Südpfalz
Nach oben gekämpft – Meike Meyer will anderen Mut machen
Meike Meyer hat im Takko den Staubsauger geschwungen. Sie hat bei Real an der Kasse gesessen. Sie hat für vier Euro pro Stunde im Solarium gearbeitet. Sie ist als Promoterin durch die Gegend getingelt. Jahre zuvor hatte sie nach der 10. Klasse das Bad Bergzaberner Gymnasium mit einem Hauptschulabschluss verlassen – für die Mittlere Reife waren die Noten zu schlecht. Nun hat sie an der Berufsbildenden Schule in Landau einen glatten 1,0er-Abschluss hingelegt – als staatlich geprüfte Betriebswirtin. Natürlich heißt das auch: Sie war Jahrgangsbeste.
Begonnen habe der Verlust ihrer Motivation und ihres Willens, was aus sich zu machen, in der Schule, sagt die 36-Jährige jetzt im Rückblick. Dort wurde sie wegen falscher Antworten ausgelacht, gehänselt und gemobbt. Ein Lehrer habe einen Probetag Meyers auf der Realschule genutzt, um sie von einer Klassenfahrt auszuschließen. Nur dem Einsatz ihrer Mutter sei es zu verdanken gewesen, dass sie letztlich doch mitfahren durfte. Zuletzt sei sie selten in der Schule aufgetaucht – „klar, dass ich da lieber mit dem Zug nach Karlsruhe gefahren bin“. Um abzuhängen.
Zwei Jobs, zwei Probleme
Dann kam die erste Ehe. Dort habe sie die Hausfrauen- und Mutterrolle übernommen.Sie konnte ihre Ausbildung zur Bürokauffrau – dank ihrer Mutter konnte der Schulabschluss doch als Mittlere Reife anerkannt werden – in der verkürzten Variante zwar beenden, sei aber als Mutter auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittelbar gewesen. Denn: Als Meyer 19 Jahren alt war, kam ihre Tochter Milena zur Welt. Aber: Es kamen auch die schlechten Jobs. Mit der Scheidung 2009 sei es zuerst weiter bergab gegangen – die Wohnung in Klingenmünster bezeichnet Meyer als „Absteige“, die Kleidung habe sie größtenteils im Supermarkt gekauft. Gleichzeitig war das aber auch der Wendepunkt. Des einen Problems entledigt, waren da aber zwei neue.
Zunächst: Ihre heute 17-jährige Tochter Milena ist hochbegabt. Meyer hat sie in einem Internat in Kaiserslautern unterbekommen. Dort ist man auf Hochbegabte spezialisiert – und Milena kann ihres Potenzials gemäß gefördert werden. Nur: Wenn die Mitschüler berichten, dass ihre Eltern Ärzte, höherrangige Beamte oder mit anderen Berufen der Oberschicht zugehörig sind, sei es „nicht schön“, wenn das eigene Kind erzählen müsse, dass die Mutter alleinerziehende Kassiererin ist. Mit dem vergleichsweise geringeren sozialen Status verknüpft war das Geldproblem. Meyer hat nach der Scheidung eine Ausbildung zur Fahrlehrerin absolviert, dazu bekam sie eine Viertelstelle als Sekretärin im Pfalzklinikum. Zwei Jobs, um ihr Leben und das ihrer Tochter zu finanzieren. Die Stelle im Pfalzklinikum wurde im Laufe der Zeit auf eine ganze Stelle aufgestockt. „Ein unbefristeter Arbeitsvertrag im öffentlichen Dienst, das war ein Jackpot“, kommentiert Meyer.
Plötzlich Ehrgeiz und Selbstbewusstsein voll da
Es folgte eine zweite, anhaltende Ehe, ein Sohn – doch wegen zwischenzeitlicher gesundheitlicher Probleme ihres neuen Mannes blieb die Versorgung allein an ihr hängen. An den Herausforderungen ist sie gewachsen, es ging stetig bergauf. Nebenbei lernte sie, auch durch die Unterstützung ihres Mannes, dass sie nicht das Frauchen am Herd ist, sondern viel mehr kann.
Dann, vor zwei Jahren, begann sie, sich an der BBS zur Betriebswirtin weiterzubilden. Wieder auf der Schulbank angekommen, habe sie zunächst nicht sonderlich an sich geglaubt, sondern erstmal abgewartet. Geändert habe sich das mit dem ersten Zwischenstand nach einem halben Jahr: glatt 1,0, beste Schülerin an der Fachschule. Plötzlich waren Selbstbewusstsein und Ehrgeiz voll da – und das Durchhaltevermögen. Meyer schildert, wie sie jahrelang zunächst den Bürostuhl bei der Arbeit , dann dreimal die Woche abends die Schulbank drückte, an den anderen Abenden noch lernte und sich um die Kinder kümmerte. Privatleben? Fiel weitestgehend aus.
Keine Angst vor der Zukunft
Den Lohn hat sich nun eingefahren: den Abschluss und viel Anerkennung. Eine BBS-Lehrerin schreibt ihr, dass es der erste 1,0er-Abschluss seit mindestens 1999 gewesen sei. Über 70 Glückwünsche trudeln nach einem Post auf Facebook ein. Einer meint, ihr Vorbild habe bei seinem Sohn mehr bewirkt als viele Ansprachen. Meyer freut sich. Ihre Botschaft: Positiv bleiben, den Glauben an sich selbst bewahren, nicht aufgeben. Jeder könne es schaffen. Sich selbst belohnt hat sie schließlich: Sie ist eine aufgeräumte, selbstbewusste und abgeklärte junge Frau. Wie geht’s nun weiter?
Meyer will nicht Sekretärin bleiben. Am liebsten würde sie eine ihrem Abschluss entsprechende Stelle im Pfalzklinikum antreten. Dort muss sie aber zunächst warten, bis etwas Entsprechendes ausgeschrieben wird. Sie spricht positiv über ihren Arbeitgeber: Sie sei immer unterstützt und gefördert worden, habe für die Schulzeit an der BBS sehr nützliche Einblicke und Informationen erhalten. Sie spüre das Vertrauen von Chef und Kollegen.
Gäbe es Alternativen, falls sie nicht zu lange warten will, bis sie sich im Pfalzklinikum auf eine Stelle bewerben kann? Meyer schweigt und lächelt. Vor der Zukunft muss sie keine Angst haben – im Gegenteil.