Landau Musiker Oliver Dums über die Lockdown-Ängste vieler Künstler: „Manche hier sind am Ende“
Nach acht Monaten faktischen Berufsverbots für die Eventbranche liegen die Nerven tatsächlich blank. Das hat verschiedene Ursachen. Ein Grund ist, dass sich viele Künstler und Veranstalter aus der Region nach der ersten Corona-Hochphase unheimlich viele Gedanken gemacht haben, wie die Szene wieder zurück ins Leben kommen kann. Es wurde da ganz viel probiert. In Landau gab es ja beispielsweise Veranstaltungen im Auto-Kino auf dem neuen Messegelände, obwohl von Beginn an klar war, dass sich das nicht rechnen wird. Aber es ging da einfach um die Begeisterung für die Sache. Und man muss dann auch sehen, wie viele Auflagen es für Veranstalter und Künstler gibt, wie unangenehm das ist und wie viel Geld das kostet. Es geht nicht nur um Desinfektionsmittelspender bei den Einlässen. Es braucht Security, Wege müssen markiert werden, jetzt bei „Edenkoben rockt“ am Friedensdenkmal gab es sogar Temperaturmessungen, um die Veranstaltung sicher zu machen.
Die RHEINPFALZ hat aber dieses Hygiene-Konzept auch vorgestellt.
Deshalb war es für mich ja auch so unverständlich, dass dann ein solches Bild mit einer solchen Überschrift gedruckt wird, weil es einfach Angst produziert und beim Leser im Wortsinn ein falsches Bild entstehen lässt. Aus diesem Grund habe ich auch geschrieben, dass das vom Veranstalter und den Künstlern, die sich nach bestem Gewissen um ein bestmögliches Hygiene- und Sicherheitskonzept bemüht haben, wie ein Schlag ins Gesicht empfunden wurde.
Welche Reaktionen von außen gab es auf diese Berichterstattung?
Wir haben sofort gemerkt, dass die Veröffentlichung wirtschaftliche Folgen hatte. Der Ticketverkauf brach abrupt ein. Und es gab auch böse Reaktionen, die meisten gingen bei den Ticketverkaufsstellen ein. Einige schrieben, wir würden uns schuldig machen, es sei ja unverantwortlich, eine solche Veranstaltung in diesen Zeiten auf die Beine zu stellen. In einer Nachricht war sogar das Wort Mörder zu lesen. Also, das war schon alles heftig und hat auch wehgetan, weil der Veranstalter und alle beteiligten Musiker den Menschen einfach nur die Chance bieten wollten, in einer sicheren Umgebung nach so langer Zeit mal wieder ein bisschen das Leben zu feiern.
Die emotionale Fallhöhe war also sehr hoch. Klar, seit dem Ausbruch der Pandemie geht in Ihrer Branche die Angst um. Wie war es für Sie ganz persönlich, mal wieder auf einer Bühne vor viel Publikum zu stehen?
Ich habe mich wahnsinnig auf diese Veranstaltung gefreut, weil es auch ein außergewöhnlicher Ort ist. Von der Bühne am Friedensdenkmal aus hat man einen unglaublichen Ausblick, deine Heimat liegt dir praktisch zu Füßen. Viele Künstler leben ja von der direkten Kommunikation, gerade Live-Musiker wollen auf die Bühne, den Kontakt mit den Menschen suchen. Deshalb habe ich mich auch tierisch gefreut, dass die Veranstaltung sofort ausverkauft war, weil ich einfach mal wieder vor mehr als 50 Leuten spielen wollte. Da oben zu stehen, das hat für mich etwas mit Lebendigkeit zu tun. Als Musiker kann man gar nicht anders, man ist dafür geboren.
Dennoch war es kein normales Konzert. Haben Sie die Corona-Atmosphäre gespürt auf der Bühne?
Natürlich. Allein das riesige Zelt vor der Bühne war schon gewöhnungsbedürftig. Und dennoch haben die Leute trotz aller Einschränkungen gefeiert. Wir und auch die anderen Musiker der Veranstaltungsreihe haben nach den Auftritten viele Reaktionen bekommen. Die Menschen haben geschrieben, dass es für sie wie Luft zum Atmen war, dass es sie glücklich gemacht hat, endlich mal wieder Live-Musik zu erleben. Ähnliche Reaktionen gab es auch nach unserem Auftritt im Spätsommer in Billigheim. Schon da war zu spüren, wie viele Menschen dieses Gefühl der Ausgelassenheit vermissen. Das Konzert war für manche wie eine Erlösung.
Nicht nur Sie haben sich zur Situation der Künstler geäußert, sondern jetzt auch der deutsche Star-Trompeter Till Brönner. Er sagt, viele Künstler, die dafür kämpften, wieder auftreten zu dürfen, seien Arbeitgeber, Eltern, müssten Mieten und Schulden bezahlen. Haben Sie Sorge, die Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können?
Ich persönlich muss keine Angst haben, weil ich einen zweiten Beruf neben der Musik habe. Deswegen habe ich diesen wirtschaftlichen Druck nicht. Aber ich kenne Musikerkollegen aus der Region, bei denen ist die Situation dramatisch. Die Sängerin einer Band aus der Südpfalz geht ganz offensiv damit um, dass sie wegen der Corona-Beschränkungen inzwischen Grundsicherung beziehen muss, um finanziell zu überleben. Viele andere Musiker in der Region leben derzeit von ihrem Erspartem, aber auch das ist bei manchen schon aufgebraucht. Für viele ist das sehr schambesetzt, und es ist ja auch erniedrigend, wenn du plötzlich zum Amt musst, weil es nicht mehr reicht. Die Leute haben sich etwas aufgebaut, sie hatten Ziele und Träume. Und jetzt das. Deswegen muss die Politik den Künstlern viel stärker helfen, denn in gewisser Weise ist sie auch für deren Berufsverbot verantwortlich. Aber faktisch sind viele völlig allein gelassen worden.
Aber was müsste konkret passieren, um die regionalen Kunstszenen in die Nach-Corona-Zeit zu retten?
Eine Möglichkeit wäre, dass der Staat für abgesagte Veranstaltungen und als Ausgleich für das aus den Verordnungen resultierende Berufsverbot Ausfallzahlungen leistet. Damit könnte es gelingen, dass Betroffene nicht in die Grundsicherung rutschen. Der Staat kann natürlich nicht alle Ausfälle übernehmen, aber zumindest einen großen Teil. Wie jetzt angekündigt, ließe sich ja problemlos errechnen, was ein Künstler in den vergangenen Jahren im Schnitt verdient hat. Eine daraus resultierende Ausgleichszahlung wäre wichtig und fair. Außerdem könnte der Staat wie eine Art Versicherer auftreten, indem er den Veranstaltern zusichert, sollten Termine wegen Corona flöten gehen, übernähme er einen Großteil der bis dahin angefallenen Kosten. Das würde die Angst in der Branche erheblich senken. Und natürlich wird dieser Lockdown jetzt noch mal vieles verschärfen. Aber bitte nicht falsch verstehen: Er ist pandemisch sicher richtig, wirtschaftlich jedoch ist er fatal für die Branche.
In der ersten Corona-Hochphase im Frühjahr haben bereits viele Musiker über ihre angespannte Situation berichtet. Welche Rückmeldungen haben Sie von Fans in dieser Zeit bekommen?
Es gab sehr viele Rückmeldungen, die mich berührt haben. Wir sollten zum Beispiel bei einer privaten Party spielen, dann kam dieses Virus. Der Mann, der uns gebucht hatte, hat gefragt, ob er uns die Gage dennoch im Vorfeld überweisen dürfe, er wolle das im nächsten Jahr ja eh mit uns nachholen. Und da denkt man schon, wow, was für eine Solidarität. Und ich weiß, dass ganz viele Kollegen ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Und vielleicht war mein Beitrag bei Facebook auch deshalb so emotional, weil wir gerade jetzt diese Anerkennung, diesen Respekt brauchen.
Live-Musik und Weinfeste sind untrennbar mit dem Lebensgefühl in dieser Region verbunden. Da kommt die Südpfalz schon zu ihrem Kern, könnte man sagen. Machen Sie sich Sorgen darum, dass diese Feste vielleicht so nicht mehr kommen könnten, weil sich Veranstalter scheuen?
Nein, da habe ich keine Sorgen. Die Südpfälzer kommen zurück ins Leben. Wir sehen das beispielsweise am Billigheimer Purzelmarkt. Der ist zwar in diesem Jahr ausgefallen, aber es gab Care-Pakete für die Party daheim, die waren ganz schnell weg. Diese Mentalität des Feierns ist einfach zu tief verwurzelt. Aber wir haben in der Kunst hier große wirtschaftliche Schäden, die Szene wird sich erholen müssen. Und selbst wenn ein Impfstoff da ist, wird das noch lange dauern.
Es wird nach dem harten Frühjahr nun auch ein harter Winter für viele Künstler. Was können die Südpfälzer tun, um ihre Künstler zu unterstützen?
Es wird in Anbetracht des Lockdowns wirklich sehr schwierig für viele Kollegen. Wir haben natürlich den Vorteil der Erfahrungen aus den ersten Monaten. Aber wir bräuchten einfach auch die Hilfe der Kommunen, indem diese sagen, wir verzichten auf Mieten für öffentliche Konzertstätten und schauen, wie unsere Künstler ihre Brötchen verdienen können, sobald Lockerungen möglich sind. Jetzt mal Klartext: Wir konnten unser Konzert in Billigheim nur machen, weil eine Eventfirma aus der Region ihre Ausstattung kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Ansonsten hätten wir alleine für die Eventtechnik 50.000 Euro zahlen müssen – für einen Auftritt mit 350 Leuten. Ich sage das, damit man mal ein Gefühl dafür bekommt. Die Leute haben das auch gesehen und gewürdigt. Wir wollten einfach Hoffnung in die Herzen bringen. Und dieser Auftritt verlief für uns wie im Rausch. Und das kann ich wirklich sagen: Musik geht virenfrei über die 1,50 Meter Abstand direkt ins Herz.
Wenn Sie ins Bett gehen, haben Sie zurzeit eine ganz konkrete Sorge?
Es ist tatsächlich die Sorge um die anderen. Ich werde das schon schaffen. Aber ich habe Menschen erlebt, die sind am Ende. Ein Bekannter aus der Branche, das weiß ich, war aufgrund der Situation derart psychisch angeschlagen, dass er professionelle Hilfe gebraucht hat. Dieses Gefühl der Ohnmacht und gleichzeitig dieser enorme wirtschaftliche Druck, das empfinden viele zurecht als existenzielle Bedrohung. Das treibt mich um. Die Politik muss gerade jetzt beim zweiten Lockdown endlich begreifen, dass sie einen kompletten Berufszweig unfair und ignorant behandelt und die Kulturschaffenden im Stich lässt. Denn bei aller Bühnenromantik: Für viele geht es jetzt ums Überleben. Wenn diese überfällige Korrektur durch politische Entscheidungen aber endlich kommen sollte, dann glaube ich, dass wir diese unfassbare Katastrophe meistern werden. Und dann gibt es hoffentlich auch wieder Platz für Träume – und Abende voller Musik.