Landau Den Wohlfahrtsstaat mit aufgebaut
Die IG Metall-Geschäftsstelle Neustadt hat beim Jubilartreffen im Bürgerhaus Jockgrim 122 Gewerkschafter, darunter viele Vertrauensleute und Betriebsräte, geehrt. Der 1. Bevollmächtigte Ralf Köhler erinnerte an tiefgreifende Umwälzungen nach 1945.
Otto Schmid aus Neustadt, Heinz Gaab aus Bellheim und Wolfgang Denzer aus Annweiler sind der Gewerkschaft sogar vor über 70 Jahren beigetreten. Damals lag das Kriegsende nur wenige Monate zurück und die Bundesrepublik Deutschland noch in weiter Ferne. Inmitten einer entbehrungsreichen Zeit waren freie Gewerkschaften gerade von den Besatzungsmächten zugelassen worden. Als prägende Erfahrungen bezeichneten die drei Jubilare den unbedingten Aufbauwillen und die nach der NS-Diktatur neu erlebte demokratische Freiheit. Herkunft und die Ermutigung seitens älterer Kollegen hatten ihren Eintritt vorgezeichnet. Den unvermindert scharfen Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit erfuhren sie bald am eigenen Leib: Besser entlohnte Facharbeiterstellen gingen nach der Lehre bevorzugt an fügsame Nichtorganisierte, Jung-Gewerkschafter mussten sich dagegen nicht selten mit Hilfsarbeit begnügen. Alltägliche Spannungen und Missstände hätten innerbetriebliche Belange ins Zentrum ihres gewerkschaftlichen Handelns gerückt. In der Pfalz, meinten die Jubilare aus Bellheim, Annweiler und Neustadt, sei man zunächst eher Zaungast der großen überregionalen Kontroversen gewesen. Diese streifte der 1. Bevollmächtigte Ralf Köhler, als er die Jubilargruppen mit zeithistorischen Rückblenden begrüßte. Die seit über 100 Jahren mitgliederstärkste Industriegewerkschaft der Welt habe tiefgreifende Umwälzungen, extreme Konflikte und Katastrophen erlebt, etwa Verbot und Verfolgung im NS-Staat. Nach 1945 habe sie neuformiert den Wohlfahrtsstaat mit aufgebaut: Die grundsätzlich unsichere Lohnarbeit wurde mit sozialen Rechten und einem anerkannten gesellschaftlichen Status der Arbeitnehmer verbunden. Mitbestimmung, Betriebsverfassung, Lohnfortzahlung bei Krankheit und Arbeitszeitverkürzungen hätten das Wirtschaftsleben humaner gemacht. Heute werde die enge Koppelung von Lohnarbeit und Sozialeigentum von der globalisierten Ökonomie in Frage gestellt, ja gezielt demontiert. Tarif-, Rechts- und Arbeitsnormen müssten daher oft neu erkämpft werden. Zunehmend werde aber verstanden, dass die Gewerkschaften das Stärkste seien, was die wirtschaftlich Schwachen haben, zitierte Köhler den früheren DGB-Chef Michael Sommer. Das zeigten steigende Mitgliederzahlen. Darüber hinaus widme sich die Gewerkschaft auch verstärkt gesellschaftlichen Fragen. Eine zurzeit drängende laute: „Wem gehört die Zeit?“ |hakr