Landau Pfarrer Daniel Zamilski im Interview: „Kirche wird immer wieder neu“
Interview: Der katholische Pfarrer Daniel Zamilski verlässt Landau und geht nach St. Ingbert. Viele Gläubige in der Landauer Pfarrei St. Mariä Himmelfahrt bedauern den Weggang. Zamilski hat sie mit seinen Predigten beeindruckt, mit Vorträgen begeistert, mit seiner Art fasziniert. Weil er eingängige Bilder findet und klare Worte verwendet. Ein Gespräch über Kirche und Zweifler.
Ich weiß nicht, was andere Pfarrer falsch machen. Ich kann Ihnen sagen, wie ich versuche, was richtig zu machen. Ich habe gemerkt, dass es doch einen größeren Bedarf gibt nach der Frage, woher bekomme ich Nahrung für meinen Glauben. Und zwar so, dass ich damit auch etwas anfangen kann. Die Formen und Glaubenssätze kennt jeder. Aber was bedeuten sie für mich konkret? Wenn jemand über seinen persönlichen Glauben spricht und authentisch ist, kann man Leute erreichen. Das können auch andere Pfarrer. Ich glaube, es ist wichtig, dass man sich mit seinem Glauben auseinandersetzt. Sie haben da offenbar einen Nerv getroffen bei vielen, die sich mit dem Evangelium befassen möchten. Und zwar ohne den „Karneval“ des Katholizismus, wie ein Besucher sagte. Ist es Zeit für eine andere, eine neue Kirche? Die Kirche gibt’s ja nicht. Die Kirche wird immer wieder neu. Sie besteht aus Menschen. Mein Primizspruch ist „Der Weg der Kirche ist der Mensch“. Das heißt, sie ist nichts Abgehobenes, sondern etwas sehr Konkretes. Und ich glaube, wenn ich auf die Menschen in meiner Gemeinde höre, wenn ich wahrnehme, was gerade gebraucht wird und darauf achte, gemeinsam Kirche zu sein, dann wird Kirche immer neu. Wenn man aber irgendwann stehen bleibt und sagt, das haben wir schon 500 Jahre so gemacht, das werden wir auch die nächsten 500 Jahre so machen, dann wird’s eng. Ist das eine neue Interpretation von Kirchenlehre, weil wir doch gerade in der katholischen Kirche viel mit starren Formen zu tun haben? Sind Sie ein Reformator? Das glaube ich nicht. Ich denke mir ja nichts Neues aus, sondern ich versuche das, was die Glaubenslehre ist, zu erden. Ins Heute zu bringen. Nehmen wir die Dogmen. Sie haben ihre Gültigkeit, sind aber so formuliert, dass man oft gar nichts damit anfangen kann. Ich mache das in meiner Sprache und in der Form, die ich für richtig halte. Vielleicht denke ich in zehn Jahren ganz anders darüber. Ich habe vor 15 Jahren auch einen anderen Glauben gehabt, eine andere Beziehung. Glaube ist ja eine Beziehung. Und wie in der mitmenschlichen Beziehung auch, verändert sich das. Was hat sich bei Ihnen verändert? Zum Beispiel mein Gottesbild oder auch, wie ich über manche Dinge in der Kirche denke. Ich komme aus einer Pfarrei, die schon so ein bisschen anti-römisch oder anti-speyerisch war. Inzwischen versuche ich, die Spannung zu halten. Ich schlage mich auf keine Seite, sondern frage mich, was dieses Dogma oder diese Vorschrift mir sagen will und wie ich das umsetzen kann. Mir ist wichtig, dass ich auch damit leben kann. Denn die Leute merken, ob einer als Funktionär da steht und etwas abspult oder ob es dieser Mensch ehrlich meint. Es gelingt Ihnen, Leute zu begeistern, die vielleicht nicht mehr zuhören wollten oder die ihren Glauben verloren haben. Was können Sie diesen Menschen geben? Eigentlich nur meine Begeisterung. Ich meine, Augustinus hat einmal gesagt, man kann andere Menschen nur begeistern, wenn man selbst begeistert ist. Und das wünsche ich mir auch von anderen, die versuchen, hier in Landau oder wo auch immer, Kirche zu sein. Dass sie sich vielleicht neu begeistern lassen und das auch ausstrahlen. Diese Volkskirche mit ihren Vereinsstrukturen, wo jeder seine dreckige Wäsche wäscht, das hat meines Erachtens keine große Zukunft. Damit fühlen sich die Leute eigentlich nicht mehr wohl. Gerade die nicht, die der Kirche fern stehen, früher vielleicht mal aktiv waren und heute sagen, der Laden bringt mir gar nichts mehr, da finde ich mich nicht wieder. Da müsste man neue Formen finden. Aber viel wichtiger ist, dass die Menschen, die etwas anbieten, von der Sache begeistert sind. Warum sind Sie Pfarrer geworden? Mein Heimatpfarrer war ein großes Vorbild für mich, weil er eben auch versucht hat, eine menschenfreundliche und menschennahe Kirche zu leben. Das hat mich fasziniert. Ursprünglich wollte ich Fahrschullehrer werden, dann Schullehrer. In der Oberstufe ist der Gedanke Pfarrer konkreter geworden. Das war auch eine Zeit, in der ich sehr gerungen habe mit dem Glauben. Ich habe auch eine Zeit lang versucht, ohne Gott zu leben. Hat nicht so ganz geklappt. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass er an mir hängt. Und ich auch an ihm. Zweifeln Sie manchmal an Ihrem Gott? Ja, ich zweifle manchmal an meinem Gott, an meinem Glauben, auch an meinem Beruf, aber bis jetzt bin ich immer wieder zurückgekommen. Wie würde sich Jesus heute verhalten, wie würde er leben, angesichts der vielen Anfeindungen und Ausgrenzungen in unserer Gesellschaft, angesichts der Umweltbedrohungen? Wäre er Umweltaktivist? Was meinen Sie? Das ist schwer zu sagen, keine Ahnung. Vielleicht ginge das in die Richtung, die Papst Franziskus eingeschlagen hat. Also, wahrscheinlich wäre Jesus nicht in Pfarrbüros oder großen Kirchen zu finden, sondern wie Papst Franziskus sagt, an den Rändern. Viele Menschen haben mit den großen Kirchen nichts am Hut, religiöse Erziehung fehlt heute in vielen Familien. Kann die katholische Kirche jungen Leuten etwas bieten? Die katholische Kirche – weiß ich nicht. Ich spreche lieber von der Kirche vor Ort. Bei Jugendlichen ist es wichtig, dass man Glauben lebt. Nicht nur redet, sondern mit dem Herzen und den Händen dabei ist. Ich habe viele Jugendliche kennengelernt, die suchen, die fragen, bei denen Gott gar kein rotes Tuch ist. Und ich habe festgestellt, dass Gemeinschaft für Jugendliche ganz wichtig ist. Wir müssen Räume in unserer Kirche schaffen, in denen die jungen Leute einen Platz haben, wo sie ihren Glauben leben können, wie es ihnen entspricht. Wo sie auch einmal etwas ausprobieren können. Wenn das begleitet wird, dann gibt es Chancen. Brauchen Jugendliche Vorbilder und klare moralische Vorgaben? Ja, ich glaube schon. Nicht, um zu übernehmen, sondern um sich abzustoßen und sich selbst zu hinterfragen. Als ich in Edenkoben Kaplan war, habe ich in einer neunten Klasse im Religionsunterricht gerne steile Thesen aufgestellt, die auch sperrig waren, damit wir ins Gespräch kamen. Sie haben in Ihrer letzten Predigt in St. Maria von einem sperrigen, schwierigen Jesus gesprochen. Sie sagten, die Menschen sollten ihre Zeit mit Jesus einfach mal verplempern, sich mit ihm unter einen Ölbaum setzen und ein Eis essen. Was drücken Sie damit aus, wo holen Sie die Leute ab? „Der schwierige Jesus“ heißt ein Buch von Gottfried Bachl. Das hat mir gut gefallen. Ich habe immer versucht, Glauben und Leben zusammenzubringen. Die Beziehung zu Gott oder Jesus beschränkt sich nicht darauf, fünfmal am Tag zu beten oder abends kurz im Bett. Sondern ich bin immer wieder mit ihm in Kontakt. Sind wir noch zusammen unterwegs? Ich lese gerade ein Buch oder esse ein Eis, setz’ dich doch neben mich. Du bist da, ich bin da, und wir lassen’s uns mal gut gehen. Das ist mir ein Herzensanliegen. Mir hat eine Frau geschrieben: „Durch Sie ist mir Jesus ans Herz gewachsen.“ Das war mein Anliegen. Jesus und auch Gott als jemanden zu schildern, mit dem man leben kann. Mit dem man auch mal Krach haben kann. Ich sag ihm manchmal: Komm, lass mir einfach mal meine Ruhe, ich möcht’ jetzt gar nichts mit dir zu tun haben. Und dann gibt’s wieder ganz schöne Momente. Woran werden Sie sich in St. Ingbert erinnern, wenn Sie an Landau denken? Wahrscheinlich vor allem an die vielen Begegnungen, die ich hatte. Mit Leuten, die wieder in die Kirche eintreten wollten, oder die sich als Erwachsene haben taufen lassen wollen. An viele, viele Glaubensgespräche. Ich hatte eigentlich jeden Tag mindestens ein Seelsorgsgespräch, auch entstanden durch die Spirituellen Impulse, wo ich Leute über drei, vier Jahre begleiten durfte. Das war das Schönste an meiner Arbeit. Daran werde ich mich gerne erinnern, vielleicht werde ich das auch vermissen. Denn in St. Ingbert bin ich Leitender Pfarrer, da sitzt man die meiste Zeit am Schreibtisch und muss sich immer wieder mal in Erinnerung rufen: Ich bin ja eigentlich Seelsorger. | Interview: Sabine Schilling