Landau
Hospizbegleiterin bekennt: Zufrieden mit dem, was ich habe
Als sie 1999 ein winziges Büro im Schwesternwohnheim des Vinzentius-Krankenhauses in Landau bezog, war Ute Schneider-Beiwinkel die erste hauptamtliche Fachkraft für die Palliativversorgung von Menschen mit lebensverkürzenden Krankheiten in Rheinland-Pfalz. Eine zweite Person wurde zeitgleich im Kreis Kusel eingestellt. Zählt man die Weiterbildung der ausgebildeten Krankenschwester zur „Palliative Care“-Fachkraft dazu, blickt sie auf 25 Jahre Begleitung von Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt zurück.
Es mögen 1000 Patienten gewesen sein, die Ute Schneider-Beiwinkel in all den Jahren begleitet hat, doch Zahlen spielen im hospizlichen Denken keine große Rolle. Hier ist jeder Mensch wichtig und wertvoll, so wie er ist, und er darf selbstbestimmt und in Würde bis zur letzten Stunde leben – und wenn es so weit ist, in Frieden sterben. Mit dieser Haltung hat sie ein Vierteljahrhundert Familien auf dem letzten Lebensabschnitt eines Angehörigen unterstützt.
Anker für Angehörige
„Dabei zu sein, wenn ein Patient stirbt, ist nicht die originäre Aufgabe einer Palliativfachkraft, in diesem Moment gehört der Platz an seiner Seite der Familie“, erklärt sie bei einer Tasse Tee vor dem knisternden Kaminfeuer in der gemütlichen Küche in Edenkoben. Deshalb liege der Fokus der Begleitung durch Haupt- und Ehrenamtliche auch auf der Stärkung der Angehörigen: „Wir sind der Anker für die Angehörigen, damit sie das alleine hinkriegen.“ Nach der ersten Aufregung und vielen Ängsten soll Ruhe einkehren, damit das Gehen und das Loslassen gelingen kann. „Es soll ein gutes Sterben werden, und die Zeit bis dahin soll gut gestaltet werden.“
In Rodalben geboren und in Clausen aufgewachsen, ist Ute Schneider-Beiwinkel bereits als 17-Jährige für eine Ausbildung zur Krankenschwester im Hetzelstift nach Neustadt umgezogen. Nach ersten Berufsjahren auf der Intensivstation der Uniklinik Mannheim ist sie mit ihrem Ehemann Wolfgang nach Italien übergesiedelt, der dort mit seinem Bruder ein biologisches Weingut aufgebaut hat.
Bewegung aus den 90ern
Als sich der erste der beiden Söhne angekündigt hat, sind sie zurückgekommen. Ab 1992 hat Ute Schneider-Beiwinkel dann wieder im Landauer Vinzentius-Krankenhaus gearbeitet. „Auf der Chirurgie hatte ich viel Kontakt zu Tumor-Patienten. Gleichzeitig kam in Deutschland die Hospizbewegung auf“, erinnert sie sich. Nach autodidaktischen Anfängen hat sie bei der Sozialstation in Speyer schließlich von 1995 bis 1997 die Weiterbildung zur „Palliative Care“-Fachkraft absolviert.
Das war die Grundlage für eine hauptamtliche Stelle über den Paragrafen 39a im fünften Sozialgesetzbuch, nach dem sich seit 1996 die Krankenkassen an den Kosten der Palliativversorgung von Patienten mit lebensbeendender Diagnose beteiligen. Einen Rechtsanspruch als Leistung der Krankenkassen gibt es erst seit 2007.
„Die Patienten sollen bei uns einen Ankerplatz, einen Hafen finden“, malt Ute Schneider-Beiwinkel ihr Bild von der hospizlichen Arbeit. Die einen kommen kurz nach der Diagnose, andere liegen in den letzten Zügen, wenn die Ehren- oder Hauptamtlichen um Begleitung gebeten werden. Dabei sei es nicht wichtig, wie oft oder wie lange ein Patient betreut werde: „Manche kommen über Jahre ganz gut allein zurecht und bitten ab und zu telefonisch um Rat oder Unterstützung, andere wünschen die Begleitung zu Untersuchungen oder zum Arztgespräch.“
In Frieden sterben
Grundlage aller Begleitung ist hospizliches Denken. Das ist geprägt von Einfühlungsvermögen und der Einstellung, dass jedes Leben wertvoll ist und jeder Mensch in Würde und selbstbestimmt bis zur letzten Stunde leben und in Frieden sterben darf.
Die Vorarbeit in den Familien ist Ute Schneider-Beiwinkel wichtig, denn seit der gesetzlichen Verankerung der Spezialisierten ambulanten Palliativ-Stützpunkte (SAPV), deren Fachkräfte rund um die Uhr sterbenden Patienten schmerzlindernde Medikamente verordnen dürfen, kann vielen Menschen mittlerweile der Wunsch, zu Hause sterben zu dürfen, erfüllt werden. Deshalb sei ihr auch der wöchentliche Austausch mit dem SAPV-Team wichtig.
65 Ehrenamtliche
Mit dem Fortschreiten der Hospizbewegung hat sich auch die Einrichtung in Landau verändert. Statt zwei Halbtagskräften – die zweite war Koordinatorin Helga Fuchs-Entzminger – sind heute fünf hauptamtliche Mitarbeiterinnen unter der gemeinsamen Trägerschaft des Vinzentius-Krankenhauses und des Diakonischen Werks beschäftigt und werden von derzeit 65 sehr gut ausgebildeten und betreuten Ehrenamtlichen unterstützt. Der damals gegründete Ambulante Hospizdienst Landau-Südliche Weinstraße nennt sich mittlerweile „Hospizzentrum Südpfalz“, denn seit zwei Jahren werden auch Kinder und Jugendliche begleitet, die selbst oder deren Eltern von lebensbeendenden Krankheiten betroffen sind. Das Domizil der Einrichtung sind mittlerweile großzügige Räume in der Weißenburger Straße 1.
Gefragt, wie die Begleitung sterbender Menschen auf sie persönlich einwirkt, antwortet Ute Schneider-Beiwinkel nach einem Moment der Besinnung: „Ich kann die Schönheit der Natur und das Leben als Geschenk annehmen. Ich habe jetzt einen klareren Blick dahin, wie es dann ist, zum Schluss. Und ich bin dankbar und zufrieden mit dem, was ich habe. Und ich feiere jedes Jahr meinen Geburtstag. Es muss kein großes Fest sein, aber es ist ein Tag, den ich bewusst erlebe und an dem ich denke, dass ich froh bin, noch hier sein zu dürfen.“
Ausgleich findet sie beim Hören klassischer Musik und beim Singen in der Neustadter Stiftskantorei: „Da erhellt sich meine Seele“, sagt Ute Schneider-Beiwinkel und gesteht, dass sie in der Zeit des pandemiebedingten Verbots von Chorproben oft bittere Tränen geweint habe.
Vier-Euro-Spende pro Flasche
Nach dem Ausscheiden aus der hauptamtlichen Hospizbegleitung ist für Ute Schneider-Beiwinkel, die im kommenden August ihren 65. Geburtstag feiert, der Begriff „Ruhestand“ keine Option. Vier Enkelkinder im Grundschulalter in Landau und Neustadt freuen sich auf künftig noch mehr Zeit mit der Oma. Und dann gibt es ein neues Projekt, das pandemiebedingt leider gerade wieder etwas ausgebremst wird: Ehemann Wolfgang hat den 240 Jahre alten Gewölbekeller zum Veranstaltungsraum ausgebaut. Hier sollen Musik- und Tanzveranstaltungen, Lesungen, Kleinkunst und Weinverkostungen stattfinden. Auf Wunsch können Gäste den Keller auch für Familienfeiern mieten und sich von der leidenschaftlichen Köchin Ute Schneider-Beiwinkel kulinarisch verwöhnen lassen.
Und wenn es sonst üblich ist, zum Ausscheiden aus dem Berufsleben ein Geschenk zu erhalten, so ist es bei Ute Schneider-Beiwinkel umgekehrt: Ehegatte Wolfgang hat einen Rotwein aus dem Holzfass als Spendenwein abgefüllt. Die Sonderedition „Seelenfreude“, eine Cuvée aus Spätburgunder und Cabernet Dorsa, kostet pro Flasche 10,50 Euro. Davon spendet das ökologische Weingut Schneider-Beiwinkel vier Euro an den Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst im Hospizzentrum Südpfalz. Das Etikett hat die Künstlerin Karin Tauer aus Lübeck entworfen und spendiert.
Kontakt
- Der Wein „Seelenfreude“ ist erhältlich beim Weingut Schneider-Beiwinkel, Bahnhofstraße 56, in Edenkoben, Telefon 06323 7769
- oder im Ambulanten Hospizzentrum Südpfalz in Landau, Weißenburger Straße 1, Telefon 06341 942946