Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Meisterwerk vom Krippen-Wastl

Die zentrale Krippenszene.
Die zentrale Krippenszene.

Maria und Josef haben nicht einmal mehr einen Stall als Unterschlupf, nur eine Wurzel. Schuld daran ist ausnahmsweise nicht Herodes, sondern ein Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg. Die 100 Jahre alte Weihnachtskrippe der Landauer Marienkirche stellt eine große Besonderheit dar.

Die Krippe der Marienkirche stammt vom renommierten Münchner Krippenbauer Sebastian Osterrieder (1864 bis 1932). Der Sohn einer Bäckersfamilie aus der Nähe von Regensburg formte der Überlieferung zufolge schon als Kind Krippenfiguren aus Brotteig. Weil sein Vater gesundheitlich stark angeschlagen war, musste er die Bäckerei auch ein paar Jahre betreiben, doch nach dem Tod des Vaters nahm er mit 26 Jahren ein Studium an der Akademie der Künste in München auf und entwickelte sich rasch zum renommierten Bildhauer und Krippenschnitzer – was ihm bald den Spitznamen „der Krippen-Wastl“ eintrug. Und der hat auch bis in die damals bayerische Pfalz geliefert. So gibt es Osterrieder-Krippen in Herxheim, Deidesheim, Oggersheim, Blieskastel und eben Landau. Letztere wird dieses Jahr exakt 100 Jahre alt, was die Marienkirchengemeinde nach Angaben von Dekan Axel Brecht gebührend würdigen will.

Die Krippe der Marienkirche ist gut erforscht. Ihr ist ein Kapitel des neuen Buches „Weihnachtskrippen in der Pfalz“ gewidmet, das der Autor Helmuth Bischoff aus Heidelberg am ersten Adventssonntag, 28. November, um 17 Uhr in der Marienkirche vorstellen wird. Aber auch Dominik Schindler, Kaplan an der Marienkirche und promovierter Kirchenhistoriker, hat sich unter anderem anhand erhaltener Korrespondenz eingehend mit der Osterrieder-Krippe beschäftigt und dazu einen größeren Beitrag im jüngsten Gemeindebrief geschrieben.

Schon Kaiser und Papst beliefert

Anfang der 1920er-Jahre habe es in der erst 1911 geweihten Marienkirche Überlegungen gegeben, die Innenausstattung um eine Weihnachtskrippe zu ergänzen. Damals habe der Generalkonservator der Kunstdenkmale Bayerns und spätere Direktor des bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Georg Hager, besagten Sebastian Osterrieder empfohlen, der auch schon Kaiser Wilhelm und Papst Pius X. beliefert hatte, so Schindler.

Auch wenn Osterrieder sich zunächst als Schnitzer einen Namen gemacht hatte, entwickelte er bald eine eigene Technik, um Krippenfiguren in Serie herstellen zu können: Von seinen detailreich geschnitzten Figuren nahm er Abdrücke, die als Formen für den „französischen Hartguss“ dienten. Als Gussmasse hatte er eine Mischung aus Champagnerkreide, Gips und Hasenleim entwickelt. Letzterer wird durch das Auskochen von Kaninchenfellen gewonnen. Die fertigen Figuren bekamen teilweise Glasaugen eingesetzt und wurden mit in Leimwasser eingeweichten Stoffen eingekleidet und bemalt, wie Bischoff schildert. Alles in allem kam es Osterrieder auf eine möglichst lebensnahe Darstellung an. Dekan Brecht weiß zum Beispiel, dass der Künstler auf einer Palästinareise die Physiognomie der einheimischen Bevölkerung und die Landschaft studierte.

Bemalte Rückwand ist verloren gegangen

Marienkirchen-Pfarrer Martin Wothe bat die Oberin des Instituts der Englischen Fräulein, die häufiger nach München ins Mutterhaus fuhr, Osterrieder den Auftrag zu erteilen. Geplant war eine 3,75 Meter breite und 2,5 Meter tiefe Krippe mit einer bemalten Rückwand, die Bethlehem zeigte. Auch dieses Diorama ist im Krieg verloren gegangen, sagt Brecht. Wie man sich das vorzustellen hat, ist aber heute noch in Deidesheim zu sehen. Die meisten Figuren der Landauer Krippe seien aber zum Glück erhalten geblieben – trotz eines Bombentreffers, der die Sakristei der Kirche und die darin gelagerte Krippe beschädigte.

Am 13. Dezember 1921 holte ein Spediteur in Osterrieders Atelier in Schwabing (das später im Krieg zerstört wurde) zwölf Kisten ab. Dennoch fehlten noch ein paar Elemente, wie beispielsweise die Heiligen Drei Könige, Pferde, das Hirtenfeuer, eine Ziege und ein sitzender Araber, die entweder noch nicht fertig, oder in der Eile vergessen worden waren. Mit im Gepäck war auch eine detaillierte Aufbauanleitung. Am 29. Dezember wurde die letzte Kiste in die Pfalz geschickt, noch rechtzeitig, um die Krippe zum Dreikönigstag um die Weisen aus dem Morgenland ergänzen zu können. Nach Schindlers Angaben weist die Schlussrechnung vom 29. Januar 1922 einen Preis von 28.227 Mark aus.

Restaurator fand Fertigungstechnik heraus

Die Landauer Krippe ist vor Jahren (unter finanzieller Beteiligung der Stadt Landau) von Hermann Frübis (1921 bis 1999) aus Neustadt-Königsbach restauriert worden. Der hatte sich ab Mitte der 1980er-Jahre mit viel Begeisterung und zahlreichen Experimenten Osterrieders Fertigungstechnik angeeignet, denn die Originalrezepturen waren zusammen mit dem Atelier verbrannt. Frübis gelang es, auch kleinste Details wie zum Beispiel abgebrochene Finger zu ergänzen. Er hatte im Lauf der Zeit von erhaltenen Figuren Abdrücke nehmen können, die er zum Nachguss verwendete. Frübis war schon als Kind vom Osterrieder-Virus infiziert worden, weil sein Onkel in Königsbach eine solche Krippe besaß. Sein Können als Restaurator ist bis heute an einem aufwendigen, von ihm und anderen Helfern restaurierten Kreuzweg abzulesen, der von Königsbach aus in den Wald zur Klausenkapelle führt.

Für die Marienkirchengemeinde ist die Krippe auch so etwas wie ein Adventskalender. Der Aufbau beginnt mit dem laut Brecht schwierig zu montierenden Verkündigungsengel. Dann kommt Tag für Tag etwas dazu, bis an Heiligabend das Jesuskind in die Krippe gelegt wird.

Info

  • Buchvorstellung „Weihnachtskrippen in der Pfalz“ am Sonntag, 28. November, um 17 Uhr in der Marienkirche. Autor Helmuth Bischoff stellt sein Werk und einzelne Figuren der Krippe vor. Die Veranstaltung mit Adventsmusik wird vom Verein der Freunde der Marienkirche organisiert.
  • Das Buch ist mit Förderung des Bezirksverbands Pfalz im Kurpfälzischen Verlag Heidelberg erschienen. Es stellt auf 148 reich bebilderten Seiten Krippen im Speyerer Dom, in Oggersheim, Deidesheim, Hettenleidelheim, Landau, Bornheim, Bellheim, Germersheim, Herxheim, Schaidt, Hagenbach, Blieskastel und Erfweiler-Ehlingen vor. ISBN 978-3-924566-94-4. 22 Euro.

Nahaufnahme von Maria, Josef, dem Kind und einem der Heiligen Drei Könige.
Nahaufnahme von Maria, Josef, dem Kind und einem der Heiligen Drei Könige.
Detail des Verkündigungsengels.
Detail des Verkündigungsengels.
Das Jesuskind
Das Jesuskind
Detail der Figur des Josef.
Detail der Figur des Josef.
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