Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Lebensgefährlichen Notfall als Blähungen diagnostiziert

Das Klinikum in Landau.
Das Klinikum in Landau.

Tanja Erbs Tochter wäre beinahe gestorben. Die 16-Jährige klagte über schlimme Bauchschmerzen, wurde vom Städtischen Klinikum in Landau aber wieder heimgeschickt. Mit Verdacht auf Blähungen. Am Ende musste sie im Vinzentius notoperiert werden. Was ist da schiefgelaufen?

Das Gefährliche an der Pandemie ist nicht nur das Virus selbst. Aufgrund der Dauerbelastung des Gesundheitssystems ist es auch ein ungünstiger Zeitpunkt für andere Notfälle. Autounfälle, Blinddarmdurchbrüche oder Hirntumore nehmen keine Rücksicht auf Krankenhauskapazitäten.

So beginnt auch die Tortur von Elena Ehrhardt. Die 16-Jährige beschwerte sich an einem Tag im Januar bei ihrer Mutter über starke Bauchschmerzen. Ihre Hausärztin schlug nach einer ersten Untersuchung Alarm, schickte die beiden ins Krankenhaus. Das nahegelegene Klinikum in Neustadt konnte aber keine neuen Patienten aufnehmen. Tanja Erb fuhr ihre Tochter darum ins Städtische Krankenhaus nach Landau. Doch sie ist nicht zufrieden mit der dort geleisteten Hilfe. „Der Viszeralchirurg (Anmerkung der Redaktion: Bauchchirurg) schien völlig desinteressiert“, erzählt Erb. „Er meckerte uns noch an, warum wir mit so einer Sache in Coronazeiten überhaupt ins Krankenhaus kommen.“ Nach einer Blutprobe und einer Ultraschall-Untersuchung schickte der Arzt die Familie wieder nach Hause. Befund: Magenverstimmung, Allergien oder vielleicht Blähungen. Beim Ultraschall hatte er viel Luft im Magen gesehen.

Anderer Arzt, andere Diagnose

„Wir haben uns nicht vorstellen können, dass das so stimmt, haben in dem Moment aber auf den Fachmann gehört“, sagt Elenas Mutter. Im Verlauf des Tages seien die Schmerzen aber noch viel schlimmer geworden, das Mädchen war schweißgebadet. Am Abend war klar: Erb konnte ihre Tochter nicht in diesem Zustand ins Bett schicken und aufs Beste hoffen. Sie wollte sie dann eigentlich in ein anderes Krankenhaus bringen, zum Beispiel nach Speyer. Doch die Ergebnisse der Blutuntersuchung beim Städtischen Klinikum fanden sich nicht auf den Entlassungspapieren. Also entschied sich Erb, am Mittag nochmal den Weg zum Städtischen anzutreten. Es war nun ein anderer Arzt im Dienst. Bei einer neuen Ultraschall-Untersuchung wurde festgestellt: Da war keine Luft im Bauch, sondern Flüssigkeit. Elena hatte innere Blutungen erlitten. Ihr war eine Eileiterzyste geplatzt.

Für eine Not-OP wurde Elena ins Vinzentius-Krankenhaus gebracht. Dort wurden ihr gut vier Liter Blut aus dem Bauchraum entfernt. Ein Mädchen in ihrem Alter hat vielleicht fünf oder sechs. Elenas Leben hing am seidenen Faden. Weil ihr Körper soviel Blut regenerieren musste, ist sie bis heute noch nicht ganz bei alter Kraft, sagt Erb.

„Das hätte anders ausgehen können“

Die Mutter ist wütend darüber, dass der Chirurg im Städtischen Klinikum ihre Tochter so unnötig in Gefahr gebracht hat. „Krank werden im Ausnahmezustand Corona kann lebensgefährlich sein. Wenn wir nicht wiederholt und vehement auf eine Behandlung gedrängt hätten, hätte es anders ausgehen können.“ Auch ärgert es sie, dass das Klinikum im Nachgang nicht auf eine Beschwerdemail reagiert hat.

Die sei in der Firewall hängengeblieben, erklärt Martina Galow, Referentin der Geschäftsführung im Städtischen Klinikum. Die Vorgänge im Januar kommentiert sie folgendermaßen: „Nach der Erstvorstellung in der Notfallambulanz ergab sich nach Diagnostik und Befundung aus medizinischer Sicht zunächst keine stationäre Behandlungsnotwendigkeit. Nach der Zweitvorstellung in der Notfallambulanz erfolgte bei fortbestehenden Beschwerden und weiterer Diagnostik die stationäre Aufnahme zur weiteren Beobachtung und Behandlung. Nachdem die Erkrankung einen entsprechenden Verlauf genommen hat, erfolgte nach weiterer Diagnostik am Folgetag die Verlegung in eine Hauptfachabteilung eines anderen Krankenhauses, welche wir aufgrund unseres Versorgungsauftrags nicht vorhalten.“ Es tue der Einrichtung sehr leid, dass sich die Familie in der Klinik nicht gut behandelt gefühlt hat.

„Notfallversorgung gewährleistet“

Inwiefern hat die Corona-Belastung bei der missglückten Behandlung eine Rolle gespielt? Werden dem Anschein nach weniger dringliche Notfälle nicht ausreichend untersucht? „Aufgrund der Coronavirus-Pandemie gibt es einen Parallelbetrieb aus der Behandlung für Covid-19-Patienten und Nicht-Covid-19-Patienten. Auch gibt es zusätzliche Hygiene- und Schutzmaßnahmen“, erklärt Galow. Unabhängig davon laufe die Notfallversorgung generell weiter. Die Kriterien der Notfallversorgung, so auch wer zum Beispiel stationär aufgenommen wird, seien auch in Pandemiezeiten unverändert. Selbst wenn das Krankenhaus einen Aufnahmestopp haben sollte, soll bei einem Notfall „eine Hilfeleistung erfolgen oder alles Weitere organisiert werden.“

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