Pfalz
Himmlische Helfer – Drohnenpiloten bei Rettungseinsätzen
Niemand bemerkt, wie der ältere Herr seine Landauer Wohnung verlässt. Das Licht schwindet schon an diesem späten Dezembernachmittag 2020, als der 78-Jährige losmarschiert – und nicht wiederkehrt. Aus Sorge, der verwirrte Senior könnte nicht mehr nach Hause finden, schon gar nicht bei Dunkelheit, startet die Polizei eine Suchaktion, die schließlich 70 Rettungskräfte von Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Deutscher Lebens-Rettungs-Gesellschaft auf Trab hält, dazu einen Polizeihubschrauber, elf Suchhunde und drei Drohnenpiloten mit ihren unbemannten Flugobjekten.
Max Martin erinnert sich noch sehr gut an diesen Einsatz, er lenkte eine mit Wärmebildkamera ausgestattete Drohne. Das Besondere: Der 28-jährige Landauer war nicht als Mitglied einer Hilfsorganisation dabei, sondern als Privatmann – und voll in die Suche eingebunden. „Das war schon etwas Besonderes, denn viele Leitstellen kennen uns noch nicht“, sagt Martin und meint mit „uns“ ein Netzwerk von Copterpiloten, das sich und ihre Fluggeräte ehrenamtlich für Rettungseinsätze zur Verfügung stellt.
Martin und seine Mitstreiter haben die Ausrüstung, die Befähigungsnachweise, oft die Erfahrung von Hunderten Flugstunden – Know-how und Technik, die sich bei allerlei Rettungsmissionen nutzen ließe: Vermisste Menschen, entfleuchte Tiere, vieles lässt sich von oben betrachtet leichter erspähen, argumentieren die ehrenamtlichen Luftaufklärer. Doch willkommen sind sie nicht immer.
Vorbehalte gegen Drohnen
Es gebe Vorbehalte seitens der Polizei oder der Rettungsorganisationen, sagt Michael Klingsöhr, der vom bayerischen Neuried bei München aus die Gemeinschaft der hilfsbereiten Drohnenlenker deutschlandweit koordiniert. „Dabei kommen die meisten unserer Mitglieder selbst aus dem Rettungsdienst, von der Feuerwehr oder der Polizei. Technisch sind wir auf demselben Stand, mindestens“, sagt der 52-Jährige. Der Angestellte eines Drohnenbauers schult Rettungskräfte, wie man die neue Technik handhabt.
Derzeit habe er 150 Piloten in der Datenbank, „90 davon können direkt per App alarmiert werden“, sagt Klingsöhr. Und auch wenn das „Rettungsnetzwerk“ erst seit etwa einem Jahr am Start ist und seine Landkarte noch weiße Flecken aufweist: „Wir haben immer Leute, die loslegen können.“ Als beispielsweise Ende Februar ein dementer Senior in Mannheim verschwunden war, habe man rasch mehrere Teams mobilisieren können. Nur: Die Polizei habe die Hilfe der Ehrenamtler abgelehnt. Die Tochter des Vermissten habe von sich aus die Copterpiloten eingeschaltet, die aber nicht mehr eingreifen mussten, weil der Mann doch noch gefunden wurde.
Dankbar für jede Hilfe
Trotz des glücklichen Endes ärgern sich der Pfälzer Martin und der Bayer Klingsöhr, wie die Sache abgelaufen ist, denn ohne das hinderliche Hin und Her wären die Drohnen schneller einsatzbereit gewesen – und der Vermisste wäre womöglich früher gefunden worden. „Die Angehörigen sind doch dankbar für jede Hilfe, die sie bekommen können“, sagt Martin, der sich darüber wundert, dass dies bei anderen Einsatzkräften offenbar nicht immer so ist, nicht einmal, wenn es darum geht, jemanden nachts oder in unübersichtlichem Gelände zu finden. „Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz, sondern wollen einfach nur unterstützen“, beteuert der langjährige frühere Feuerwehrmann.
Wie es gehen kann, zeigte sich vergangenen September bei einem Verkehrsunfall in der Südpfalz, bei dem mitten in der Nacht ein Welpe in Panik aus einem der beteiligten Fahrzeuge geflüchtet war. Die Jockgrimer Hundesucherin Tanja Axmann alarmierte die Copterpiloten, die Polizei gab grünes Licht und zwei Teams aus Landau und Karlsruhe flogen mit Drohnen und Wärmebildkameras die weitere Umgebung des Unfallortes ab, ohne jedoch fündig zu werden. Der völlig verängstigte Hund wurde am nächsten Morgen von Anwohnern entdeckt. Zwar kein „Erfolgserlebnis“, doch darauf kommt es Martin nicht an: „Hauptsache, das Tier wurde gefunden. Außerdem können wir auf diese Weise Gebiete ausschließen, wo nicht aufwendig gesucht werden muss.“
Dieses Vorgehen nach dem Ausschlusskriterium hilft auch bei der Rehkitzsuche, wobei die Wiesen mit Drohnen überflogen werden, um dort verborgenen Rehnachwuchs aufzuspüren, ehe die Mähmesser kreisen. Der Dirmsteiner Landwirtssohn Matthias Witt, 23, hat so seine ersten Flugstunden als Copterpilot absolviert, bevor er sich dem Rettungsnetzwerk anschloss. Auch Torsten Sattler, 31, aus Kaiserslautern stieß über die luftgestützte Wildtiersuche zur Drohnen-Truppe, die sich nun als Verein organisieren will. „Vielleicht haben wir dann bei der Polizei und den anderen Hilfsorganisationen einen besseren Stand“, hofft Max Martin.
Ach ja: Der 78-Jährige, der in Landau aus der Tür ging und verschwand, wurde am frühen Morgen des nächsten Tages unterkühlt, doch unversehrt wiedergefunden – von der Polizei. Allerdings nicht dort, wo man ihn vermutet hatte.