Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel „Nicht mit Wehwehchen zum Arzt“

In der Regel geht es in der Kinderarztpraxis von Siegfried Simmet in Schweigen-Rechtenbach lebhaft zu. Doch im Moment ist alles
In der Regel geht es in der Kinderarztpraxis von Siegfried Simmet in Schweigen-Rechtenbach lebhaft zu. Doch im Moment ist alles anders.

Abstand halten und nach Möglichkeit zu Hause bleiben. So lautet das Gebot der Stunde in der Corona-Krise. Viele Menschen schieben deshalb auch Arztbesuche auf. Und in Corona-Verdachtsfällen ist eine telefonische Krankschreibung möglich. Sind deshalb die Arztpraxen tatsächlich leerer?

„Viele Menschen sorgen sich aktuell vor dem Besuch einer Arztpraxis, weil das Wartezimmer als mögliche Ansteckungsquelle gilt. Wer unsicher ist, sollte vorher telefonisch mit der Praxis Rücksprache halten“, rät Matthias Rink vom Serviceteam der Kaufmännischen Krankenkasse in Landau. In vielen Arztpraxen in der Region war die Terminvergabe auch schon vor den Corona-Krise obligatorisch, entweder telefonisch oder online. „Wir sind eine Bestellpraxis“, sagt Michael Heymanns, Arzt für Allgemeinmedizin in Edenkoben, „das handhaben wird schon länger so, wir haben maximal einen oder zwei Patienten im Wartezimmer.“

Ein überfülltes Wartezimmer gab’s bei Heymanns also auch vor der Kontaktbeschränkung nicht. Inzwischen gehören sie auch bei anderen Ärzten der Vergangenheit an. Denn viele Menschen meiden mittlerweile den Besuch beim Arzt. „Ich schätze, dass wir derzeit rund 50 Prozent weniger Patienten haben“, berichtet Heymanns. Dass er deshalb weniger Arbeit und früher Feierabend habe, sei aber nicht der Fall. „Die Gespräche mit den Patienten sind intensiver, es gibt einen erhöhten Beratungsbedarf“, sagt Heymanns. Dies sei vor allem bei älteren Menschen der Fall.

Der Beratungsbedarf ist höher

Dass kann sein Herxheimer Kollege Philipp Schwebius bestätigen. Auch er hat weniger Patienten als in normalen Zeiten zu behandeln. „Es rennt im Moment nicht jeder mit einem kleinen Wehwehchen zum Arzt“, bestätigt Schwebius. Dafür hat auch er einen höheren Beratungsbedarf festgestellt. „Ich habe viele ältere Patienten, für die muss man sich im Moment mehr Zeit nehmen, denn die Verunsicherung ist bei ihnen groß. Es wird ja auch viel Unsinn verbreitet“, sagt Schwebius.

Corona-Verdachtsfälle kommen erst gar nicht zu Schwebius oder einem seiner Herxheimer Kollegen in die Praxis. Sie werden direkt nach einem Telefongespräch in die Festhalle geschickt, wo ihnen ein Abstrich genommen wird. „Das ist eine Besonderheit, alle Herxheimer Hausärzte schicken Patienten mit Atemwegserkrankungen dorthin“, erzählt Schwebius. Auch aus diesem Grund ist das Infektionsrisiko in Herxheimer Arztpraxen äußerst gering.

Telefonische Krankschreibung wenig nachgefragt

In der aktuellen Krisenzeit ist sogar eine telefonische Krankschreibung möglich, was früher undenkbar gewesen ist. „Ärzte dürfen diese AU-Bescheinigung allerdings nur noch für bis zu sieben Tage ausstellen. Wenn sich die Erkrankung noch nicht gebessert hat, ist aber eine Verlängerung um eine weitere Woche möglich“, erklärt Rink. Diese Ausnahmeregelung wurde bis zum 4. Mai verlängert. In Anspruch genommen wird dieser Service aber kaum. „Das hält sich sehr in Grenzen, ich hatte bis jetzt vielleicht zwei Hände voll Patienten, die das wollten“, sagt Heymanns. „Die Anfragen sind fast auf null zurückgegangen“, stellt Schwebius, fest, „aber wo sollen die Leute auch herkommen, wenn man sich die Zahl der Neuinfektionen bei uns in der Region anschaut, da ist ja fast nichts mehr.“ Heymanns warnt davor, längere Krankschreibungen vorzunehmen, ohne dass ein Arzt den Patienten untersucht hat: „Selbst normale Erkältungen sollte man nicht auf die leicht Schulter nehmen. Wenn so etwas länger dauert, muss man unbedingt einen Arzt konsultieren.“

Deutlich ruhiger geht es derzeit auch in den Kinderarztpraxen in der Südpfalz zu. Dass liegt unter anderem daran, dass wegen der Corona-Pandemie die Regelungen für die U-Untersuchungen gelockert wurden. Normalerweise gibt es feste Zeitintervalle, in denen ein Kinderarzt den Entwicklungsstand der Kleinen begutachten muss. Die fixen Intervalle für die U-Untersuchungen U6 bis U9 wurden aufgehoben. Die sechste Vorsorge-Untersuchung, also die U6, erfolgt mit etwa einem Jahr, die U9 mit etwa fünf Jahren.

U-Intervall bei Kindern gelockert

„Die U6 kann man natürlich nicht sehr lange aufschieben, sonst macht sie keinen Sinn mehr“, sagt Siegfried Simmet, Kinderarzt in Schweigen-Rechtenbach. Er schätzt, dass er aktuell nur 30 bis 40 Prozent des üblichen Patientenaufkommens hat. „Wir haben alle verschiebbaren Dinge abgesagt“, erzählt Simmet. Außerdem wurden besondere Vorkehrungen getroffen: Die Kinderarztpraxis wurde in zwei Bereiche unterteilt: einen für kleine Patienten mit Infektionen und einen für alle andere Fälle.

Bei vielen Hausärzten gilt die Regelung, dass nur maximal eine oder am besten gar keine Begleitperson mitgebracht werden darf. Bei Babys oder Kleinkindern geht das natürlich nicht. Aber auch Simmet achtet darauf, dass möglichst nur eine Begleitperson mit dabei ist. „Wobei es bei den U-Untersuchungen oft für beide Elternteile wichtig ist, dabei zu sein.“

Bescheinigungen für Patienten aus dem Elsass

Dass es in der Praxis von Siegfried Simmet derzeit relativ ruhig zugeht, liegt auch daran, dass er viele Patienten aus dem benachbarten Elsass hat. Wegen der Grenzschließung ist es für Franzosen derzeit schwierig, einen Arzt in Deutschland aufzusuchen. „Wir mussten schon ein paar Bescheinigungen ausstellen, die unsere Patienten dann bei der Bundespolizei vorzeigen konnten“, berichtet Simmet. Aber auch für die französischen Patienten gilt: Alle Arztbesuch, die aufgeschoben werden können, werden auch aufgeschoben.

Geärgert hat Simmet, dass er erst in der vergangenen Woche die erste offizielle Lieferung an Schutzkleidung für sich und seine Mitarbeiter bekommen hat, obwohl diese frühzeitig bestellt wurde. „Wir mussten uns zuvor mit Altbeständen behelfen. Dass es so lange dauert, bis man Schutzausrüstung bekommt, ist eine Katastrophe“, meint Simmet.

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