Landau
Familie Rashapov packt für Ukraine-Flüchtlinge an
Seit dem 24. Februar herrscht Krieg in der Ukraine. Es sei kein Krieg Russlands, sondern ein Krieg Putins. Das hat ein in Landau lebender Ukrainer bei der großen Mahnwache am 27. Februar auf dem Landauer Rathausplatz gesagt, der sich spontan das Mikro erbeten hatte. Sein Vorwurf: Deutschland und EU seien acht Jahre lang untätig geblieben, nachdem sich Putin bereits die Krim unter den Nagel gerissen hatte. Der Mann in der blauen Jacke heißt Ruslan Rashapov, und er will es nicht beim Mahnen belassen, sondern Hilfe organisieren.
Rashapov (53) lebt seit 1993 in der Südpfalz, zunächst in Annweiler, heute in Landau. Er war Berufssoldat in der sowjetischen Armee und hatte seinerzeit politisches Asyl beantragt, erzählt er. Geboren sei er in der Russischen Föderation, aufgewachsen in der Nähe von Kiew, wo er auch noch Familie hat. Seinen Eltern, die dort lebten und nicht wegwollten, hatte er zunächst noch geraten, dortzubleiben. Sie werden doch alten Leuten nichts tun, war seine Überzeugung. Doch dann wurden Wohnhäuser in der Nähe des Elternhauses durch russischen Beschuss zerstört, und die alten Herrschaften, Jahrgang 1945 und 1947, sind über Polen zu Rashapovs Schwester in Wörth gekommen. Auch Rashapovs Schwiegereltern sind geflohen, zusammen mit den zwei Töchtern seines Schwagers. Der und seine Frau wollen ihre Heimat verteidigen.
Rucksäcke für Geflüchtete
Dass er helfen müsse, stand für Rashapov, der sich eine neue Existenz aufgebaut hat und in Karlsruhe die Niederlassung einer Personalvermittlung für Fach- und Führungskräfte leitet, sofort fest. Um nicht ganz bei null anfangen zu müssen, hatte er sich einer Hilfsaktion aus Kaiserslautern angeschlossen, wo der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Antonio Baker-Schreier mit zahlreichen freiwilligen Helfern einen Bus mit 51 Sitzplätzen – und natürlich Unterkünfte – organisiert hatte, um Flüchtlinge in die Pfalz zu holen.
Der Bus sollte nicht leer fahren, sondern wurde vollgepackt mit Rucksäcken mit einer Notfallausstattung für Geflüchtete. Um solche Rucksäcke beisteuern zu können, hatte Rashapov einen Aufruf über den Radiosender Antenne Pfalz in Landau gestartet, der „eine überwältigende Resonanz“ gefunden habe. Rashapov hatte für die Flüchtlinge, die zu Tausenden ihre Heimat verlassen müssen, aber oft kaum etwas mitnehmen können, um eine Art Carepaket gebeten: beispielsweise um Fleischkonserven mit Ringverschluss, kleine Salamis, Schokolade, Kekse, Müsliriegel, Nussmischungen, Bonbons, Multivitamin-Tabs, Wasser, kleine Thermoskannen, feuchte Tücher, Duschgel, Tempos, Toilettenpapier, Zahnbürsten und Zahnpasta – und um kleine Karten mit Aufmunterungswünschen auf Englisch oder Ukrainisch, die man beispielsweise mit dem Googleübersetzer schreiben könne.
Betreuung muss gesichert sein
Fast 200 Rucksäcke seien so innerhalb kürzester Zeit zusammengekommen; allein etwa 40 habe eine Freundin über das Landauer Vinzentiuskrankenhaus beigesteuert, etwa genauso viele eine Frau aus Waldhambach, und ein weiterer großer Schwung sei aus Ranschbach gekommen. Sie wurden mit dem Bus ins polnische Przemysl gebracht, das im Südosten Polens im Karpatenvorland liegt, fast unmittelbar an der Grenze zur Ukraine. „Die Rucksäcke waren ein voller Erfolg, sie waren im Handumdrehen verteilt“, sagt Rashapov.
Er schildert die Hilfe der Polen als Topleistung. Aber er hat auch chaotische Situationen aufgrund des großen Andrangs an der Grenze erlebt, und so sehr er die spontane Hilfsbereitschaft vieler Menschen wertschätzt, ist er skeptisch, wenn sich Helfer einfach im eigenen Auto auf den Weg machen, um Flüchtlinge abzuholen. Zum einen wollten viele Ukrainer gar nicht so weit weg von ihrer Heimat, zum anderen hat auch er von dubiosen Angeboten an junge Frauen gehört, bei denen der Verdacht auf Menschenhandel und Zwangsprostitution besteht. Vor allem aber müsse nicht nur die Unterbringung vorab geklärt werden, sondern auch eine Betreuung der oftmals traumatisierten Menschen sichergestellt sein, damit diese in der Fremde nicht völlig den Boden unter den Füßen verlieren.
Hat jemand ein Lager?
Rashapov und seine Familie wollen die Rucksack-Aktion fortsetzen, stoßen aber an ihre Grenzen: Die Doppelgarage ist schon wieder fast voll. Sie suchen daher händeringend nach einem Lager in Landau. Am Wochenende hatten sie eine Ladung Rucksäcke nach Speyer in die Erstaufnahmeeinrichtung gebracht und an Frauen und Kinder verteilt, und noch immer trudeln weitere bei der Familie ein. Andere Hilfsgüter wie Decken, Bettwäsche oder Kleidung kann Familie Rashapov weder lagern noch sortieren und weitergeben – schließlich sind beide auch noch berufstätig.
Trotzdem plant die Familie weitere Aktionen: Larissa Rashapova ist Künstlerin und würde gerne eine Versteigerung in Landau organisieren. Sie stellt zwei bis drei Bilder im Großformat und weitere kleinere bereit und sucht nun nach Kontakten zu anderen Künstlern, die sich beteiligen oder beispielsweise dafür Räume zur Verfügung stellen können. Mit dem erlösten Geld sollen Menschen in der Ukraine direkt unterstützt werden.
Direkte Hilfe in Kiew
So sollen insbesondere ältere Menschen und verletzte Soldaten in der Nähe der umkämpften Hauptstadt Kiew mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden. Die Versorgung von Menschen, die im Land geblieben sind, habe jetzt höchste Priorität. Trotz des Krieges und gestiegener Preise sei es noch möglich, Waren vor Ort zu erwerben und an Bedürftige zu verteilen. „Wir haben uns persönlich bekannte freiwillige Helfer kontaktiert, um den Menschen dort direkt zu helfen“, so Rashapov. Er hat Konten für Geldspenden eingerichtet. In der Südpfalz ist nun noch die Gründung eines deutsch-ukrainischen Vereins in der Planung, um sowohl Menschen direkt in der Ukraine zu unterstützen, als auch Flüchtlinge vor Ort besser integrieren zu können.
Kontakt
- Familie Rashapov ist am besten über E-Mail an familie.rashapov@gmail.com zu erreichen und bittet, eventuelle Unterstützung auf diesem Weg abzustimmen.
- Pay Pal für die direkte Unterstützung von älteren Menschen und Verletzten in der Nähe von Kiew: ukrainehilfedirekt@gmail.com Verwendungszweck: Ukrainehilfe
- Wer Pay Pal nicht nutzt, kann auch herkömmlich spenden: IBAN DE62 5001 0517 5409 3838 20 Empfänger: Ukrainehilfe Rashapov, Verwendungszweck: Ukrainehilfe