Landau
Der beste Schreiner kommt aus Landau
Kreativität liegt spürbar in der Luft des unscheinbaren Hinterhofs, in dem sich die kleine Werkhalle der Schreinerei Ochs & Graf befindet. Die Einfahrt ist mit Grün umrandet, am Wegrand stehen gepolsterte Palettenmöbel, die Werkstatt und das angrenzende Wohnhaus wirken einladend verwinkelt.
Wenn das in Auftrag gegebene Objekt nicht zu groß ist, führt Yannik Mosthaf mit seinem Freund und Geschäftspartner Marius Landgraf hier in der Cornichonstraße die Holzarbeiten aus. Für größere Projekte mieten sich die beiden bei Schreinereien im Umkreis ein. Ihre Meisterbriefe haben sie noch fast druckfrisch in der Tasche.
Lehrer raten vom Meisterstück ab
Erst kürzlich zeichneten die Sparkassenstiftung Pfälzisches Handwerk und die Handwerkskammer der Pfalz die jahrgangsbesten Jungmeister des Jahrgangs 2020 aus. Auch Mosthaf erhielt einen Preis. „Das kam sehr überraschend“, sagt der 29-Jährige. Von seinem außergewöhnlichen Meisterstück hätten ihm die Lehrer anfangs sogar abgeraten. Ein Fahrrad sollte im Fokus stehen, mit einem Rahmen ganz aus Holz und einer Fertigungstechnik aus dem Schiffsbau. Zu Letzterem hat Mosthaf einen besonderen Bezug. Die Umsetzung sei holprig gewesen, doch er biss sich durch. Auch Mosthafs Weg in das Handwerk war keineswegs klassisch, dafür geprägt von Mut und Vertrauen auf sein Bauchgefühl.
In Trier geboren, zog er als Kind mit seiner Familie in die Pfalz. Beide Eltern sind Psychologen. Mosthaf besuchte das Europa-Gymnasium in Wörth. „Nach dem Abitur gab es scheinbar nur den einen Weg, nämlich Studieren.“ 2015 beendete er ein duales Bachelorstudium zum Wirtschaftsingenieur. Ein Jahr Berufsalltag später sollte auch das Masterstudium folgen.
Ein Spanier sät Zweifel
Doch davor machte er eine Reise, die die Richtung seines beruflichen Werdegangs neu bestimmte. Für einen Sprachkurs in Spanien wurde der damals 24-Jährige bei einem freigeistigen Mittvierziger untergebracht. Als er seinem Gastgeber von seinem Job zu Hause in Deutschland erzählte, sagte der nur: „Non creo en eso“ – daran glaube ich nicht. Vor den Kopf gestoßen habe er sich zuerst gefühlt, erinnert sich Mosthaf, habe er doch selbst zu diesem Zeitpunkt noch fest an seine Zukunft als Wirtschaftsingenieur geglaubt. Inzwischen denke er oft an das Gespräch zurück.
Durch einen Zufall erfuhr Mosthaf während derselben Spanienreise von einer Schiffswerft nahe San Sebastian im Baskenland, die ein historisches Walfangschiff wieder zum Leben erwecken wollte. Fasziniert von dem Projekt, beteiligte sich Mosthaf als freiwilliger Helfer. Statt der geplanten drei Wochen verbrachte er acht Monate an der spanischen Küste – und entdeckte seine Freude am Handwerk. „Wenn ich in der Pfalz Schiffe bauen könnte, würde ich das heute machen.“
Die Mutter war nicht überrascht
Zurück zu Hause traf er die ungewöhnliche Entscheidung, sein solides Ingenieursgehalt gegen den kleinen Lohn eines Schreinerlehrlings einzutauschen. „Meine Mutter hat im Nachhinein gesagt, sie hätte sowieso gewusst, dass ich kein Wirtschaftsingenieur bin“, sagt er. Es war also nicht nur der spanische Freund skeptisch. Der betriebswirtschaftliche Hintergrund sei aber keineswegs umsonst. Im eigenen Unternehmen ergänze er sich gut mit der praktischen Berufserfahrung seines Kollegen.
Als Mosthaf die Schreinerlehre begann, war Landgraf bereits ausgelernter Mitarbeiter. Gemeinsam beschlossen sie später, die Selbstständigkeit zu wagen und die Meisterschule zu besuchen. In getrennten Städten, um von den unterschiedlichen Eindrücken zu profitieren.
Das müssten mehr junge Leute machen
An seinem Beruf schätzt Mosthaf vor allem zwei Dinge: die Körperlichkeit, die jeder handwerklichen Arbeit innewohnt, und die Vielseitigkeit, mit der er sich von Parkettboden bis Designmöbel kreativ ausleben kann. „Für das, was der Beruf zu bieten hat, entscheiden sich zu wenige Menschen dafür“, findet er. Ein Problem sei vermutlich die finanzielle Situation während der Ausbildung, die auch ihm so manches Mal Zweifel bereitet habe. Bereut habe er seine Entscheidung aber nie. Dass es sich lohnt, der eigenen Leidenschaft nachzugehen, wollen Mosthaf und Landgraf ab September auch ihrem ersten Auszubildenden weitergeben.