Insheim / Dnipro
Eine Ukrainerin berichtet: Vom Raketenangriff auf die Stadt Dnipro
Am 14. Januar, als in der Ukraine das alte Neujahr gefeiert wurde und die Familien zum feierlichen Abendessen zu Hause waren, zerstörte eine russische Rakete einen großen Teil eines Wohngebäudes in Dnipro. Durch den Angriff stürzten 72 Wohnungen auf neun Stockwerken ein, 46 Menschen starben, darunter sechs Kinder. Mehr als 70 Verletzte liegen im Krankenhaus. Am Dienstag endete eine Such- und Rettungsaktion, bei der Helfer und Feuerwehrleute in den Trümmern des Hauses gegraben haben, um Menschen zu bergen.
Ich habe über die Nachrichten von dem Terroranschlag der Russen in Dnipro gelesen. Fotos aus dem Internet zeigten, dass sich in dem Mehrfamilienhaus ein riesiges Loch gebildet hatte und das Gebäude vollständig zerstört war. Auf einem Video hörte ich die Schreie von Menschen, die unter den Trümmern lagen und um Hilfe baten.
Familie lebt
Ich habe sofort meiner Familie, die in Dnipro lebt, geschrieben und sie angerufen. Als ich vom Handy meiner Schwester nur Pieptöne hörte, habe ich gebetet, dass es nicht ihr Haus war. Dass sie am Leben sind. Nach ein paar Sekunden rief mich meine Schwester zurück. Das kurze Warten hat sich angefühlt wie eine Ewigkeit. Auch mein Großvater, zwei Tanten und Neffen leben in Dnipro. Das Haus, in dem sie alle leben, ist intakt. Sie haben in der Nähe eine laute Explosion gehört und erholen sich immer noch von dem Schock.
Auch mein Arbeitskollege, Fernsehmoderator und Fotograf Oleksandr Alifanov, mit dem ich bei einem ukrainischen Fernsehsender zusammengearbeitet habe, erholt sich gerade von dem Schock. Oleksandr hat sich genau in dem Haus aufgehalten, in das die Rakete geflogen ist. Auf seinem Instagram-Kanal postete er ein Foto des zerstörten Hauses mit der kurzen Überschrift „Freunde, ich lebe. Ja, das zerstörte Haus ist das Haus meiner Eltern. Alle Details später.“
Kameramann im Schockzustand
Oleksandr erzählte mir, dass er und sein Vater zum Zeitpunkt der Explosion im Schlafzimmer waren. „Ich habe eine dumpfe Explosion gehört und dann war es wie im Film, wenn dich eine Explosionswelle in die Luft schleudert. Mein Vater fiel zwischen Bett und Tisch und ich flog in den Flur. Staub stieg auf, Putz flog von den Wänden. Alles war wie im Nebel“, erzählte er. „Papa rief ,lebst du?’, ich sagte ,ja, und du?’ Wir legten uns in den Flur und warteten ab. Wir dachten, es würde noch ein Flieger kommen. Aber es kam keiner mehr.“
Nach ein paar Minuten gingen die beiden runter auf die Straße. Oleksandr hatte eine Kamera dabei und wollte, als er die Treppe hinunterging, ein Video und ein Foto machen, um es dem Fernsehsender zu schicken, bei dem er arbeitet. Aufgrund des Schockzustandes konnte er das jedoch nicht tun. „Ich bin Kameramann, ich habe mehr als einmal zerstörte Häuser, Beerdigungen oder etwas anderes gefilmt. Als ich aber nach draußen ging und sah, dass von dem Haus nichts mehr übrig war, nur ein Loch und ich den Himmel sehen konnte, konnte ich mich nicht mehr auf das Halten der Kamera konzentrieren. Meine Hände zitterten“, sagte Oleksandr. „Die Leute haben dann das Haus verlassen, weiß in Asche, einige nackt, mit blutigen Gesichtern und schreiend. Krankenwagen mussten kommen. Diese ersten Minuten sind die gruseligsten. Wenn noch keine Krankenwagen, keine Retter da sind. Nur Stille, Schock und Schreie der Menschen.“
Kälte erschwert Bergung
Oleksandr und seine Eltern bleiben vorerst bei Freunden. In der Wohnung der Eltern wurden Fenster, Rahmen und Türen vom Balkon geworfen. Wände und Möbel wurden durch Splitter zerbrochen. Es gibt kein Licht, keine Heizung und kein Wasser im ganzen Haus. Immer wieder hörten Retter auf zu arbeiten und baten um einen Moment der Stille, um die Stimmen der Menschen unter den Trümmern zu hören. Die Schwierigkeit der Suchaktion bestand darin, dass es draußen minus 4 Grad kalt war und Menschen einfach unter den Trümmern hätten erfrieren können.
Natalya Zareichuk, eine Freundin meiner Mutter, schrieb auf ihrer Facebook-Seite, dass ihre Freundin tot unter den Trümmern des Hauses gefunden wurde. Die Frau war erst 36 Jahre alt, sie arbeitete als Zahnärztin und viel im Ehrenamt. „Das letzte Mal, als wir uns unterhalten haben, war vor einem Monat. Wir haben gelacht und uns auf einen Kaffee verabredet. Als die Rakete einschlug, lief sie gerade mit einer Freundin an dem Haus vorbei. Beide sind gestorben. Die Nachricht von ihrem Tod zog mir den Boden unter den Füßen weg. Mir blieb der Atem stehen“, erzählte mir Natalya Zareichuk. Ihre Freundin hinterließ einen kleinen Sohn. Die Stadt Dnipro hat eine dreitägige Trauer um die Toten ausgerufen. Mein Beileid geht an die Verwandten und Freunde der Opfer.
Aus dem Englischen übersetzt von Felix Schönhöfer
Die Autorin
Diana Nakonechna ist im vergangenen März mit ihrer Tochter vor dem Krieg in der Ukraine nach Deutschland geflüchtet und lebt nun in Insheim. Die 28-jährige Journalistin berichtet für die RHEINPFALZ von Menschen, die im Krieg oder mit den Folgen des Krieges leben.