Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Hinter südpfälzischen Gardinen: Gefängnis am 30. September 1970 geschlossen

Im Gefängnis gab es unter anderem 13 Gemeinschaftszellen für vier bis sieben Häftlinge, 18 Einzelzellen und vier Krankenzimmer.
Im Gefängnis gab es unter anderem 13 Gemeinschaftszellen für vier bis sieben Häftlinge, 18 Einzelzellen und vier Krankenzimmer.

Vor genau 50 Jahren war Schluss: Am 30. September 1970 schloss das Gefängnis in der Landauer Ostbahnstraßeseine Türen. Wo einst die bösen Buben hausten, wohnen heute vor allem Studenten. Die Gefängnismauer steht noch heute. Auch wenn ein ehemaliger Stadtchef der Meinung war: „Die Mauer muss weg.“

Vor exakt 50 Jahren war Schluss. Das Gefängnis in der Landauer Ostbahnstraße schloss am 30. September 1970 seine Türen . Bis zu diesem Tag hatte das Gebäude knapp 120 Jahre seinen Zweck erfüllt. Es war jedoch nicht das erste Gefängnis in der Stadt. Der Galeerenturm diente in der Festungszeit als Militärgefängnis, und in der heutigen Meerweibchenstraße – damals „Käfiggasse“ genannt – wurden straffällige Zivilisten verwahrt. Erst im Jahre 1817 richtete die Königlich Bayerische Regierung an der Ecke Mark-/Kramstraße ein staatliches Gefängnis ein. Das Provisorium gab es knapp 30 Jahre, bis in der Ostbahnstraße auf einem fast 2000 Quadratmeter großen Grundstück eine neue Verwahranstalt gebaut wurde.

Damals eine moderne Einrichtung

Kein Geringerer als der Architekt August von Voit legte die Pläne vor. Er war ein Schüler des Hofarchitekten Friedrich von Gärtner, der die Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben erbaut hatte. In Landau war von Voit durch seine Mitarbeit beim Umbau des Alten Kaufhauses in den Jahren 1838/39 bekannt geworden. In der Pfalz wirkte er bei der Renovierung des Hambacher Schlosses mit, er plante mehrere Kirchen und Synagogen, die Fruchthalle in Kaiserslautern, und plante in ganz Bayern.

In Landau realisierte August von Voit eine damals moderne Einrichtung für den Strafvollzug. So gab es ein Wasch- und ein Arbeitshaus, zwei Gemüsebeete und Spazierwege. Dass der Gefängnisleiter in der Anstalt seine Dienstwohnung hatte, war damals selbstverständlich. Neben den 13 Gemeinschaftszellen für vier bis sieben Häftlinge gab es noch 18 Einzelzellen und vier Krankenzimmer. Ausgelegt war die Anstalt für 100 Straf- und Untersuchungsgefangene, doch schon bei der ersten Belegung im November 1851 wurden bereits 125 Personen einquartiert.

Der Gefängnisalltag lief bis 1933 in gewohnten Bahnen. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde das Haus neben dem Lager im Fort zu einem „Schutzhaftlager“. Eines der ersten Opfer war der Stadtbaumeister Bohn, der am 8. April auf Anweisung des Kreisleiters Kleemann unter entwürdigenden Umständen in aller Öffentlichkeit ins Gefängnis gebracht wurde. Die noch erhaltenen Gefängnistagebücher geben Auskunft über andere „Schutzhäftlinge“. Im März 1945 wurde das Gebäude bei einem Bombenangriff schwer beschädigt – einige Spuren sind noch sichtbar – und darauf mit großem finanziellem Aufwand wieder hergerichtet. Die hygienischen Mängel wurden aber nicht beseitigt. Immer noch gab es in den Zellen weder einen Wasseranschluss noch eine Toilette.

Vier Häftlingen gelingt die Flucht

Nachdem im September 1966 vier Häftlinge aus ihren Zellen fliehen konnten, zwei schafften es sogar über die Mauern, wurden umfangreiche Renovierungsarbeiten unternommen. Neue Lampen und eine zentrale Radioanlage wurden eingebaut, das Innere bekam einen freundlicheren Anstrich. Dass es aber so nicht weitergehen konnte, wurde immer klarer. Der Gedanke an einen Abriss und Neubau, eventuell auch außerhalb der Stadt Richtung Queichheim, wurde in allen möglichen Gremien erwogen.

1968 saßen noch 76 Männer und neun Frauen ein. Zwei Jahre später waren es nur noch 30 Häftlinge, bewacht von beachtlichen 22 Angestellten, die auch noch über Arbeitsüberlastung klagten. Die Schließung erfolgte am 30. September 1970 mit der Verlegung der Häftlinge nach Zweibrücken und Frankenthal.

Dann begann das große Pläneschmieden. Noch wurde die Befürchtung der RHEINPFALZ nicht wahr. „Es sieht ganz so aus, als komme dem Gefängnis Denkmalcharakter zu. Damit ist aber niemandem gedient“, war nach der Schließung in der Zeitung zu lesen. „Das Hauptziel der Stadt war: Der Kasten muss weg!“ Die putzigste Idee für eine Nutzung lieferte ein pensionierter Oberstudienrat aus Krefeld, der dem Oberbürgermeister vorschlug, ein „Kontaktzentrum“ einzurichten, wozu die „sonstige Atmosphäre angemessen“ sei. 1984 gab es ernsthaftere Pläne, den „Steinbunker“ für ein Einkaufszentrum zu nutzen. Der Neubau sollte eine Tiefgarage und sogar einen Schwimmpavillon im Dachgeschoss erhalten. Doch 1986 kam die große Bremse: Das Gebäude wurde zum Baudenkmal.

„Die Mauer muss weg!“

Jahrelang hielt die öffentliche Diskussion um die Verwendung an, bis dann 1993 schließlich die Umbauarbeiten zu dem heutigen Appartementhaus begannen. Streitpunkt blieb noch lange die Mauer, für die erst jetzt mit der Neugestaltung der Weißquartierstraße eine befriedigende Lösung gefunden wurde. Noch 1998, bei der Eröffnung des „Quartier Chopin“, plädierte der damalige Oberbürgermeister Christof Wolff vehement: „Die Mauer muss weg.“ Der Chronist stand damals neben dem Vertreter des Landesdenkmalamts, der nur murmelte: „Jetzt bleibt sie erst recht!“

Übrigens wurde die Idee der damaligen „Grünen Bürgerliste“ aus dem Jahre 1985 realisiert, einen „Café-Buchladen“ einzurichten. Man hätte ihn auch „Café Viereck“ nennen können, so hieß das Gefängnis nämlich früher im Volksmund.

Zum Autor

Michael Martin ist Historiker. Bis 2012 leitete er das Landauer Stadtarchiv.

Ausgelegt war die Anstalt für 100 Straf- und Untersuchungsgefangene, doch schon bei der ersten Belegung im November 1851 wurden
Ausgelegt war die Anstalt für 100 Straf- und Untersuchungsgefangene, doch schon bei der ersten Belegung im November 1851 wurden bereits 125 Personen einquartiert.
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