Landau Neue Heimat in Südamerika

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In einer europaweiten Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig mahnen Stolpersteine als Erinnerungszeichen auf Straßen und Wegen vor ehemaligen Wohnhäusern an Verfolgte der NS-Zeit – auch in Landau. Die RHEINPFALZ stellt in einer losen Serie Landauer vor, derer mit diesen Steinen gedacht wird. Dieser Beitrag stammt aus der Feder der Historikerin Marie-Luise Kreuter, die in Landau lebt und Mitglied der „Initiative Stolpersteine“ ist.

In der Kronstraße 7 in Landau liegt seit Juli 2014 ein Stolperstein für Else Scholem. Bei der Stolpersteinverlegung am morgigen Samstag soll mit Stolpersteinen an weitere Familienmitglieder erinnert werden, die in der Kronstraße gelebt haben und der Verfolgung durch den Nationalsozialismus ausgesetzt waren. Else Scholem kam 1897 in Landau zur Welt und war eine geborene Tietz. Ihren Eltern Hedwig und Adolf gehörte das Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft am heutigen Rathausplatz, Ecke Trappengasse. Else wuchs hier zusammen mit ihren älteren Schwestern Gertrud und Martha auf. Sie heiratete den Kaufmann Samuel Scholem, genannt Sally, der 1922 von Stuttgart nach Landau gekommen war. Dieser führte das Geschäft des 1919 verstorbenen Adolf Tietz fort. 1927 kam der Sohn Norbert zur Welt. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, ging Norbert in die Landauer Volksschule, bis es sogenannten arischen Kindern angeblich nicht mehr zuzumuten war, mit jüdischen Kindern eine Klasse zu besuchen. Die jüdischen Schüler sollten abgesondert werden. Die Stadt stellte hierfür einen Saal im Schulhof zur Verfügung. Dort saß Norbert mit 20 weiteren Kindern aus sieben Schuljahrgängen Landaus und der umliegenden Dörfer in einem Raum. Bei der Eröffnung dieser „Sonderklasse“ am 1. September 1936 war der Bezirks- und Stadtschulrat Sand anwesend. In seiner Rede ermahnte er den Lehrer und die Schüler, stets gewissenhaft ihre Pflicht zu erfüllen – auch dem Staate gegenüber, denn der habe keine Mittel gescheut, um diese Schule ins Leben zu rufen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Familie Scholem bereits beschlossen, Deutschland zu verlassen. Sie gehörte nicht zu denjenigen, die sich Illusionen über die zukünftige Entwicklung machten. Die jüdischen Inhaber von Geschäften am zentralen Platz der Stadt schnell zu vertreiben, stand von Anfang an ganz oben auf der Agenda der Machthaber. Die Scholems verloren ihr Geschäft, Hedwig Tietz sah sich gezwungen, das Haus zu einem „lächerlichen Preis“ zu verkaufen, so ihr Enkel Norbert. Ende Dezember 1936 traten Else, Sally und Norbert ihre Ausreise an – zusammen mit der Familie Kern aus dem Nordring 14. Das gemeinsame Ziel war Brasilien, weil dort im Süden des Landes, im Staat Rio Grande do Sul, Verwandte der Familie lebten. Auch Elses Mutter Hedwig und der Tochter Gertrud, die nach langer Abwesenheit wieder in das Elternhaus zurückgekehrt war, gelang es noch, kurz nach Kriegsbeginn über Italien nach Brasilien zu fliehen. Brasilien war nach Argentinien das Land in Südamerika, das die meisten deutschsprachigen Juden aufnahm – etwa 16.000. In Porto Alegre konnten sich die Scholems eine neue Existenz aufbauen. Brasilien wurde für sie und ihre Nachkommen zur neuen Heimat. Hedwig Tietz († 1954), Sally († 1967), Else († 1967) und Gertrud († 1978) sind dort begraben. Elses Schwester Martha, die nach Berlin verheiratet war, wurde – wie ihr Mann – auf dem Transport von Berlin nach Riga im August 1942 ermordet. Norbert Scholem kam Mitte der 1960er-Jahre noch einmal nach Deutschland, um sich sein Elternhaus wenigstens von außen anzusehen und um das Grab seines Großvaters Adolf Tietz auf dem jüdischen Friedhof in Landau zu besuchen. Auch in der jüngeren Generation riss die Verbindung zu Deutschland nicht ganz ab. Norberts Sohn Andry, der in den USA lebt, reiste mehrmals in das Geburtsland seiner Eltern.

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