Landau „Das Buch nicht überschätzen“

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Die kommentierte Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ ist zu einem Bestseller avanciert und hat sich bereits 24.000 mal verkauft. Der Herausgeber, das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ), brachte bereits die dritte Auflage auf den Markt. In der Spiegel-Bestsellerliste rangiert das Buch auf dem elften Platz. Über die Veröffentlichung der Hetzschrift wurde unter Historikern heftig gestritten, es gibt aber auch Forderungen – etwa vom Deutschen Lehrerverband – die kommentierte Fassung im Schulunterricht zu behandeln. Auch das rheinland-pfälzische Bildungsministerium schließt die Lektüre als Beitrag zur politischen Bildung im Unterricht nicht aus. Man sei sich sehr sicher, „dass die Geschichts- und Sozialkundelehrer am besten zu entscheiden wüssten, ob und wie sie unter Berücksichtigung der Unterrichtsplanungen und Verhältnisse in der jeweiligen Schule, von der Möglichkeit Gebrauch mache“, meint Pressesprecher Wolf-Jürgen Karle. Christof Schlachter ist einer dieser Lehrer. Historische Bildung ist für ihn eine Kernkompetenz im gymnasialen Unterricht. Gerade in politisch bewegten Zeiten wie diesen sei das Verständnis historischer Zusammenhänge essenziell, um aktuelle Fragen und Probleme verstehen und bewerten zu können, meint Schlachter. Sollte man deshalb „Mein Kampf“ in den Unterricht integrieren? Mit dieser Frage werden sich seine Kollegen in der nächsten Lehrerkonferenz beschäftigen, sagt der Fachvorsitzende für Geschichte und bittet vier Schüler des Geschichte-Leistungskurses zur Diskussionsrunde. Der Germersheimer Bogdan Moskalyuk (18), die Lingenfelderin Anica Sträßer (18), die Leimersheimerin Lena Wolf (16) und der 17-jährige Marek Bültel aus Weingarten nehmen an dem runden Tisch in der Bibliothek des Gymnasiums Platz. Von ihrem Opa habe sie einmal ein Originalexemplar in den Händen gehalten, erzählt Anica Sträßer. Besonders die ideologischen Begriffe „Rasse“ und „Volk“ seien ihr in Erinnerung geblieben. Bei den Schülern ist keine Sättigung an Themen zum Nationalsozialismus im Unterricht erkennbar, im Gegenteil: „Ich finde, man sollte sich mehr mit der jüngeren Geschichte befassen als damit, was in Rom passierte“, sagt Marek Bültel und die Schüler nicken. Die NS-Zeit wird sowohl in der zehnten Klasse als auch in der Oberstufe behandelt. „Das Buch wurde ja bereits immer eingebunden. Ich selbst habe Ausschnitte des Buchs in den Unterricht integriert und auch in den Geschichtsbüchern sind Passagen zu finden“, erzählt Schlachter. Von einer langwierigen Betrachtung des Hitler-Werks halte er allerdings nicht viel – die Unterrichtszeit sei so schon zu knapp bemessen. Außerdem solle man die Bedeutung der Publikation nicht zu hoch hängen – dies sorge nur für eine weitere Mystifizierung, meint der Lehrer. „Mein Kampf“ sei keine Blaupause von Hitlers Herrschaft gewesen. Die Annahme, das Buch sei die Wurzel des Bösen gewesen, das die Deutschen verführt hätte, sei zu einfach und stimme so nicht. Ausschnitte sollten Geschichtslehrer aber weiterhin im Unterricht behandeln, sagt Schlachter. Eine Gefahr für Schüler, durch die Lektüre radikalisiert zu werden, sieht er nicht: „Man sollte junge Menschen nicht unterschätzen, aber das Buch nicht überschätzen“, sagt er. Radikalisierung finde heutzutage oft in sozialen Netzwerken statt. Das sehen die vier Abiturienten auch so. „Es gibt Videos im Netz, die Lügen und Hetze verbreiten und von schlecht informierten Menschen geglaubt und geteilt werden“, sagt Anica Sträßer, erneut nicken ihre Mitschüler. Auch im Unterricht von Alexander Bayer (32) am Europa-Gymnasium Wörth wurden bislang Auszüge aus „Mein Kampf“ behandelt. Wie sein Germersheimer Kollege hält der Geschichtslehrer nichts davon, dass Schüler das gesamte kommentierte Buch im Unterricht lesen. „,Mein Kampf’ und dessen Wirkung generell zu thematisieren sehe ich, zumindest im Unterricht der Oberstufe, als mögliches Unterfangen an“, sagt er. Die wissenschaftlich kommentierte Ausgabe habe eine aufklärerische Funktion. Wenn man es kritisch beleuchte, gehe von dem Buch keine Gefahr mehr aus.

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