Landau Nieder mit der Spielstraße! Eine Anleitung zum Querdenken

Nur ein Übungsprojekt für alternative Argumentationsmuster: die Spielstraße.
Nur ein Übungsprojekt für alternative Argumentationsmuster: die Spielstraße.

Der Querdenker ist eine vergleichsweise junge Spezies. Offenbar ein Gegenentwurf zum Längsdenker. Doch wie steigt man vom einen zum anderen auf? Ein kleiner Ratgeber für die Praxis.

Nicht schon wieder Corona. Versuchen wir es mal mit einer Übung abseits verminten Geländes, am Beispiel der Spielstraße. Regel Nummer eins lautet, persönliche Betroffenheit toppt alles: „Es fühlt sich einfach nicht richtig an, für viel Geld Straßen auszubauen, um sie nur im Schneckentempo bekriechen zu lassen. Ich habe auch einfach Angst, dass mir da jemand vors Auto läuft und ich es ausbaden muss. “

Zweitens muss man Gründe infrage stellen: „Ich will ja gar nicht leugnen, dass Spielstraßen die Verkehrssicherheit erhöhen sollen, aber mir fehlt da noch die Datenlage.“ Drittens lässt sich anhand verhinderter Folgen bestens belegen, dass Vorsichtsmaßnahmen überflüssig waren und sind: „Oder haben Sie jemals von Unfällen in Spielstraßen gehört? Nein? Ich auch nicht. Das spricht ja wohl Bände.“

Quellen darf man ruhig erfinden

Viertens muss man eigene Quellen anführen. Die darf man frei erfinden: „Auch die Studie von Professor Norman Xaver Bartels, seit 50 Jahren emeritierter Verkehrsexperte an der TU des Sauerlands in Attendorn, wird natürlich nirgends zitiert. Das zeigt doch, dass Risiken nur herbeigeredet werden.“

Fünftens: Man muss sich als Verfolgten darstellen. Das fühlt sich einfach (das Wort muss möglichst oft vorkommen) gut an und schweißt zusammen: „Die Spielstraße bereitet mir geradezu körperliches und psychisches Unwohlsein, trotz meines Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit. Und wenn ich durch fadenscheinige Argumente an der Nase herumgeführt werde, verletzt mich das in meiner Würde, die ja eigentlich ebenfalls unantastbar sein sollte.“

Ohne Todesfälle geht es nicht

Sechstens sollte man Krankheitsbilder schildern, besser noch Todesfälle. Wie man die findet? Siehe Regel vier: „Es ist doch mal wieder absolut typisch, dass über den Tod des 35-jährigen Autofahrers, der in einer Spielstraße in Bad Kreuznach einen Herzinfarkt erlitten hat, weil ihm ein Fußgänger vors Auto gesprungen ist, mit keiner Silbe berichtet wird.“

Siebtens gilt es, bessere Alternativen aufzuzeigen: „Das Kind lernt viel besser, wenn es sich mit dem fahrenden Auto ,infiziert’. So ein Unfall schadet nicht so sehr. Wenn man das Kind nur vor Autos versteckt, lernen seine Knochen auch nicht, wie sie mit Autos umzugehen haben.“ Alternativ: „Ich bin sehr dafür, vulnerable Gruppen zu schützen. Daher schlage ich solide Gartenzäune vor, damit unsere Kleinen gar nicht erst in Gefahr kommen.“

Protest auf die Straße tragen

Achtens macht sich juristisches Fachwissen immer gut: „Die Spielstraße hat einen gravierenden handwerklichen Fehler: Man darf dort nur Schrittgeschwindigkeit fahren, doch was heißt das schon? Das ist bei einem jungen Mann etwas völlig anderes als bei der alten Dame mit Rollator. Das kann ja wohl nicht der Ernst des Gesetzgebers sein.“

Neuntens muss man unbedingt alle diskreditieren, die anderer Meinung sind: „So dämlich kann doch keiner sein. Bei Ihnen stand die Schaukel bestimmt zu nah an einer Mauer, Sie Schlafschaf!“

Zehntens gilt es, den Protest auf die Straße zu tragen: „Um dagegen zu protestieren, muss ich keine Kundgebung anmelden, um Kerzen auf Marktplätzen anzuzünden. Ich fahre einfach in der Spielstraße spazieren.“ Sie sehen: Querdenken ist kein Hexenwerk.

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