Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Segnen Sie auch Homosexuelle, Dekan Brecht?

In der Marienkirche wird jeder gesegnet – unabhängig von der sexuellen Orientierung.
In der Marienkirche wird jeder gesegnet – unabhängig von der sexuellen Orientierung.

Die Aktion „Liebe gewinnt“ lief in der vergangenen Wochen ohne Landauer Beteiligung. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ erklärt Dekan Axel Brecht warum – und sagt, was er sich von der Katholischen Kirche wünscht.

„Liebe gewinnt“ – am vergangenen Montag gab es in vielen Gemeinden bundesweit eine Segnung auch für homosexuelle Paare. Wir waren überrascht, dass Landau nicht mitgemacht hat.
Wir haben seit Jahren Segnungsgottesdienste zum Valentinstag im Programm – da werden alle, die kommen gesegnet. Die Aktion am vergangenen Montag konnte ich nicht mitgestalten, weil ich drei Wochen lang im Urlaub war und es relativ kurzfristig gewesen wäre, da noch etwas zu wuppen. Außerdem gibt es momentan keine Präsenzgottesdienste – ein Segen nur übers Internet wäre mir zu wenig gewesen.

Wenn homosexuelle Menschen gesegnet werden wollen, machen Sie das?
Ich segne alle Menschen, die mit der Liebe Gottes unterwegs sind.

Homosexuelle sind auch Teil der Gemeinde?
Ja, natürlich. Da habe ich absolut kein Problem mit.

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Und wie sieht es mit dem Sakrament der Ehe aus?
Das ist ein besonderes Sakrament – man kann es nicht mit einer Segnung gleich behandeln. Bei der Ehe handelt es sich um die Lebensgemeinschaft von Mann und Frau mit dem Ziel, das Leben weiterzugeben. Sie ist etwas Besonderes – aber auch etwas ganz Eigenes. Andere Beziehungen sind ebenfalls genauso wertvoll und verdienen den Segen Gottes, aber sie sind eben etwas anderes.

Im Vatikan scheint man dies zumindest teilweise anders zu sehen.
Die Verlautbarung, um die es derzeit geht, wurde 1986/87 gestrickt. Damals war Joseph Ratzinger Präfekt der Glaubenskongregation. Die Kirche hatte kräftige Abwehrschlachten gegen die Befreiungstheologie und den Wandel in der Ehemoral zu schlagen. Die Argumentation ist vorwiegend auf diese Zeit gestützt. Die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten wurde nicht wahrgenommen. Das ist schade. Das ändert aber nichts an der Praxis in Deutschland – und vielen anderen Ländern –, dass auch homosexuelle Menschen den Segen Gottes empfangen können.

Ist man in Deutschland – und auch im Bistum Speyer angesichts der Äußerungen von Generalvikar Sturm, der sich als einer der ersten Geistlichen in Deutschland gegen die römische Anweisung stellte, Segensfeiern für homosexuelle Paare zu unterlassen, – ein bisschen weiter als in Rom?
Ja. Die Katholische Kirche ist weltweit aufgestellt, da geschieht nie alles zeitgleich. In anderen Kulturen beispielsweise wird es schwierig sein, an diese gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften ranzukommen. Bei uns verläuft die Entwicklung anders. Rom muss den Blick auf die Gesamtkirche richten, das macht es nicht unbedingt einfach, Veränderungen anzustoßen.

Ist diese in Deutschland gepflegte liberale Position mit Blick auf die konservative Einstellung in vielen Weltregionen nicht auch ein Problem für die Kirche?
Das fängt schon in Deutschland an. Auch hier gibt es sehr stark wertkonservativ geprägte Menschen, die mit der Situation nicht zurechtkommen. Das ist ein Spagat, den Kirche aushalten muss. Aber es ist ein Kennzeichen der Katholischen Kirche, dass wir den Spagat auch immer wieder meistern. Es gab schon immer Differenzen in der Glaubensausübung und -wahrnehmung. Das ist nichts Schlimmes, sondern etwas Befruchtendes.

Wie sieht dieser Spagat in Landau aus? Was sind die Schwierigkeiten für Sie vor Ort?
Auf mich bezogen sehe ich keine Schwierigkeiten im Spagat. Es gibt aber schon unterschiedliche Ansichten unter den Gläubigen und den Hauptamtlichen, wie man mit dieser Segnungsform umgehen sollte. Es gibt auch Ausreißer in andere Richtung – beispielsweise in der Frage von Sakramentenvorbereitungen (Taufe, Firmung, Hochzeit) oder der Gestaltung einer Erstkommunion. Was gehört dazu, wie begleite ich Menschen? Vielfalt muss gelebt und ausgehalten werden – auch im Dialog miteinander ausgetauscht werden. Dadurch leben wir als Kirche weiter. Ich kann nicht irgendetwas, das für 500 Jahre Gültigkeit hatte, zementieren.

Wenn wir das aus liberaler Sicht betrachten: Ist die Kirche auf einem guten Weg?
Ja. Der Weg könnte manchmal vom ganzen Volk Gottes schneller beschritten werden. Es ist aber ganz gut, dass wir diese Spannungen gemeinsam aushalten und nicht über eine Spaltung reden müssen.

Ein anderes großes Thema sind die Missbrauchsfälle und derzeit besonders der Umgang des Kölner Kardinals Woelki mit der Aufklärung. Wirkt sich das auf Ihre Gemeinde aus?
In unserer Diözese sehe ich einen sehr wertvollen Umgang mit der Frage, ob wir Schuld auf uns geladen haben. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Konterkariert wird das durch Blockadehaltung. Der Kölner Umgang mit der Problematik – dass das eine Gutachten unter Verschluss gehalten wurde und die anderen Vorfälle – macht sich bei uns in der Pfarrei auch dadurch bemerkbar, dass die Kirchenaustritte sehr hoch sind.

Dieser Umgang des Systems Kirche mit der Aufklärung und den Missbrauchsfällen wirkt sich auch auf die Menschen aus, die sich vor Ort ehrenamtlich in der Kirche engagieren – vor allem sind das Frauen. Ist da ab und an Zorn zu spüren?
Schon. Es gibt die Bewegung Maria 2.0, die die Frauen in der Kirche stärken will. Dass nach so einer gewissen Offenheit Rückschritte gemacht werden, schmerzt. Ich hoffe, dass die Menschen dabeibleiben.

Von goldenen Badewannen war ja schon lange nichts mehr zu hören – immer wenn die Kirche derzeit negativ in den Schlagzeilen auftaucht, hat es mit den Verfehlungen von Männern zu tun. Schlagwort toxische Maskulinität. Würde eine Öffnung des Priesteramts und höherer Ämter für Frauen das Problem nicht verringern?
Es würde dazu beitragen, dass die Kirche offener wird. Mitverantwortung und Mitgestaltung betrifft schließlich alle, die sich in der Kirche engagieren. Die Missbrauchsfälle sind keine Ausrutscher. Es ist verwerflich, was passiert ist – auch für die Kirche als moralische Instanz. Da wurde ganz viel Vertrauen zertrümmert, und es ist massiver Schaden entstanden.

Bereuen Sie es, nicht Protestant zu sein?
(lacht) Ich bin sehr froh, dass ich meiner Berufung folgen darf. Ich bin seit der Taufe katholisch, es gibt keinen Grund für mich zu konvertieren. Dazu arbeiten wir in Landau in der Ökumene sehr gut zusammen. Und es wird überall mit Wasser gekocht – es gibt überall Menschen, die menscheln, und es gibt überall Fehler. Wir spüren den Schmerz in den Geschwisterkirchen überall, wenn es eine schlechte Nachricht gibt und etwas aus dem Ruder läuft.

 

Zur Person

Axel Brecht wurde 1992 zum Priester geweiht, seit 2011 ist er Pfarrer in der Landauer Mariengemeinde, seit 2012 kümmert er sich als Dekan um seine Gemeinde – wenn er nicht gerade wie 2015 bei einer Kochsendung im Fernsehen gewinnt.

Dekan Axel Brecht
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