel unseren Frühdienst um 6 Uhr, aber was dann passiert, wissen wir vorher nie. Vielleicht denkt man: Heute stünde eigentlich eine Kontrollstelle oder eine Laserkontrolle an. Aber wenn es ein stürmischer Tag ist, sind wir unter Umständen den ganzen Tag unterwegs, um Schäden zu bearbeiten.

W: Das ist die Herausforderung an unserem Beruf, aber diese Abwechslung war auch ein Beweggrund, zur Polizei zu gehen.

Ich hatte immer gedacht, Sie wären in ein strenges zeitliches Korsett gepresst.
T: Bei unserem heutigen Schichtmodell arbeiten wir früh, früh, spät, spät und Nacht, Nacht. Aber der Dienst, der auf den Mittwoch fällt, wird nur einmal gearbeitet.

W: Man kann aber auch die Dienstgruppen unterstützen, die vorher oder nachher an der Reihe sind. Man kann zum Beispiel vier Stunden früher beginnen und geht dann in den eigenen Dienst, hört aber entsprechend früher auf.

T: Es gibt genaue Regeln, zu welcher Zeit wie viele Beamte auf der Dienststelle sein müssen. Wenn diese Zahl erreicht ist, können alle weiteren den Dienst verschieben.

W: Das ist dann auch ein Vorteil für Familienväter oder Mütter. Das ist eine ganz gute Alternative zum Teilzeitmodell.

Wie viel sind Sie drin und wie viel draußen auf der Straße?
T: Ganz unterschiedlich, weil wir so stark fremdbestimmt sind. Ganz grob dürfte das Verhältnis von Schreibarbeit zur Zeit auf der Straße bei 70 zu 30 liegen. Ermittlungsarbeit muss beweissicher sein und ordentlich gemacht werden. Aber es gibt auch Tage, wo der Streifendienst Vorrang hat, wo wir nur von A nach B fahren. Dann müssen wir zum Ausgleich vielleicht auch mal eine ganze Nacht am Schreibtisch verbringen.

Was sind denn typische Ermittlungen, die Sie führen müssen?
W: Im Wechselschichtdienst sind das Sachen wie Unfallfluchten oder Tankbetrug, Vernehmungen, Fotodokumentationen und so weiter.

T: Sehr viel Straßenverkehr: Unfälle, Unfallfluchten, Trunkenheitsfahrten. Auch Einbrüche. Wenn es Richtung Wochenende geht, Körperverletzungsdelikte. Den ersten Angriff, wie das bei uns heißt, müssen wir immer übernehmen können, egal, ob das ein Verkehrsunfall oder ein Tötungsdelikt ist.

Wie gut können Sie mit menschlichem Leid umgehen?
W: Wir gehen oft da hin, wo andere Teile der Gesellschaft wegschauen. Natürlich ist das belastend, zum Beispiel wenn man Einsätze mit verletzten Kindern hat.

T: Auch mit Erwachsenen.

W: Auch Erwachsene. Es gibt Sachen, die möchte man nicht sehen, aber es ist die Aufgabe von Polizeibeamten, auch dort hinzuschauen, mit oder an den Personen zu arbeiten.

T: Wir müssen dann einen klaren Kopf bewahren, wenn andere die Nerven verlieren. Aber unsere Ausbildung hat uns einen Werkzeugkasten an die Hand gegeben, sodass eine Situation herausfordernd, aber nicht lähmend ist.

Hat sich das Klima gegenüber Polizistinnen und Polizisten geändert?
T: Wir sind nicht in der Position, eine allgemeingültige Aussage über die Gesellschaft zu treffen. Es gibt freundliche Begegnungen, aber auch solche, wo man jemanden nicht an seinem besten Tag erwischt.

Sie merken keine Verrohung?
W: Es kommt immer wieder mal vor, dass es Angriffe auf uns gibt, aber ob das mehr geworden ist, kann ich nicht sagen.

T: Ich geh’ immer noch gerne auf die Arbeit.

Welche brenzligen Situationen haben Sie schon erlebt? Der Besoffene, der auf Sie losgeht?
T: Brenzlig kann immer mal was werden, wir haben mit Fremden zu tun, mit psychisch Erkrankten oder Menschen in Ausnahmesituationen.

W: Ich bin schon gebissen worden im Dienst. Das ist jetzt aber auch schon wieder zwei Jahre her. Brenzlig kann aber auch der normale Verkehrsunfall auf der Autobahn sein, den man absichert. Es kann auch mal zu Solidarisierungseffekten kommen, wenn man zum Beispiel vor Diskotheken einen Sachverhalt aufnimmt. Bei Einbruchsalarmen muss man auch immer damit rechnen, dass jemand im Objekt ist.

Wie steht es um Respektlosigkeiten Ihnen gegenüber?
T: Das gibt es hier und da auch.

W: Aber da sind wir alle erwachsen und erfahren genug, um das an der Uniform abprallen zu lassen. So was bezieht sich meistens ja nicht auf den Menschen, sondern auf die Funktion.

Waren Sie auch bei den sogenannten Montagsspaziergängen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen eingesetzt?
T: Das ist unser ständiger Alltag.

Und wie ist dabei das Klima?
T: Das sind Veranstaltungsteilnehmer, die ihre Meinung zum Ausdruck bringen wollen, und ich übe meinen Beruf aus, indem ich das Grundrecht der Versammlungsfreiheit schütze. In der Regel handelt es sich allerdings um keine angemeldeten Versammlungen. Ob die Leute Corona leugnen, oder ob sie dagegen demonstrieren, dass es nur dreimal geregnet hat, ist für mich irrelevant.

W: Wir sind da, um die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu wahren und die Versammlungsfreiheit zu ermöglichen. Wir gehen unserem Dienst nach, auch wenn es nicht angemeldete Versammlungen sind. Ob wir die Meinung teilen, egal ob das eine linke oder rechte Demo, Fridays for Future oder sonst was ist, spielt keine Rolle. Bei uns steht die Neutralität im Vordergrund.

Wie steht es mit positiven Rückmeldungen zu Ihrer Arbeit?
W: Die überwiegen sogar, und wenn es nur ein Winken in der Fußgängerzone ist. Wir hatten kürzlich Besuch von einem Fünf- oder Sechsjährigen, der uns immer wieder Polizeibilder malt. So ein Kinderlächeln macht auch Belastendes wieder gut.

T: Ganz oft bedanken sich Leute, dass man freundlich war und helfen konnte.

W: Zum Beispiel bei der Vermisstensuche, wenn wir jemanden wiederfinden. Dann freut sich die 90-Jährige, die wir im Wald finden, und die Tochter, die sich Sorgen gemacht hat.

Wie oft kommt die Body-Cam zum Einsatz?
W: Immer mal wieder. Wenn wir merken, dass eine Situation brenzlig werden könnte, wenn uns das Gegenüber nicht so wohlgesonnen ist, können wir sie einschalten.

Welche Rolle spielt das Schießtraining?
W: Im Studium schießt man mehrfach jede Woche in Enkenbach, wenn man an der Waffe ausgebildet wird. Im Dienst müssen wir unsere Nachweise einmal im Jahr erbringen.

Was genau müssen Sie da können – nur sicher mit der Waffe umgehen oder auch eine bestimmte Trefferzahl erreichen?
W: Sowohl als auch.

Schwierig?
T: Dem einen fällt es leichter, dem anderen weniger.

W: Wer sich schwerer tut, muss sich ein zweites oder drittes Mal zum Training melden.

T: Aber das ist nicht wie im Fernsehen ...

W: Bei uns geht es um realistische Entfernungen.

Sie sind jetzt im Streifendienst. Machen Sie das bis zum Ruhestand, oder wo wollen sie vielleicht mal hin?
T: Ich übe eine Tätigkeit aus, die mir großen Spaß macht. Wenn ich in ein oder zwei Jahren was anderes machen will, stehen mir viele Möglichkeiten offen.

W: Schichtdienst ist super spannend. Das kann ich mir für die nächste Zeit sehr gut vorstellen. Vielleicht später mal mit Personalverantwortung. Man kann auch noch ein Masterstudium in Münster an der Deutschen Hochschule der Polizei dranhängen, zum Beispiel für die Dienststellenleitung.

Das heißt, es stehen einem etliche Wege offen, sich weiterzuentwickeln?
W: Definitiv. Wir haben ein so breites Spektrum wie kaum ein anderer Beruf. Wir haben Kollegen, die wollen Diensthundeführer werden, wir haben andere, die schnell zur Kriminalpolizei wollen, wir haben aber auch innerhalb der Dienststelle unterschiedliche Möglichkeiten, zum Beispiel das Sachgebiet Jugend.

T: Selbst wenn man sich für eine Sparte entscheidet, muss man das nicht für den Rest des Lebens machen. Wir haben innerhalb der Organisation sehr große Wechselmöglichkeiten.

W: Wir haben ein sehr gutes Fortbildungsangebot, von Schwerverkehrskontrollen über das Tuning ...

T: Zweiradkontrollen ...

W: Genau, und noch einiges andere.

Können Sie Ihren Beruf guten Gewissens weiterempfehlen?
T: Ja.

W: Sonst würden wir das nicht machen mit der Nachwuchswerbung – weder im Dienst, noch im privaten Umfeld.

T: Das ist ja auch ein sicherer Beruf, so als Beamte, gerade in Krisenzeiten. Unter Corona haben ganz viele Berufe gelitten. Bei uns hat sich nicht viel geändert und beim Einkommen gar nichts.

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