Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Pflegenotstand in Landau: So ist die Lage

Überall fehlt es an Pflegepersonal – auch in den Krankenhäusern.
Überall fehlt es an Pflegepersonal – auch in den Krankenhäusern.

Egal ob Seniorenheim, Krankenhaus oder Behinderteneinrichtung: Überall fehlt es an Pflegepersonal. Nach einem Einblick in die Landauer Einrichtungen wird deutlich: Es muss sich einiges ändern, denn die Gründe für den Notstand sind vielfältig.

Der Pflegenotstand ist in aller Munde. Kein Tag vergeht, ohne dass davon berichtet wird, dass Krankenhäuser und Pflegeheime aus Personalnot nicht alle Betten belegen können. Wie die Lage in der Region ist, wollten Sozialdezernent und Bürgermeister Maximilian Ingenthron und die Mitglieder des Sozialausschusses aus erster Hand erfahren. Eingeladen waren die Vorständin im Ruhestand der ökumenischen Sozialstation, Karin Leiner, die Leiterin der Nardini-Pflegeschule am Landauer Vinzentius-Krankenhaus, Monika Vogler, der Geschäftsführer der stationären Alten- und Behinderteneinrichtung Bethesda der Diakonissen Speyer, Dieter Lang, und der Pflegedirektor des Klinikums Landau-Südliche Weinstraße, Ralf Levy.

War die Lage bereits vor der Pandemie nicht rosig, so hat Corona die Situation verschärft. In den aufsuchenden Diensten hätten Mitarbeiterinnen aus Angst vor der Krankheit und erschwerten Arbeitsbedingungen – unter anderem durch ständiges Tragen einer FFP2-Maske gekündigt. Ralf Levy bezeichnete das Gefühl im Krankenhaus als „Parallelgesellschaft“, wenn draußen alles gelockert werde, die Pflegenden auf den Stationen aber immer noch eine ganze Schicht mit FFP2-Maske überstehen müssten.

Viele Ausfälle

Zudem verändere die negative Berichterstattung in den Medien den Blick auf die eigene Tätigkeit, stellte Leiner fest. Das verstärke die Problematik, dass kein neues Personal nachkomme. Dabei sei Pflege „ein sinnvoller und wertschöpfender Beruf, krisensicher und abwechslungsreich“. Das Brutto-Jahreseinkommen von bis zu 53.750 Euro, das die Sozialstation zahlt, könne sich sehen lassen. Zudem habe die Einrichtung in diesem Jahr steuerfreie Tankgutscheine im Gesamtwert von 50.000 Euro aus eigenen Rücklagen an die insgesamt 330 Mitarbeitenden verteilt.

Auch die Impfpflicht hat laut Leiner, Lang und Levy Mitarbeitende aus allen Kranken- und Pflegehäusern vertrieben: „Früher gab es Wechsel zwischen den Einrichtungen, heute gehen die Leute ganz“, berichtete Lang am Beispiel einer geschätzten Altenpflegerin, die jetzt an der Kasse eines Supermarktes sitze. Stabile Arbeitszeiten und „meine Ruhe haben“ sei ihr den geringeren Verdienst wert.

Familie und Beruf schwer kombinierbar

Levy berichtete von „wenig Spielraum bei familienschwierigen Arbeitszeiten“ in Krankenhäusern. Berufe, bei denen Schichtdienste einschließlich Nachtschichten erforderlich sind, seien kaum zu besetzen. Ein Mitarbeiter habe gekündigt, weil er innerhalb eines Jahres keinen Ganztagsplatz für sein Kind finden konnte. Auf Nachfrage aus dem Gremium antwortete Levy, dass die Krankenhausgesellschaft mit über 400 Beschäftigten zu klein für einen eigenen Betriebskindergarten sei.

Dazu komme, dass das Berufsbild immer noch feminin geprägt sei und bei Bekanntwerden einer Schwangerschaft sofort das Beschäftigungsverbot eintrete. Auch vermehrte Langzeiterkrankungen durch körperlich anstrengende Tätigkeiten und die Tatsache, dass steigende Patientenzahlen auch mit hohem Krankenstand der Pflegenden einhergehen, weil auch sie beispielsweise an Covid oder Norovirus erkranken, trage zum Personalengpass bei.

Personal von Leihfirmen

Die ganzjährig hohe Mitarbeiterfluktuation mache es zusätzlich schwierig, den Betrieb in den Krankenhäusern am Laufen zu halten, erklärte Levy: „Für zwei Intensivbetten muss ich eine Fachkraft bereithalten. Wenn ich die nicht habe, muss ich auf eine Leihfirma zurückgreifen“. Diese würden deutschlandweit qualifizierte Pflegefachkräfte aus den Einrichtungen locken, mit lukrativen Angeboten wie attraktiven Arbeitszeiten und Übernahme der Kosten für die Unterkunft. Um diese Kräfte dann teuer zu vermieten: „Das kostet mich 70 bis 80 Euro pro Stunde, die wir aus Eigenmitteln finanzieren müssen“. Diese Situation sieht Levy als Verlagerung von der Daseinsfürsorge in die Privatisierung.

„Früher haben wir die Mitarbeiter ausgewählt, heute ist es umgekehrt“, bestätigte Dieter Lang auch für das Bethesda mit seinen 600 Beschäftigten, davon ein Drittel in der stationären Altenpflege. Er habe in diesem Jahr zum ersten Mal einen Leasing-Vertrag unterschrieben. Mit dem unguten Gefühl seinem Stammpersonal gegenüber, das dann komplett allein die unbeliebten Schichten abdecken müsse: „Wir müssen drumherum bauen für die Work-Life-Balance derjenigen, die mehr verdienen“.

VIele Azubis brechen ab

Karin Leiner pflichtete mit der Erklärung bei: „Wir haben Verträge mit den Krankenkassen, wir sind deren Erfüllungsgehilfen. Die Leiharbeitsfirmen stehen da drüber. Je enger es bei uns wird, desto höher steigen deren Preise“.

Durch das 2020 geschaffene Pflegeberufegesetz hat sich auch die Situation in der Ausbildung verändert: „Die Azubis müssen jetzt 400 Stunden raus in alle Bereiche. Viele geben auf, wenn sie in der stationären Altenpflege waren und brechen die Ausbildung ab“, berichtete die Leiterin der Nardini-Pflegeschule, Monika Vogler.

In diesem und dem vergangenen Jahr hätten 38 Auszubildende angefangen, die Abbruchquote liege bei rund 20 Prozent. Einen Grund dafür sieht Vogler darin, dass durch die Pandemie praktische Erprobungen nicht möglich waren, um bereits vor der Ausbildung feststellen zu können, ob Bewerber und Beruf zusammenpassen. „Den Zivi der 80er Jahre gibt es nicht mehr“, so Vogler. Außerdem fehle den jungen Leuten bisweilen „der Biss, etwas durchzustehen“.

Seit 2019 Teilzeitausbildung möglich

Um dem Pflegenotstand zu begegnen, bietet die Nardini-Pflegeschule seit 2019 jungen Müttern eine Teilzeitausbildung an. Auch junge Menschen aus Drittstaaten werden derzeit hier ausgebildet. Das größte Hindernis für die jungen Leute aus Ruanda und Kenia sei fehlender Wohnraum. Eine andere Hautfarbe oder ein ungewohnter Name sei oft der Grund, eine der wenigen bezahlbaren Wohnungen nicht zu bekommen. „Gepflegt werden wollen alle, vermieten will kaum einer“. Was die Ausbildung betreffe, wünsche sie sich auch beschleunigte Verfahren bezüglich der Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen sowie die Förderung einer Willkommenskultur.

Beruf reizvoller machen

Das Fazit der über zwei Stunden dauernden Ausführungen: Junge Menschen können über Praktika für Pflegeberufe begeistert werden. Modifizierte Arbeitszeitmodelle, die familienfreundlich sind und sich an den geänderten Ansprüchen heutiger Arbeitnehmer orientieren, würden Pflegeberufe wieder attraktiver machen. Eine bessere Ausgestaltung des Tarifwerks, zum Beispiel höhere Vergütung von Wochenendleistungen, würde Anreize schaffen, einen 24-Stunden-Beruf zu ergreifen. In der stationären Kranken- und Altenpflege könnten die erleichterte Zuwanderung von Fachkräften und die Bereitstellung von Wohnraum dem Pflegenotstand begegnen.

„Es hat sich gelohnt, dass wir darüber gesprochen haben. Pflege ist eine sinnstiftende Tätigkeit, aber es braucht Anreize, um die Ausbildung und die Arbeit in der Pflege wieder reizvoll zu machen“, stellte Bürgermeister Maximilian Ingenthron in seinem Schlusswort fest. Die Kommunalpolitik könne an der Stellschraube Wohnungsmarkt drehen: „Wir als Durchgangserwerber können da Einfluss nehmen“. Was die Situation in den Krankenhäusern betreffe, müsse der Gesetzgeber eingreifen: „Mit dem Pflegebudget wird nur die Pflege am Bett refinanziert, aber das reicht nicht“.

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