Reportage RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Tag im Hospiz: Wo Freude und Leid unfassbar nah beieinander liegen

Die Südpfälzerin bekommt täglich Besuch von ihren Angehörigen.
Die Südpfälzerin bekommt täglich Besuch von ihren Angehörigen.

Seit fünf Jahren gibt es ein Hospiz in Landau. Knapp 400 Menschen sind in dieser Zeit gekommen, um dort zu sterben. Am Samstag kann man einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Warmes Herbstlicht scheint durch die Panoramafenster und lässt den Morgen im großen Wohnzimmer anbrechen. Wirft einen Sonnenglanz auf eine alte Anrichte, in der sich Blümchen-Service und Gläser mit selbst gemachter Marmelade stapeln, und einen schicken Buffetschrank, auf dem ein Plattenspieler thront. Jorge Costa legt eine Platte auf und erfüllt den Raum mit sanften Klängen von Chopin. Der neue Leiter des Hospizes im Bethesda Landau hatte das Gerät zu seinem Einstand mitgebracht und lässt ihn fast jeden Morgen erklingen. Pfleger Michael Paschkowski richtet gerade das Frühstück und wirft bei den ersten Tönen ein Lächeln rüber.

Das Team bei der Küchenarbeit zu unterstützen, hat der 77-Jährigen jeden Tag Freude bereitet.
Das Team bei der Küchenarbeit zu unterstützen, hat der 77-Jährigen jeden Tag Freude bereitet.

Ein floraler Tischläufer liegt über der langen Holztafel, drum herum Sitzmöbel mit Antik-Charme, jedes ein bisschen anders. Am Kopfende hat Frau W. Platz genommen und lässt sich ein Brötchen munden. Noch bevor der letzte Bissen im Mund verschwunden ist, fragt sie schon nach Schüssel und Schäler. Die Kartoffeln fürs Mittagessen wollen schließlich vorbereitet werden. Fast jeden Morgen sitzt sie hier in der heimeligen Wohnstube und unterstützt die Mitarbeiter bei der Küchenarbeit. Es ist ein kleiner Verbindungszweig in ihr früheres Leben und schenkt ihr Freude. „Ich bin gerne in Gesellschaft, und dann kann man ja auch gleich noch ein bisschen mithelfen“, wirft Frau W. ein. Wer die 77-Jährige in diesem Moment erlebt, dem erscheint sie fit und munter. Wenn sie über alte Zeiten, ihre Kinder und die Fußballliebe der ganzen Familie spricht, sprudeln die Worte nur so aus ihr heraus. Wie damals, als sie bei einem Spiel ihres Sohns am Feld so laut mitfieberte, dass sie einen Platzverweis bekam. Bei der Erinnerung muss sie lachen. Vor vier Wochen kam sie von der Palliativstation hierher, „und das war die beste Entscheidung“, sagt sie.

Körper von Chemotherapie gezeichnet

Einen Menschen wie Frau W. zu erleben, sei „ein Geschenk“, sagt Costa. Es sei sehr selten, dass ein Gast noch so aktiv am Leben teilnehmen könne. Doch dies könne auch rasch umschlagen. Wie erschreckend schnell werde ich vier Tage später erfahren. Denn wer in einem Hospiz aufgenommen wird, dessen Leben neigt sich unentrinnbar dem Ende zu. Frau W. weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Als sie die Diagnose Lungenkrebs erhielt, sei dies erschreckend gewesen. Am Anfang habe sie viele Tränen vergossen, weil sie es nicht habe fassen können, erzählt sie. Aber jetzt: „Ich hätte es nicht gedacht, aber ich habe keine Angst vorm Ende. Ich akzeptiere es. Wenn ich weinen würde, würde es auch nichts daran ändern.“ Viele seien erstaunt, wie sie ihr Schicksal angenommen habe, sagt sie. Gerade habe sie noch keine starken Schmerzen. „Ich weiß nicht, was noch kommt. Und ich möchte es auch gar nicht wissen.“

„Bei uns wird nicht mehr auf die Figur geachtet.“ Den Speiseplan bestimmen die Gäste selbst.
»Bei uns wird nicht mehr auf die Figur geachtet.« Den Speiseplan bestimmen die Gäste selbst.

So lange es ihr Zustand erlaubt, will sie alles geregelt haben wissen. Sie schaut auf ihre Digitaluhr. Überpünktlich kommt ihr Sohn zur Tür herein. Die beiden wollen an diesem Tag noch mal zu ihr nach Hause fahren. „Die Wohnung muss aufgelöst werden“, sagt die 77-Jährige pflichtbewusst. Frau W. kann noch selbstständig mit ihrem Rollator gehen. Doch der Körper, der durch den lichtdurchfluteten Gang in Richtung ihres Zimmers läuft, ist bereits vom Krebs gezeichnet. 25 Kilogramm hatte die Südpfälzerin während der Chemotherapie verloren. Während sie und ihr Sohn fröhlich miteinander plaudern und er ihr Sauerstoffgerät einpackt, spiegeln die Augen des großen, kernigen Mannes doch wider, wie nah Glück und Kummer in dieser Zeit beieinander liegen. „Früher hat sie sich um uns gekümmert, jetzt kümmern wir uns um Mama.“

„Es soll wie zu Hause sein“

Viele Familienfotos sind in ihrem Zimmer aufgestellt und verleihen jener Lebenswelt der letzten Tage ein Gefühl von Heimat. Überhaupt tut das Hospiz-Team alles dafür, dass die Gäste und ihre Angehörigen sich so wohl fühlen, wie es die Situation nur zulässt. Die Räume strahlen Wärme, Freundlichkeit, Geborgenheit aus. Und jeder Wunsch, soweit dies möglich ist, wird erfüllt. „Es soll wie zu Hause sein“, erklärt Jorge Costa, der das Hospiz seit elf Wochen leitet und zuvor die Palliativstation am Diakonissen-Krankenhaus in Speyer verantwortete. So können Angehörige jederzeit vorbei kommen und auch zum Übernachten bleiben. Für Kinder oder Enkel steht ein großes Spiele- und Bücherrepertoire bereit. Im Garten, den man von jedem Zimmer aus über eine eigene Terrasse mit Sitzecke erreicht, lässt sich gemütlich verweilen. Und auch Haustiere dürfen mitgebracht werden. Ein Therapiehund und die Pfalz-Lamas sind immer mal wieder zu Besuch. Die drei hauseigenen Schildkröten tummeln sonst durch den Garten, sind gerade aber schon in der Winterruhe.

Mitfühlen, aber nicht mitleiden: Anders könne man den Beruf nicht machen, sagt Pfleger Michael Paschkowski.
Mitfühlen, aber nicht mitleiden: Anders könne man den Beruf nicht machen, sagt Pfleger Michael Paschkowski.

Es klingelt und eine junge Frau kommt zur Tür herein. Flugs huscht sie vorbei, sie kennt die Wege hier. Eine ältere Dame wird sich gleich sehr darüber freuen, dass die Friseurin ihre Haare wieder in Form bringt. Dass die Frisur sitzt, ist für die Damenwelt sehr wichtig, wie man auch im Gespräch mit Frau W. erfährt. Gerade wenn man die meiste Zeit nur noch im Bett liegen kann und lichte Stellen am Hinterkopf für Unbehagen und Scham sorgen. Das Hospiz hat nicht nur Kooperationen mit verschiedenen Dienstleistern, sondern regelmäßig kommen auch Hausärzte, der ambulante Palliativ- und Hospizdienst, Psychologen, Seelsorger, Physiotherapeuten, Musiktherapeuten und vor allem 15 ehrenamtliche Hospizbegleiter vorbei, ohne die der Betrieb nicht zu stemmen wäre.

3000 Anmeldungen, 400 Aufnahmen

Nebenan betritt Costa die „Waldoase“ – ein großes Bad mit Dusche und Wanne. Nicht steril in weißer Fliesen-Optik, sondern wohlig in Naturtönen gehalten, mit Pflanzen, Holzmöbeln, Baumzapfen und einem Kästchen voller ätherischer Öle. „Als ich meinen ersten Tag hier hatte, wurde der Raum gerade für eine Dame vorbereitet. Sie bekam ein Glas Sekt, Pralinen und konnte sich bei einem Aromabad entspannen“, erinnert sich der Hospizleiter. Für diesen Moment sei sie sehr dankbar gewesen.

Doch Costa ist bewusst, dass es „ein Sechser im Lotto“ ist, einen Hospizplatz zu bekommen. Der Tagessatz liegt bei 580 Euro. Im Schnitt 37 Tage blieben den Menschen noch, die im vergangenen Jahr in das Landauer Hospiz einzogen. Für die Betroffenen ist der Aufenthalt kostenfrei, 95 Prozent übernehmen die Krankenkassen, den Rest bringt das Hospiz über Spenden auf. 100.000 Euro benötige die Landauer Einrichtung dafür pro Jahr, rechnet Costa vor. Um einen Hospizaufenthalt zu begründen, müsse zunächst eine lebensbeendende, weit fortgeschrittene Erkrankung diagnostiziert sein, zudem eine entsprechende Symptomlast, und es dürfe keine andere Möglichkeit für eine adäquate Betreuung geben. Aber auch dann ist die Erfolgsaussicht beschränkt. „Seit der Gründung vor fünf Jahren hatten wir über 3000 Anmeldungen, aufgenommen haben wir um die 400 Menschen.“ Es gebe Anmeldelisten. „Und ich würde jedem empfehlen, sich bei verschiedenen Einrichtungen zu bewerben, um einen Platz zu bekommen“, sagt Costa. Die neun in Landau zur Verfügung stehenden Zimmer seien immer voll belegt. „Ja, es ist ein unfairer Prozess“, meint Costa leise.

„Wenn jemand Wein möchte, richte ich den gerne“

Er öffnet die Tür zum Lagerraum. Eine Kiste mit Cola – „das Wundermittel“ – steht da neben einer Kiste mit Bier. Was dann doch für Verwunderung sorgt. Bis die 0,0-Prozent-Kennzeichnung auffällt. „Wir haben aber auch welches mit Alkohol“, sagt Costa und zieht den Kasten darunter hervor. Dem verdutzten Blick entgegnet er ganz gelassen: „Wir sind hier in der Pfalz. Wenn jemand Wein oder Bier möchte, dann richte ich das gerne.“ Und erzählt von einem Hospiz in Frankreich, das sogar eine eigene Weinstube habe. Der Unterschied zwischen Gift und Medikament, sei die Dosierung, findet er. Und solange ein Gläschen den Menschen hier ein paar schöne Stündchen schenke, sei nichts dagegen einzuwenden.

Der neue Hospizleiter Jorge Costa hat immer ein offenes Ohr.
Der neue Hospizleiter Jorge Costa hat immer ein offenes Ohr.

Auch den Speiseplan bestimmen die Gäste selbst, berichtet die Küchencrew ganz selbstverständlich. Heute gibt es gebackenen Fisch, Kartoffeln und Salat zum Mittag. Martina Steigner setzt gerade den Topf auf den Herd, gefüllt mit den Kartoffeln, die Frau W. vorhin geschält hat. „Sie ist sehr engagiert. Sie geht immer mit einem Zettel rum und fragt die Leute, was sie haben möchten“, berichtet die Hauswirtschafterin über die 77-Jährige. Essen sei oft das Letzte, was den Menschen noch Freude bringe. Deswegen sei es so wichtig, dass sie es sich selbst aussuchen dürften. Und selbstverständlich werde auch auf Unverträglichkeiten oder Ernährungsweisen Rücksicht genommen, sagt Steigner. „Wir hatten mal einen jungen Mann, der Veganer war, und sind natürlich darauf eingegangen. Außerdem entwickeln viele, wenn sie so krank sind, sowieso einen Ekel auf Fleisch.“ Kartoffeln und Nudelsalat könnte es dagegen immer geben, meint sie schmunzelnd und setzt den Deckel auf den Kochtopf.

„Mitfühlen, aber nicht mitleiden“

Und Pfleger Michael Paschkowski kommentiert von der Seite: „Bei uns wird nicht auf die Figur geachtet. Was schmeckt, ist korrekt.“ Sterben sei das wichtigste Ereignis im Leben, findet der 59-Jährige, der seit 2010 im Hospizbereich arbeitet. „Dass das Leben endlich ist und man nichts mehr dagegen machen kann, wird einem erst in dieser Phase richtig bewusst.“ Für viele sei solch eine Diagnose ein echter Schlag, der die Seele mittreffe. Dann schreite der körperliche Verfall manchmal viel schneller voran als erwartet. Das sei besonders für die Angehörigen schwer begreif- und ertragbar. Tod, Leid, Schmerzen, verworfene Lebenspläne: Wer in einem Hospiz arbeitet, wird mit all dem jeden Tag konfrontiert. Man müsse Nähe aufbauen, aber trotzdem einen gewissen Abstand halten, anders sei das mental nicht zu verkraften. „Mitfühlen, aber nicht mitleiden“, bringt es Paschkowski auf den Punkt. Jeder müsse seinen Weg zur Bewältigung finden, sagt der 59-Jährige, der seinen in der Meditation und im Schreiben von Romanen gefunden hat. „Außerdem reden wir viel untereinander.“ Teams in Hospizen seien noch viel enger miteinander verbunden als in anderen Pflegeberufen, so seine Erfahrung.

In der „Waldoase“ können die Gäste im Aromabad entspannen.
In der »Waldoase« können die Gäste im Aromabad entspannen.

Es gibt aber auch Augenblicke, die sich bei allem Willen zum Loslassen unauslöschlich in die Seele brennen. „Wir hatten mal eine junge Mutter, der ist es sehr schwer gefallen, zu wissen, dass sie es nicht mehr hinauszögern, nicht mehr ändern kann.“ 32 Jahre jung, zwei kleine Kinder. Eine Stunde vor ihrem Tod war er noch einmal bei ihr im Zimmer. „Sie wollte nicht gehen. Diesen Blick in ihren Augen werde ich nie vergessen.“

„Das ist der Wind, der Pfälzer Wind ...“

Wenn ein Mensch gestorben ist, wird eine große Kerze vor seine Zimmertür gestellt. Der Name jedes Verstorbenen wird auf einen Stein geschrieben und ruht im Raum der Stille, wo Angehörige und Mitarbeiter der Toten gedenken können. Danach wandern die Steine in den Hospizgarten. Am Samstag wird dort eine Gedenkstätte eröffnet.

Kurz nach meinem Besuch melde ich mich noch einmal im Hospiz, damit Frau W. das Foto von sich beim Kartoffelschälen sehen und sagen kann, ob sie damit einverstanden ist. Doch die redselige, agile Frau von vor vier Tagen gibt es nicht mehr. Ihr Zustand habe sich rapide verschlechtert, berichtet Costa. Sie könne nichts mehr aufnehmen, sich nicht äußern, sei ein ganz anderer Mensch. Dass es plötzlich so schnell gehen würde, damit hätte niemand gerechnet, sagt er. Ein Gefühl von Ohnmacht macht sich bei mir breit. Gerade noch heiter miteinander geredet und nun diese Nachricht.

Auch das ist Hospiz. „Man muss vorbereitet sein“, hatte Frau W. am Frühstückstisch zu mir gesagt. Wenn ihre Familie und Freunde von ihr Abschied nehmen, solle ein Lied sie dabei begleiten: „Das ist der Wind, der Pfälzer Wind. Der wird noch wehen, wenn wir längst nicht mehr sind.“

Termin

Anlässlich seines fünfjährigen Bestehens öffnet das Hospiz Bethesda Landau am Samstag, 28. September, von 11 bis 17 Uhr seine Türen in der Bodelschwinghstraße 21a für alle Interessierten. Dabei besteht die Möglichkeit, die Räume wie Gästezimmer, Raum der Stille, Wohn- und Essbereich sowie den Garten zu besichtigen. Rikscha-Fahrten rund um das Hospiz, Spieleangebote für Kinder sowie Einblicke in Musiktherapie, Klangschalenentspannung und Aromapflege bieten ein buntes Begleitprogramm.
Für Fragen und eine individuelle Beratung stehen die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden zur Verfügung. Zudem informieren der SAPV-Stützpunkt Landau, das Ambulante Hospizzentrum Südpfalz und der Förderverein über ihre Angebote und Leistungen für schwerkranke Menschen. Ein besonderer Moment wartet um 14 Uhr auf die Besucherinnen und Besucher, wenn die Gedenkstätte im Hospizgarten eröffnet wird. Ab 15 Uhr gibt es Live-Musik, den Kaffee- und Kuchenverkauf übernehmen die Landfrauen.

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