Südpfalz
Debatte nach Café-Besuch: Darf man Negerkuss noch sagen?
Rassistische Aktion oder normaler Sprachgebrauch? Die Frage, ob sich eine Kellnerin in einem Café in Rhodt gegenüber einer Familie aus der Vorderpfalz daneben benommen hat, sorgt für heftige Reaktionen. Der Vater eines schwarzen Kindes hatte bei Michaela Keller einen Schokokuss bestellt. Sie arbeitet im Café an der Talstation der Rietburgbahn. Als die Familie später zahlen wollte, so berichtete es die Mutter des Kindes, Tina Dörr, habe Keller das gesagt: „Sie haben bei uns einen Schokokuss bestellt. Der kostet bei uns einen Euro. Hätten Sie einen Mohrenkopf bestellt, hätten Sie nur 60 Cent bezahlt. So heißt das hier nämlich. Wenn Sie einen Negerkuss bestellt hätten, wäre der sogar gratis gewesen.“ Dörr meldete den Vorfall empört der Redaktion. Und Keller bestätigte diese Aussagen gegenüber der RHEINPFALZ. Betonte jedoch: „Es sollte nur ein Scherz sein.“
Viele Leser sind mit Blick auf den Bericht in der Samstagsausgabe der Ansicht, das zeigen die bisherigen Reaktionen, die Haltung der Familie sei überzogen. Es sei nicht in Ordnung, Keller als Rassistin zu brandmarken, so der Tenor. Schließlich gehörten Wörter wie „Mohrenkopf“ und „Negerkuss“ zum alltäglichen Sprachgebrauch und würden nicht in der Absicht gesagt, Menschen anderer Hautfarbe zu verletzen.
Schausteller: Viele bestellen „Mohrenkopf“
Wie bewerten Leute den Fall, die diese Süßspeisen verkaufen? Daniel Trauth, Chef der Süßwarenfabrik Eugen Trauth & Söhne in Herxheim, findet deutliche, ungezuckerte Worte: „Ich musste ganz schön schlucken, als ich das gelesen habe. Um ehrlich zu sein, ich finde das Verhalten der Kellnerin total daneben.“ Es sei inzwischen eine Zeit, in der die Gesellschaft sensibler mit Sprache umgehen sollte. Natürlich kämen nach wie vor Kunden in sein Geschäft und bestellten „Mohrenköpfe“. Einige täten das auch, weil ihnen in dem Moment kein anderer Begriff einfalle. „Wir sagen aber immer direkt, dass das bei uns Schokoküsse heißt. Wir wollen da keine Diskussionen. Und vor allem wollen wir niemanden verletzen“, betont Trauth.
Jörg Barth aus Kleinkarlbach bei Grünstadt ist seit Jahren mit einem Süßwarenstand auf dem Landauer Mai- und Herbstmarkt vertreten. Natürlich im Programm: Schokoküsse. „Wir haben die Ware als Schaumküsse ausgezeichnet, weil wir keine Diskussionen wollen“, berichtet Barth. Dennoch kämen viele Kunden und bestellten „Mohrenköpfe“, gerade in der Pfalz sei der Begriff gängig, besonders bei älteren Leuten. Es gebe aber auch schwarze Menschen, die einen „Negerkuss“ bestellten. „Die stören sich meistens am wenigsten daran“, erzählt Barth.
Diskussionen mit weißen Studenten
Sein Kollege Heiko Geist, stellvertretender Vorsitzender des Schaustellerverbandes Landau/Neustadt, sagt, die Diskussion über die politisch korrekte Bezeichnung der Süßware gebe es schon seit Jahren. Er verkaufe das Produkt als Schokokuss. Er habe aber auch schon schwarze Verkäuferinnen beschäftigt, die häufig über die Begriffsdiskussion geschmunzelt hätten. „Kunden haben manchmal im Spaß gefragt, ob sie nach Feierabend noch einen Negerkuss bekommen. Meine Mitarbeiterinnen haben das mit Humor genommen und gelacht“, sagt der Westpfälzer. Er habe auf dem Wurstmarkt oft erlebt, dass besonders amerikanische Soldaten Schokoküsse lieben. „Politische Diskussionen über die Richtigkeit der Begriffe gibt es meistens nur nachts um 2 Uhr mit weißen Studenten. Und dafür haben wir keine Zeit.“
Marie-Luise Trauth war lange Chefin der Süßwarenfabrik in Herxheim, ehe sie die Leitung in die Hände ihres Neffen Daniel Trauth übergab. Viele Jahre konnten Kunden bei dem Traditionsbetrieb „Mohrenköpfe“ kaufen. Doch irgendwann setzte bei der Unternehmerin ein Denkprozess ein. „Ich habe mit vielen Leuten darüber gesprochen, vor allem mit sehr differenziert denkenden, wie sie zu den Begriffen stehen. Und die meisten haben mir gesagt, ich solle nichts daran ändern“, berichtet Trauth. Für sie sei aber immer klar gewesen, dass sie niemanden mit dem Namen jenes Produkts verletzen möchte, das ihre Firma herstellt. Aber irgendwann war es dann so weit. Eines Tages kam eine Afroamerikanerin in Marie-Luise Trauths Laden, gut gelaunt und lächelnd. Als sie jedoch das Schild mit dem Wort „Negerkuss“ sah, wich das Lächeln aus ihrem Gesicht. „Die Frau hat kein Wort gesagt. Aber am nächsten Tag habe ich mich entschieden, den Namen zu ändern.“ Das war 2007. Seit dem gibt es in Herxheim nur noch Schokoküsse zu kaufen.