Landau Geringverdiener unter Strom

91-56566728.jpg

Im Kühlschrank wird’s warm. Der Bildschirm bleibt schwarz. Statt Licht auf Schalterdruck flackern nur noch Kerzen. Wer seine Stromrechnung über längere Zeit nicht zahlt, muss mit einem solchen Blackout rechnen. Das kommt auch in der Südpfalz regelmäßig vor.

Der Landauer Energieversorger Energie Südwest beispielsweise bestätigt dies. Durchschnittlich 17 Mal im Monat muss er einen Stromanschluss sperren (siehe „ Zur Sache“). Immer mehr Menschen haben Probleme, die steigenden Energiekosten aufzubringen. Die sozialen Beratungsstellen können ein Lied davon singen. „Etwa jeder Dritte, der zu uns kommt, hat unter anderem Probleme mit dem Begleichen der Stromrechnungen“, schätzt Sozialarbeiterin Lilli Michel von der Diakonie Landau/Bad Bergzabern. Die „große Welle“ rollt jedes Jahr im April auf die Beraterinnen zu. Dann liegen nämlich die Jahresabrechnungen im Briefkasten – und mit ihnen kommt das große Erschrecken. Wenn Nachzahlungen anstehen, sind viele Menschen mit geringem Einkommen ganz schnell am Ende. Aber auch übers Jahr verteilt suchen Familien oder Singles, die überschuldet sind und Abschläge nicht zahlen können, Hilfe bei den Beratungsstellen. Die meisten von ihnen leben von Hartz IV oder beziehen ein sehr geringes Arbeitslosengeld. Welches Problem dahinter steckt, erklärt Diplom-Sozialarbeiterin Gabriele Paulus-Mayer, die Menschen aus Landau und dem Umland berät: Bei Grundsicherung werden Heizung und Wasser über die Nebenkosten der Miete abgerechnet, der Strom aber muss aus dem Regelsatz bezahlt werden. Und da ist er sehr knapp bemessen. Ein Einzelner, der über einen Hartz IV-Regelsatz von derzeit 391 Euro verfügen kann, bekommt rein rechnerisch für „Wohnen, Energie, Wohninstandhaltung“ eben mal 8,36 Prozent – das sind genau 32,68 Euro im Monat. Das reicht im Regelfall nicht, haben die Beraterinnen festgestellt. Wer wenig Geld hat, wohnt meist in älteren Wohnungen, die oft nicht gut isoliert sind. Im Schlafzimmer sei manchmal keine Heizquelle, so behelfe man sich, zum Beispiel wenn ein Baby da ist, mit einem Radiator. „Die Leute wissen gar nicht, was die schlucken“, klagt Paulus-Mayer. Auch betagte Elektrogeräte sind gewaltige Stromfresser, etwa Boiler, Gefriergeräte und alte Herde. So saust das Rädchen am Stromzähler ohne Unterlass – und die Rechnung folgt. Das ignoriert man gern, solange es geht. „Die Leute kommen oft erst zu uns, wenn Matthäi am letzten ist“, bedauert die Sozialarbeiterin. „Viele stecken lange den Kopf in den Sand.“ Aber irgendwann, nach dem zweiten Ultimatum des Stromversorgers, ist ein Gespräch zur Krisenbewältigung unvermeidlich. Die Beraterinnen versuchen dann einerseits, mit Jobcenter oder Stadtwerken Ratenzahlung zu vereinbaren. Zum anderen rechnen sie mit den Ratsuchenden durch, wo noch etwas gespart werden kann. Läuft der Fernseher den ganzen Tag, auch wenn keiner zuschaut? Gehen die Kinder vernünftig mit dem Strom um? Nicht jeder, der Hilfe braucht, lässt sich gern so durchleuchten. Aber „eine gewisse Mithilfe erwarten wir“, betont Lilli Michel. Ganz wichtig sei es, nicht zu warten, bis etliche Mahnungen eingegangen sind, sondern gleich Kontakt zum Stromversorger und zur Beratungsstelle aufzunehmen. Es gelte deutlich zu machen, dass man gewillt ist, aktiv etwas zu verändern. Meistens lasse sich dann eine Stromabschaltung vermeiden. Wenn Schulden aufgelaufen sind, installieren Stromversorger auch gerne Schlüsselzähler, die per Chip „gefüttert“ werden und Tag für Tag eine gewisse Summe abbuchen. Sie funktionieren nach dem Prinzip: Wenn kein Geld fließt, fließt auch kein Strom. Eine harte Herausforderung für Leute, die ohnehin genau rechnen müssen, was sie sich leisten können. Eine junge Familie, erzählt Gabriele Paulus-Mayer, kam zu ihr, um neue Turnschuhe für den Sohn zu beantragen, der aus den alten Tretern herausgewachsen war. Der Mutter war das sichtlich peinlich. „Wissen Sie“, sagte die Frau, „wir könnten das Geld dafür ja selbst noch aufbringen – wenn wir nicht im letzten Monat die Strom-Nachzahlung hätten leisten müssen.“ Wo ist der Weg aus der Stromkosten-Falle? Lilli Michel hat einen eigentlich einleuchtenden Vorschlag: Die Stromkosten müssten zu den Kosten der Unterkunft gerechnet werden, die ja bei Menschen, die von Hartz IV leben, vom Staat übernommen werden. „Strom gehört zum Wohnen“, sagt sie, „wenn ein Mensch in Würde leben soll, muss er Licht, die wichtigsten Elektrogeräte und Zugang zu Informationen haben.“ Ob eine solche Umstellung allerdings politisch durchsetzbar wäre, steht auf einem anderen Blatt.

x