Südpfalz
Energiepreise: Metzger rechnet mit Abschlägen von monatlich 17.000 Euro
Walter Adam ist angefasst: „Wenn es so weiterläuft, kann ich meinen Laden im Februar zumachen.“ Den Laden, den er als Metzgermeister und Innungsobermeister seit 17 Jahren führt. Die Metzgerei in Herxheim, die seinen Namen trägt. Die er möglicherweise an eines seiner Kinder übergeben wollte. Der Grund für seine Befürchtungen: die steigenden Energiepreise.
Adam hat mit seinem Energielieferanten telefoniert. Normalerweise schließt er Lieferverträge über mehrere Jahre ab – für drei oder vier, je nachdem. Der Herxheimer hat nun allerdings das Pech, dass sein Vertrag Ende dieses Jahres ausläuft. Der Berater seines Lieferanten habe ihm mitgeteilt, dass er künftig mit fünf bis zehn Mal so hohen Preisen rechnen müsse.
Wenn Fleischwurst teurer als Gold ist
Adam rechnet vor: Er habe mit seiner Metzgerei einen Wochenumsatz von rund 20.000 Euro. Wenn ein Geschäftsmann gut wirtschafte, bleibe vom Umsatz am Ende zehn bis 15 Prozent bei ihm hängen: macht rund 8000 Euro im Monat. Davon hat er aber noch nicht seine Krankenkasse bezahlt, auch weitere Kosten gehen davon ab. Für den Strom zahle er bisher 1500 bis 2000 Euro im Monat – abhängig davon, wie warm es ist. In einer Metzgerei laufen in einem heißen Sommer die Kühlungen auf Hochbetrieb. Wenn er nun statt durchschnittlich 1700 Euro pro Monat Strom im schlimmsten Fall 17.000 Euro bezahlen müsste, gehe der Laden schlicht und einfach bankrott. Die Preise könne er nicht an die Kunden weitergeben. „Dann würde ein Kilogramm Fleischwurst 150 Euro kosten. Mehr als Gold. Das ist irre.“
Es geht noch anderen Handwerkern so, berichtet Adam. Das bestätigt Jochen Heck. Er ist Hauptgeschäftsführer des Dienstleistungszentrum Handwerk, das die Rechtsberatung für Mitglieder der Bäcker- und Fleischerinnungen aus der Pfalz übernimmt. „Die Lage ist dramatisch“, betont der Jurist. Es sei nicht verwunderlich, dass Adam Alarm schlägt. Das Problem ist aktuell die fehlende Perspektive, die noch fehlende staatliche Hilfe für die Betriebe. Es habe zwar Gespräche mit dem rheinland-pfälzischen Landeswirtschaftsministerium gegeben. Darin sei auch kundgetan worden, dass es rückwirkend zum 1. September eine Regelung geben werden. Die Verantwortlichen sind also bemüht. Im Gegensatz zu der Industrie gebe es für das Handwerk allerdings noch nichts Konkretes, betont Heck.
Corona, steigender Mindestlohn, teurere Rohstoffe
Bei dem Ganzen müsse auch berücksichtigt werden, dass die Betriebe zwei Corona-Jahre hinter sich haben, der Fachkräftemangel ihnen zu schaffen macht und sie deutlich mehr für Rohstoffe bezahlen müssen, dabei teilweise mit Engpässen zu tun haben. Gerade Bäcker haben mit hohen Bezugspreise für Mehl, Butter und Getreide zu kämpfen. Die höheren Kosten könnten aber nur zum Teil an die Kunden weitergegeben werden, weil sie sonst gar keine Waren mehr an den Kunden bringen könnten. Heck erwähnt an dieser Stelle auch den Mindestlohn, der angehoben wurde. „Das wird oft übersehen.“ Auch, dass Arbeitgeber ebenso für Midijobber mehr zahlen. Und nun kommen die Energiepreise oben drauf, die innerhalb kurzer Zeit drei Handwerksbetriebe aus der Region in die Knie gezwungen habe. „In 20 Jahren habe ich das so noch nicht erlebt“, sagt Heck. Gewöhnlich würden Betriebe, die aus verschiedenen Gründen aufgeben, etwa ein halbes Jahr vorher die Schließung ankündigen. Jetzt, in dieser prekären Lage, machten sie die Türen schlagartig zu.
Es gebe noch Unternehmer, die über einen Rahmenvertrag mit ihrem Energielieferanten noch vor stark schwankenden Preisen verschont bleiben. „Ein Bäcker berichtete aber kürzlich, dass er Gas zu tagesaktuellen Preisen kaufen muss. Andere sind dazu übergegangen, auf Flüssiggas-Tanks zurückzugreifen, um die Kosten etwas zu drücken“, berichtet Heck.
„Ich fühle mich wie ein Depp“
„Wenn kein Wunder geschieht, muss ich spätestens Ende Februar zumachen“, betont Walter Adam. Ihm ist klar, dass am Ende nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde, aber dennoch: Sein Lebenswerk ist in Gefahr. Adam ist verzweifelt: „Wenn nichts passiert, wird der Mittelstand mit 300 Stundenkilometern an die Betonwand gefahren.“ Die steigenden Kosten abzufangen, gehe auch nicht. Gerade nach der Corona-Krise habe niemand mehr so viele Reserven, auf die er zurückgreifen könne. Eine Schließung beträfe auch nicht nur ihn alleine – er ist schließlich nicht der einzige, der dort arbeitet. Auch seine Mitarbeiter, die Familien zu versorgen haben, mache die Situation zu schaffen. Ohne Hilfe für den Mittelstand seien anderthalb bis zwei Millionen Arbeitsplätze in Gefahr, schätzt Adam.
„Vor zwei Jahren waren wir noch systemrelevant. Was sind wir jetzt?“, fragt Adam. Eine Frage, die mehr ein Hilferuf ist. Der Herxheimer hat Angst. Und er ist frustriert. „17 Jahre lang habe ich gebuckelt. Jetzt verliere ich alles. Ich fühle mich wie ein Depp.“