Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Dem Druck nicht mehr gewachsen

Die RHEINPFALZ im Straßenverkauf im April 1953 auf dem Stiftsplatz in Landau.
Die RHEINPFALZ im Straßenverkauf im April 1953 auf dem Stiftsplatz in Landau.

„Pfälzer Tageblatt“ steht heute als Zweit-Titel der RHEINPFALZ über den Lokalseiten für Landau und die Südliche Weinstraße. Ursprünglich aber war dies der Haupt-Titel einer eigenständigen Zeitung, die von 1949 bis 1971 in Landau erschienen ist. Am 25. Mai vor 49 Jahren schlug ihr letztes Stündchen. Wie sie entstand, wieder verschwand und dennoch fortbestand.

Landau hat eine lange Zeitungstradition. Eines ihrer besonders beständigen Erzeugnisse war der „Landauer Anzeiger“ der Buchdruckerei Kaußler in der Ostbahnstraße 13. Nach einer Zeitungskonzentration in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde er in „Pfälzer Anzeiger“ umbenannt. Er erschien bis zu dem schweren Luftangriff auf Landau vom 16. März 1945. Seine Anlagen wurden dabei zwar nicht zerstört, aber es gab keine Vertriebswege mehr zu den Lesern.

Am 22. März, sechs Tage danach, rückten die Amerikaner in Landau ein. Nun erschienen, wie nach Kriegsende in ganz Deutschland, keine Zeitungen mehr; sie wurden von den Siegermächten allesamt verboten. Nicht verbieten konnte man allerdings das Informationsbedürfnis der Bevölkerung, das durch Mitteilungsblätter und Anschlagtafeln nicht zu stillen war. So wurde zum Spätherbst 1945 hin die Herausgabe von Zeitungen erlaubt, für die die Besatzungsmächte ihnen politisch unverdächtig erscheinenden Persönlichkeiten Lizenzen vergaben. Nach dem Entstehen der Bundesrepublik 1949 wurde dieser Lizenzzwang aufgehoben und das Erscheinen von Lokalzeitungen zugelassen, die vielfach die Tradition von Vorgängerblättern fortsetzten, aber die zunächst alten Titel nicht mehr führen durften.

Dem Volk aufs Maul geschaut

In Landau unternahm eine risikofreudige Dreiergruppe um den früheren Sport-„Schriftleiter“ des Anzeigers, Rudolf Dietrich, das Wagnis, wieder ein Lokalblatt herauszubringen. Nach einem nicht sehr glücklichen Versuch vom September, unter die Fittiche einer Kreuznacher Zeitung zu kriechen, entschloss man sich schließlich, das jetzt „Vorderpfälzer Tageblatt“ genannte Produkt zu verselbstständigen. Es erschien ab Oktober, wurde im Lohndruck bei Kaußler hergestellt und fand in den Herbstausläufern der Südwestdeutschen Gartenbauausstellung (Süwega) auch recht vorteilhafte Startbedingungen vor.

Als Chefredakteur wurde Carl Hermann Vogt verpflichtet, ein gebürtiger Hesse, dessen Berufswege ihn durch mehrere nicht unbedeutende Zeitungen geführt hatten, der aber durch Kriegs- und Nachkriegswirren aus der Bahn geworfen worden war und zuletzt am Wiederaufbau der Frankfurter Paulskirche mitgemauert hatte. Vogt war ein hochgewachsener Mann von beeindruckender Statur, der notfalls schon einmal kantig werden konnte, im Übrigen aber durchaus leutselig auftrat und über die lutherische Gabe verfügte, „dem Volk aufs Maul zu schauen“. Er schrieb frisch und freimütig seine Betrachtungen zu den damaligen Zeitverhältnissen, was gelegentlich den Besuch von Monsieur Katz von der französischen Besatzungsbehörde in Mainz nach sich zog, bei einem ansehnlichen Teil der Bevölkerung aber nicht schlecht ankam. Das Tageblatt konnte nicht zuletzt dank „C.H.V.“ seine Auflage zügig steigern und sein Verbreitungsgebiet bis nach Neustadt und Bad Dürkheim ausdehnen; dies aber mit nur mäßigem Erfolg.

Eigene Druckerei aufgebaut

Das Streben von Verleger Dietrich war nun, sich von der Lohndruckerei zu lösen und einen eigenen Druckbetrieb auf die Beine zu stellen. Das gelang ihm in der Industriestraße in Landau, wo er neben einem von ihm erworbenen Altbau für Redaktion, Anzeigen und Vertrieb eine neue Produktionsstätte erstellen ließ, in der man jetzt mit einer modernen Rotationsmaschine für 16 Seiten die Zeitung in größerem Format drucken konnte. Sie ermöglichte dann auch die drucktechnische Herstellung einiger Nachbarzeitungen, mit denen das Tageblatt Verträge zur Erstellung der überregionalen Textseiten eingegangen war, während sie selbst ihre eigenen Lokalteile beisteuerten. So geschah es mit Frankenthal, Speyer und Zweibrücken, zeitweise auch mit Kaiserslautern. Das „Vorderpfälzer Tageblatt“ wurde so zum „Pfälzer Tageblatt“. Die auf diese Weise miteinander verbundenen Blätter sahen sich als „Unabhängige Pfälzer Heimatpresse“.

In der Auflagenstärke innerhalb seines Verbreitungsgebiets schaffte das Tageblatt die Augenhöhe mit der RHEINPFALZ. Die finanzielle Entwicklung hielt damit allerdings nicht Schritt. Zwar stabilisierte sich die Lage immer wieder, aber der erhoffte, wirklich anhaltende wirtschaftliche Erfolg blieb aus. Je länger, desto deutlicher trat zutage, dass es schwierig werden würde, die sich abzeichnenden Umwälzungen und Neuerungen auf technischem Gebiet zu meistern. Der revolutionäre Übergang vom Bleisatz zum Fotosatz kam in Sicht, zwar noch fern am Horizont, und von Digitalisierung war noch gar nicht die Rede. Der riskante Versuch, in Karlsruhe zur Bundesgartenschau 1967 eine zweite Tageszeitung einzuführen, zehrte zudem mehr an den Kräften des Hauses, als dass er sie hätten stärken können. Es schien der Verlagsleitung geraten, sich nach möglichen Partnern für die bevorstehenden Anforderungen schon einmal umzusehen.

Unauffällige Abgesandte

Tastende Versuche in dieser Richtung schlugen zunächst fehl. Ohne dass es weithin wahrgenommen worden wäre, kam es jedoch zu der vordergründig undenkbaren, aber nächstliegenden Verbindung mit der bislang gefährlichsten Konkurrentin. Die RHEINPFALZ stieg 1968 als Vertragspartner beim Tageblatt ein. Ziemlich unauffällig erschienen jetzt vereinzelt Ludwigshafener Abgesandte in den Verlagssitzungen, wirkten aber eher beratend als tonangebend an der Gestaltung mit. Die Redaktion unterlag keinerlei Beeinflussung.

So hielt das Tageblatt nochmals drei Jahre durch. Versehen mit neuen Schriften und mit gestärkter innerer Struktur schien es sogar wieder aufzublühen. Aber der erwartete länger anhaltende Erfolg war ihm auch jetzt nicht beschieden. Schließlich war es so weit: In der Ausgabe vom Dienstag, 25. Mai 1971, teilte das Blatt seinen „lieben Lesern“ mit, dass sich die Zeitungen „Pfälzer Tageblatt“ und „Die RHEINPFALZ – Südpfälzer Rundschau“ vereinigt hätten.

„Die neue Zeitung trägt den Titel ,Die RHEINPFALZ – Pfälzer Tageblatt’ und wird Ihnen morgen das erste Mal ins Haus geliefert“, hieß es da. Begründet wurde der Vorgang mit der „fortschreitenden technischen Entwicklung im Bereich der deutschen Tagespresse“, die immer stärkere und durchgreifendere Rationalisierungsmaßnahmen erfordere, mit denen die Existenzgrundlage der Verlage und die unabhängige Arbeit der Redaktionen für die Zukunft sichergestellt werden sollten.

Schriftzug wurde kleiner

Für seinen Entschluss führte der Verlag zudem die Überlegung an, in einem größeren Rahmen als bisher die Interessen gerade des südpfälzischen Raums als sich rasch fortentwickelnden Teils der Pfalz und seiner Bewohner noch nachhaltiger als in der Vergangenheit zur Geltung zu bringen. „Wir garantieren Ihnen eine Zeitung, die täglich bemüht ist, Ihren Interessen gerecht zu werden und Ihre Belange zu wahren“: So klang ein erregender und bewegender Abschnitt Landauer Zeitungsgeschichte aus.

Den Beschäftigten war das bevorstehende Ende einige Tage zuvor in einer Betriebsversammlung mitgeteilt worden. Nach der Erinnerung eines Zeitzeugen sollen, obwohl in der Öffentlichkeit zunächst nichts bekanntgegeben wurde, schon bald telefonische Stellenangebote einschlägiger Firmen eingegangen sein, die nach Kräften suchten. Das redaktionelle Personal wurde teilweise von der RHEINPFALZ übernommen, teilweise suchte es sich auch durchaus erfolgreich neue Wege. Der Schriftzug „Pfälzer Tageblatt“ erschien in Originalgestalt, aber verkleinert unter dem Haupttitel der RHEINPFALZ.

Mit dem 25. Mai war in voller Absicht ein unverfängliches Anfangsdatum gewählt worden. Man hätte sich ja vorstellen können, die Zeitung noch bis zum Wochenende und damit zum Pfingstfest fortzuführen, das wäre bis zum 30./31. Mai und damit zum Monatsende gewesen. Offenbar wollte man aber das Zusammentreffen mit irgendwelchen Fristabläufen vermeiden. Das Tageblatt kostete zuletzt 40 Pfennig im Einzelverkauf, der monatliche Bezugspreis betrug 7,40 Deutsche Mark, „einschließlich Zustellung frei Haus“.

Nüchterner Funktionsbau

Jetzt aber geschah Erstaunliches, wenn nicht gar Gespenstisches: Hinter den Tageblattmauern ging die Arbeit weiter! Abgesehen von den Lokalseiten machte eine Rumpf-Mannschaft Zeitung wie bisher, in den redaktionellen Ressorts von der Politik über Wirtschaft, Feuilleton und Sport bis zum „Südwestspiegel“, ohne dass Landau etwas davon merkte. Der Grund dafür war, dass nach wie vor die Verträge mit den Nachbarzeitungen über die Erstellung des redaktionellen Mantels wie auch den Druck der jeweiligen Blätter zu erfüllen waren, die erst mit dem Monat September ausliefen. Danach erst kehrte endgültig Ruhe im Tageblatt-Haus ein.

Die RHEINPFALZ ließ später den Alt- sowie den Neubau in der Industriestraße abreißen und errichtete an deren Stelle ein sachlich-nüchternes Funktionsgebäude, in dem zunächst auch die RHEINPFALZ-Redaktion unterkam, das aber hauptsächlich für die Pfälzische Verlagsanstalt und deren Produktionsstätte für Bücher, Zeitschriften und Formulare gedacht war. Die Tage der PVA in Landau sind gezählt: Die Produktion soll zu Westermann Druck nach Braunschweig verlagert werden.

Heute nutzt die RHEINPFALZ-Redaktion Räume eines Konversionsgebäudes in der Ostbahnstraße 12 und damit genau gegenüber der Ostbahnstraße 13, der Geburtsstätte des Vorderpfälzer Tageblatts. Dessen Chefredakteur Vogt war zur RHEINPFALZ nach Ludwigshafen gewechselt. Wer ihn kannte, dem blieb nicht verborgen, dass er sich dort als fünftes Rad am Wagen fühlte. Er stand damals im 62. Lebensjahr und strebte seinem Ruhestand entgegen, den er anfangs in Bad Dürkheim und danach in Hannover verlebte. Dort starb er in einem Altersheim.

„Es macht keine Freude mehr“

In Landau saß die RHEINPFALZ-Redaktion seinerzeit in dem hochherrschaftlichen Anwesen Königstraße 50, das unter den Baudenkmälern der Stadt zu den Zeugnissen des Frühklassizismus gezählt wird und somit zu den Wohnstätten des gehobenen Bürgertums im Landau des 18. Jahrhunderts. Und es beherbergte ein Kino. Hier hatte für die RHEINPFALZ zunächst Hans Ostermaier sprachlich den von ihm erfundenen „warmen Südpfalz-Ton“ gepflegt. Jetzt hielten Josef H. Weiske und Lothar Strasser die Stellung, als am 1. Oktober Herbert Keller und der Erzähler dieser Geschichte, vom Tageblatt kommend, ihren Dienst bei der RHEINPFALZ antraten. Man kannte sich und konnte einander einschätzen; so verlief die Begegnung in der nunmehr gemeinsamen Arbeitsstätte ohne irgendwelche Vorbehalte. Zudem schien bei der RHEINPFALZ Wert darauf gelegt zu werden, dass die Neuankömmlinge sofort mit ihren vertrauten Kürzeln in Erscheinung traten, um der Leserschaft darzustellen, dass die redaktionelle Integration auch wirklich vollzogen worden war.

Der letzte Leitartikel des eigenständigen Pfälzer Tageblatts in der Ausgabe vom 25. Mai befasste sich, gänzlich unbefangen und ungerührt von allem Drumherum, mit der Lage am Aktienmarkt. Wer wollte, konnte aus seiner Überschrift dennoch eine Beziehung zum Abgang des eigenständigen Pfälzer Tageblatts von der journalistischen Bühne der Südpfalz herauslesen. „Es macht keine Freude mehr“, hieß es da ganz treuherzig.

Der Autor

Herbert Dähling war 22,5 Jahre Redakteur beim Pfälzer Tageblatt und ebenso lange bei der RHEINPFALZ. 1994 ging der heute 90-Jährige – Kürzel „hd“ – in Ruhestand, schrieb aber auch viele Jahre danach noch für seine Heimatzeitung. Der Journalist vom alten Schlag – „vielseitig gebildet und neugierig“, wie ihn Kollege Günter Werner zum 80. Geburtstag feierte, war berühmt für seine sprachgewaltigen Glossen. Seine Leidenschaft gehört der Eisenbahn.
Das Stadtarchiv hat Bände Landauer Druckerzeugnisse: Landauer Anzeiger, Pfälzer Anzeiger, Die Rheinpfalz und Vorderpfälzer Tageb
Das Stadtarchiv hat Bände Landauer Druckerzeugnisse: Landauer Anzeiger, Pfälzer Anzeiger, Die Rheinpfalz und Vorderpfälzer Tageblatt.
Herbert Dähling (links) kam vom Tageblatt und stieß bei der RHEINPFALZ auf Urgestein Lothar Strasser.
Herbert Dähling (links) kam vom Tageblatt und stieß bei der RHEINPFALZ auf Urgestein Lothar Strasser.
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