Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Buch „Oma Minas Käsekuchen“: Eine jüdische Familiengeschichte in Rezepten

OB Dominik Geißler, Dominique Ehrmantraut vom MSG, Wolfgang Pauly von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit un
OB Dominik Geißler, Dominique Ehrmantraut vom MSG, Wolfgang Pauly von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und Verleger Markus Knecht bei der Buchpräsentation (von links).

„Oma Minas Käsekuchen“ ist ein Kochbuch, das schon beim Lesen den Gaumen kitzelt. Aber es ist noch viel mehr. Autorin Ruth Landy erzählt die Geschichte einer jüdischen Landauer Familie, die in den USA eine neue Heimat fand. Ihrer Familie.

„Der Käsekuchen war Teil meiner Kindheit und Jugend“ berichtet Ruth Landy, Enkelin eines Landauer Weinhändlers jüdischen Glaubens, bei der Präsentation ihres Buchs „Oma Minas Cheesecake“ in deutscher Ausgabe. Dieses zeichnet kulinarisch den Lebensweg ihrer Familie nach, die heute in San Francisco in Kalifornien lebt. „Meine Mutter, die Engländerin Cynthia Landy, lernte von meiner Großmutter Erna Levy viele pfälzisch-jüdische Rezepte kennen“, erzählt Landy, die per Video-Stream aus den USA ins Landauer Rathaus zugeschaltet ist.

Die Deutsch-Amerikanerin hatte nach ihrer Pensionierung begonnen, die Unterlagen ihrer Eltern und ihrer Tante Sue zu sichten, um die Erinnerung an die Familie und deren Geschichte wachzuhalten. Dabei erinnerte sie sich an den Duft, den der frisch gebackene Käsekuchen im Elternhaus verströmte. Dieser Duft, der für sie die Süße des Lebens verkörpert, sei für immer mit ihrer Familiengeschichte verwoben. Gleichzeitig erinnert Landy mit ihrem Buch an ihre Urgroßmutter Wilhelmina Weil, genannt Mina, die im August 1941 unter elenden Bedingungen in einem Viehwaggon mit vielen anderen Juden aus den Niederlanden nach Auschwitz transportiert, dort ermordet, der Leichnam vermutlich verbrannt und die Asche anonym „entsorgt“ wurde.

Vier Frauen, vier Epochen deutscher Geschichte

Wolfgang Pauly ist Geschäftsführer der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in der Pfalz, die die deutsche Herausgabe des Buches im Landauer Knecht-Verlag finanziert hat. Er liest das Buch als die Geschichte von vier starken Frauen, die gleichzeitig für vier Epochen deutscher Geschichte stehen: Wilhelmina Weil, geboren 1869, lebte mit ihrem Mann Jakob in Lustadt – im pfälzischen Teil des bayerischen Königreichs. Ihre Tochter Erna, verheiratete Levy, wurde 1891 ins deutsche Kaiserreich geboren. Sie heiratete kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Landauer Weinhändler Heinrich Levy. Ihre Tochter, Sue Levy, verheiratete Siegel, wurde 1922 geboren und ist somit ein Kind der Weimarer Republik. Ruth Landy, die Autorin, ist die vierte Generation: geboren 1952 in der Nachkriegszeit in Genf.

Landy berichtet, welch stolze Pfälzer und Patrioten ihre Vorfahren waren. Ihr Großvater Heinrich Levy kämpfte kurz nach seiner Hochzeit in der Reichsarmee auf den Schlachtfeldern in Belgien und Frankreich. Sie schildert aber auch die Geschichte vieler Landauer Juden, die trotz ihrer Pfälzer Wurzeln verjagt, vertrieben oder vernichtet wurden. Eindrucksvoll beschreibt Landy die Weitsicht ihres Vaters Ernest, der mit 21 Jahren vor dem Nazi-Terror in die USA flüchtete und von dort seine damals 16-jährige Schwester Sue überzeugte, ebenfalls zu emigrieren. Ihre Mutter Erna fasste 1938 den Entschluss zur Flucht, nachdem Vater Heinrich nach dem Pogrom am 9. November starb. Mit knapp 1000 anderen deutschen Juden nahm sie das Kreuzschiff St. Louis nach Havanna, doch dieses durfte weder in Kuba noch in den USA oder Kanada anlegen und musste zurück nach Europa fahren. Fast 80 Prozent der Passagiere entkamen dem Nazi-Terror nicht. Erna Levy schaffte es. Im zweiten Versuch gelang ihr die Flucht in die USA.

Durch Schüler-Forschung Kontakt geknüpft

Trotz des Terrors, dem die Familie ausgesetzt ist, bleibt das Buch zuversichtlich. Der Käsekuchen steht in diesem Buch für die Freuden des Alltags. Er belebt die Familie, erinnert an die dunklen Zeiten und ermutigt die Nachkommenden, sich für Demokratie und Weltoffenheit einzusetzen. Oberbürgermeister Dominik Geißler, der diesen Appell Landys unterstützt, sieht die Geschichte der Familien Weil, Levy und Siegel als exemplarisch für viele Familiengeschichten Landauer Juden. Als Landy im vergangenen Sommer Landau besuchte, hatte Geißler ihr versprochen, dass ihr Buch übersetzt und hier verlegt würde. Sie gesteht: „Das habe ich als nette Geste verstanden, aber nicht geglaubt, dass es wahr werden würde.“

Die deutsche Ausgabe ihres Buches verdanke sie auch Schülerinnen des Max-Slevogt-Gymnasiums, die vor einigen Jahren die Geschichte jüdischer Schülerinnen und Schüler ihrer Schule aufgearbeitet haben. Aufgrund dieser Arbeit seien Stolpersteine vor der Schule gelegt worden. Zwei dieser Steine erinnern an Sue Levy, die in die USA fliehen konnte, und an Ruth Levy, die 14-jährig an einer Gehirnhautentzündung starb. Landy hatte im Internet einen Bericht zu den Stolpersteinen für ihre Tanten gelesen und Kontakt zur Schule aufgenommen. So kam die Einladung nach Landau zustande. Verleger Markus Knecht möchte das Buch am 11. September bei einer Käsekuchen-Challenge der Öffentlichkeit vorstellen.

Lesezeichen

Ruth Landy, „Oma Minas Käsekuchen. Familienschätze & Rezepte – die Geschichte unseres deutsch-jüdischen kulinarischen Erbes“, Knecht-Verlag Landau, 100 Seiten, 24 Euro, ISBN: 9783939427674.

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