Landau
Pflege unter Druck: Bethesda ruft um Hilfe
Das Landauer Bethesda ist im Krisenmodus. Auf mehreren Ebenen steht es unter Druck. Corona und die Folgen, der Fachkräftemangel und die Energiekrise lassen die Probleme und die Sorgen vor weiteren Schwierigkeiten wachsen. Das berichten Dieter Lang, Geschäftsführer des Diakonissen Bethesda Landau, und Marc Sellmann, Leiter der Altenpflege im Haus, bei einem Besuch in der Redaktion.
Corona hat zum Personalmangel beigetragen, aber da gibt es natürlich auch andere Faktoren. Im Haus leben derzeit laut Lang 166 Menschen mit Behinderungen, 60 im ehemaligen Personalhochhaus (darunter Menschen mit geringem Unterstützungsbedarf, aber auch Menschen ohne), 25 im alten Altenwohnheim, über 100 in den neuen Blocks Service-Wohnen, neun im Hospiz sowie 175 in den Pflegevollstationen.
Nur von Tag zu Tag
Vor allem in der Vollpflege ist die Personalsituation Pflegeleiter Sellmann zufolge „katastrophal“. Corona habe sich zurückgemeldet, der Krankenstand sei hoch, aber es gebe auch immer weniger Menschen, die in der Vollpflege arbeiten wollten, erklärt er. Sellmann schildert, dass man Dienstpläne faktisch nicht mehr erstellen könne. „Wir müssen von Tag zu Tag schauen, wen wir einsetzen können.“ Er berichtet von Tagen, an denen zum Frühdienst je vier Mitarbeitende in zwei Stationen eingeplant sind – tatsächlich erscheinen dann drei auf der einen Station und eine vierte Person auf der anderen. „Das passiert schlagartig und in Regelmäßigkeit.“ Sellmann hatte gehofft, dass sich die Lage im Sommer entspannt – dann kam die Corona-Variante Omikron, inzwischen weitere Varianten. „Und Grippe kommt gerade auch noch dazu.“
Dass diese Dienste für Patienten und Mitarbeitende enorm stressig und auch unbefriedigend sind, versteht sich von selbst. „Man geht nach Hause und hat das Gefühl, dass man nicht alles geschafft hat. Das macht unglücklich“, sagt Sellmann. Es handele sich ja nicht um einen normalen Job, sondern um den Dienst am Menschen.
Den Mangel verwalten
In der Vollpflege seien wegen des Personalmangels noch Plätze frei – ein Angriff auf das Selbstbild des Bethesda. Die Aufgabe des Hauses sei es, Menschen, die Hilfe benötigen, diese Hilfe auch zuteil werden zu lassen, betont Lang. Das Haus würde gerne weiteren Menschen helfen, kann es aber nicht, weil die Helfer fehlen. Es werde sich nicht bessern, wenn sich das System nicht ändere, sagen die Führungskräfte. Lang kann das auch verstehen: Ein Mitarbeiter kommt als Idealist, der Gutes tun will, und trifft auf ein System, das darunter ächzt, den Mangel zu verwalten – und Buch zu führen über jeden Handgriff.
„Manchmal wäre es besser, statt zu dokumentieren mit einem Bewohner eine Runde ,Mensch ärgere dich nicht’ zu spielen.“ Klar wird auch Langs Blick auf die Bewohner: Es sind keine Pflegeobjekte, bei denen ihm das Prinzip „satt und sauber“ ausreicht. Es geht ihm um Menschen, die im Bethesda leben. Und die auch wie solche behandelt werden müssen. Das sieht auch Sellmann so: „Es geht bei uns ums Wohnen. Derzeit wird nur gepflegt.“
Lieber im Supermarkt an der Kasse
Da sind Ausstiege von Mitarbeitenden vorprogrammiert. Wie der einer Pflegekraft, die nach fast zwei Jahrzehnten in Langs Büro gekommen sei und ihm die Kündigung auf den Tisch gelegt habe. Sie habe lange darauf gewartet, dass sich das System bessere und mittlerweile die Hoffnung aufgegeben. Nun gehe sie zu einem Discounter an die Kasse. Dort verdiene sie zwar weniger, aber sie halte es in der Pflege nicht mehr aus.
Lang und Sellmann berichten, dass Corona beim Personalplan unter einem anderen Aspekt zuschlägt: Wegen der einrichtungsbezogenen Impfpflicht habe man zwei Mitarbeitende verloren, gegen zwei weitere seien Betretungsverbote verhängt worden. Lang lässt deutlich durchblicken, dass er eine allgemeine Corona-Impfpflicht bevorzugt hätte.
Eine andere Corona-Folge ist ein weiterer Angriff auf das Selbstverständnis des Hauses. Im Bethesda begreift man sich nicht als geschlossene Einrichtung, sondern als ein den Menschen zugewandter Akteur im Quartier. Die Devise: Offenheit für alle – auch Besucher oder sonstige Gäste. Aber die mussten während der Pandemie draußen bleiben oder sind nicht mehr gekommen. Lang erinnert sich gut an eine Rommé-Runde, die sich regelmäßig in der Cafeteria getroffen habe. Seit Beginn der Pandemie habe er die Damen nicht mehr gesehen.
Haus in Schockstarre
Und natürlich sind auch die anderen Kulturveranstaltungen, die die Menschen ins Haus gebracht haben, ausgefallen. „Das trägt auch zur Isolation bei“, sagt Lang. „Corona hat die Lebensbedingungen schwierig gemacht.“ Das Haus sei noch immer in Schockstarre. Sie soll durch mehr Veranstaltungen, durch mehr Kultur, aber auch Aktionen für Kinder unterbrochen werden. Damit man wieder Teil des Quartiers wird – und kein abgeschlossener Bereich ist.
Neben den Problemen in der Pflege macht Lang und Sellmann auch die Energiekrise Sorgen. Das Bethesda kann steigende Kosten nicht so einfach weitergeben. Ein Krisenstab soll sich nun unter anderem mit der Frage beschäftigen, ob man in den Gebäuden 72 Stunden ohne Gas und Strom auskomme. Denn dann gehe nichts mehr. Wie lange die Mitarbeitenden die Zusatzbelastungen stemmen könnten, sei eine ganz andere Frage. Lang berichtet von existenziellen Ängsten. Bei einer Mieterversammlung im ehemaligen Personalhochhaus vor wenigen Tagen hätten die Leute gefragt, ob sie die Heizung im Winter ausschalten müssten und ob sie nicht mehr warm duschen dürften. „Die Ängste sind überall angekommen.“
Den Bund nicht zu schaffen
Egal ob Personalmangel oder Energiekrise: „Ohne eine Strategie der Bundesregierung schaffen wir es nicht“, sagt Lang. „Wir brauchen Unterstützung.“ Finanziell, aber auch dabei, Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Deutschland zu locken. Das Bethesda stelle die Strukturen auf den Prüfstand, ob durch Aufgabenumverteilungen Entlastungen möglich seien.
Aber auch gesellschaftlich müsse etwas geschehen, betonen Lang und Sellmann. „Wie können wir den Beruf am Menschen wieder so attraktiv machen, dass er einen Wert darstellt?“ Neben dem Rückbau der Dokumentation hoffen die beiden auf weiteren Rückbau der Regulierungen – die Qualitätsprüfungen sind ihnen ein Dorn im Auge. Beide Männer beklagen, den Idealisten, die sich um Menschen kümmern wollten, werde die Arbeit durch Bürokratie vergällt. „Das sind aber grundlegende politische Fragestellungen“, betont Lang.
Der Tiefpunkt in der Personallage sei noch nicht erreicht. „Der Mangel wird auch länger währen“, ist sich Lang sicher. Attraktiver sind die Arbeitsplätze, die das Bethesda für einen neuen ambulanten Pflegedienst anbietet. Dort mache man die Erfahrung wie in der Tagespflege und beim Service-Wohnen. Der „Vorteil“ dort: Es gibt keine Schicht- oder Nachtdienste. Deshalb sind laut Lang diese Jobs gefragter.