Landau „Lasst uns über Europa reden“

Wenn der Esszimmertisch zum Parlament wird: Geneviève Kriso (rechts) hat Familie und Freunde eingeladen, um sich über europäisch
Wenn der Esszimmertisch zum Parlament wird: Geneviève Kriso (rechts) hat Familie und Freunde eingeladen, um sich über europäische Themen zu unterhalten.

Geneviève Kriso ist bestens vorbereitet für den Besuch, den sie und ihr Lebensgefährte Thomas Wissing jeden Augenblick bei sich empfangen werden. Schon in ihrem Wohnzimmer duftet es verführerisch nach Spaghetti mit Meeresfrüchten. Den Weißwein hat Kriso bereits kalt gestellt. Der Esstisch ist gedeckt. Die Gäste können also kommen. Allerdings handelt es sich heute nicht um die Fernsehshow „Das perfekte Dinner“. Im Wohnzimmer des Leinsweiler Paars soll heute debattiert werden, und zwar über Themen, die die Europäische Union betreffen. „Soll die EU ihre außen- und sicherheitspolitische Ausrichtung neu gestalten?“ lautet eine der Fragen, auf die bei ihrem Hausparlament eingegangen werden soll. Hinter der Idee, die Küche oder das Wohnzimmer in ein Parlament umzuwandeln, steckt die Initiative „Pulse of Europe“ (POE). Hatte sie vergangenes Jahr noch dazu eingeladen, auf die Straße zu gehen und Stimmung für Europa zu machen, animiert sie nun Menschen dazu, Hausparlamente einzuberufen. Die Teilnehmer sollen sich in lockerer Runde mit politischen Themen befassen, die die Europäische Union betreffen. In Hinblick auf die bevorstehende Europawahl im Mai 2019 sollen nicht nur die Bürgerbeteiligung und das Interesse und Bewusstsein für Europa gesteigert werden. Die Debatten, von denen es mehrere Runden geben soll, zeichnet sich dadurch aus, dass die Ergebnisse der Diskussion anschließend an Vertreter der Politik übermittelt werden. „Der Dialog zwischen Politiker und Bürger soll dadurch gestärkt werden“, erklärt Karin Coordes vom Landauer Ableger der POE-Bewegung. In Landau und im Kreis Südliche Weinstraße hat es laut Kriso seit Beginn der Aktion im Sommer viele Anfragen für Hausparlamente gegeben. An Infoständen hat die Landauer POE-Bewegung für die Debatten am Küchentisch geworben. Wie viele tatsächlich stattgefunden haben, lasse sich nicht sagen, da vieles online abgewickelt werde, ohne die Ortsgruppen zu informieren, erklärt Coordes. Geneviève Kriso freut sich, Gastgeberin eines Hausparlaments zu sein. „Ich finde es wichtig, sich mit Europa zu beschäftigen. Die EU hat sich nach zwei Weltkriegen gebildet, ist sozusagen ein Garant für den Frieden“, betont die zweifache Mutter. Das gerate jedoch immer mehr in Vergessenheit. Zumal zu Zeiten des Brexits und der Flüchtlingskrise Europa zunehmend in der Kritik stehe. Das möchte sie nicht so hinnehmen. „Wenn ich mich selbst als Beispiel nehme: Ich sehe mich als Europäerin mit französischen Wurzeln und mit Deutschland als Wahlheimat“, sagt Kriso. Zwar werde im Alltag auch über politische Themen gesprochen. „Allerdings nur kurz, dann sind die Unterhaltungen oftmals nur oberflächlich“, sagt Kriso, die im französischen Marseille geboren wurde. Sie sei fasziniert von der Möglichkeit, sich in lockerer Runde über wichtige Themen unterhalten zu können – mit dem Wissen, dass die Kritik und Anregungen, die es in der Debatte geben wird, vielleicht Früchte tragen könnten. Zumal Jedermann solch ein Hausparlament einberufen kann. „Jeder bekommt einen Gesprächsleitfaden und kann sich daran mit seinen Gästen von Frage zu Frage entlanghangeln.“ Am Ende der zweistündigen Debatte fasst die Gastgeberin dann zusammen, wie das zusammengewürfelte Gremium sich zu den einzelnen Fragen positioniert hat. Ob es einen europäischen Außenminister mit Entscheidungskompetenz wünscht oder eine europäische Armee die nationalen Heere ablösen soll. Pro und Contra sind bereits aufgelistet und sollen den Parlamentariern Denkanstöße geben. Zwischen fünf und acht Gäste nehmen an einem Hausparlament teil. Kriso hat nicht nur zwei befreundete Ehepaare eingeladen, sondern auch ihre Tochter Anne-Sophie Wolffram und deren Mann Johannes. Sie sind 28 beziehungsweise 30 Jahre alt und die Jüngsten am Tisch. „Ich finde es wichtig, die jüngere Generation zu hören, da sie andere Sichtweisen und Standpunkte vertritt“, sagt Kriso. Anne-Sophie Wolffram findet das Ganze ebenso spannend. „Vor allem, weil ich mit meiner Mutter gewöhnlich über andere Themen rede. Ich finde es schön, mich jetzt über politische Themen mir ihr auszutauschen.“ Themen, die sonst nicht in der Familie oder unten Freunden angesprochen werden würden, wie ihr Ehemann Johannes Wolffram anmerkt. „Wenn wir uns privat über die EU unterhalten, dann sprechen wir meist über Themen, die ohnehin in den Medien kursieren.“ Heute abend geht es jedoch nicht um die viel diskutierte Flüchtlingsbewegung oder um das Verhältnis von Deutschland zu Frankreich, sondern um ganz andere Dinge, die in einem Parlament auf den Tisch kommen können. Das mache den Reiz des Ganzen aus, sagt Johannes Wolffram. Info Wer Interesse an einem Hausparlament hat, meldet sich per E-Mail an die Adresse landau@pulseofeurope.eu. Die Fragen für die nächste Diskussionsrunden liegen im Februar 2019 vor. Aber auch an der laufenden Runde können Interessierte noch teilnehmen.

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