Landau Auch in der Südpfalz sind viele auf Ruhango-Markt angewiesen
Dienstags ist in einer ehemaligen Industriehalle von Gummi-Mayer Im Justus 4 in Landau ordentlich was los. Um 15 Uhr öffnet der Ruhango-Markt. Zu diesem Zeitpunkt stehen oft bereits 150 Menschen vor der Tür und warten auf Einlass, bei Regen sind es weniger, ansonsten auch mal mehr. „Empfangschef“ Dietmar Wenzel steht an der Pforte und zählt ab. Wegen des Gedränges im Haus lässt er nicht alle auf einmal in den Markt, schon gar nicht ins Obergeschoss. Dort sind besonders begehrte Abteilungen – Textil allen voran.
Allein am 4. April waren fast 600 Besucher im Markt. Wenzel hat an diesem Tag gezählt und die Leute auch gefragt, wo sie herkommen. Mit 381 kam das Gros der Besucher am 4. April aus Landau. Auch sieben Kunden aus Pirmasens steuerten den Markt an. Die meisten Besucher kamen mit dem Auto (325), viele zu Fuß (108), einige mit dem Nahverkehr (35) und viele mit dem Rad (79).
Kaufhaus, kein Flohmarkt
Die Befragung ist insofern interessant, als der Vorstand wegen eines neuen Standorts in Kontakt mit der Stadtverwaltung steht. Mit Blick auf das Abfallwirtschaftsgesetz hatte der Entsorgungs- und Wirtschaftsbetrieb Landau (EWL) ein Sozialkaufhaus auf seinem Gelände beim Wertstoffhof in Mörlheim ins Gespräch gebracht. Dezernent Lukas Hartmann (Grüne) bevorzugt eher einen Standort in der Peripherie der Innenstadt. Freundeskreis-Vorsitzende Dorothee Kischkel berichtet, sie gehe jeder Offerte nach. Bis jetzt habe sich noch kein neuer Standort aufgetan, der geeignet wäre. Der Markt ist über 1200 Quadratmeter auf zwei Etagen verteilt und platzt aus allen Nähten.
Die 67-Jährige und ihre Stellvertreter Dieter Feierabend (68) und Dietmar Wenzel (70) sprechen nur noch von Secondhand-Kaufhaus oder Markt. Sie mögen die Bezeichnung Flohmarkt nicht. Schließlich wird um Preise nicht gefeilscht. „Es gibt auch Rücksichtslose, die immer handeln wollen“, erzählt die Vorsitzende. Dabei sind die Preise für Spielsachen, Bücher, Elektroartikel, Kleidung, Haushaltsgegenstände oder CDs schon sehr günstig.
Hitliste der Flops
Längst nicht alles, was gebracht wird, kann auch verkauft werden. Die Hitliste der Flops führen rahmenlose Bilderhalter und Salzkeramik an. Auch Fonduegeräte (die nicht elektrisch betrieben werden), Kleidung in großen Größen, Anzüge, Pelzmäntel, Kleidung aus Haushaltsauflösungen, Lexika, Kochbücher oder Lampen aus Eiche rustikal sind nicht an die Frau oder den Mann zu bringen. Laut Dietmar Wenzel kommen sind Studenten angenehme Kundschaft, weil sie so viel Spaß an altem Kram haben.
Der Verkaufserlös fließt ins afrikanische Partnerland Ruanda. Der Markt ist seit 1997 die Haupteinnahmequelle für die Entwicklungshilfe aus Landau im Distrikt Ruhango, die vom rheinland-pfälzischen Partnerschaftsbüro in Mainz koordiniert wird. Er generiert jährlich mindestens 70.000 Euro.
Breiter aufstellen
Doch die Bedeutung des Marktes für die Menschen in der Südpfalz hat sich verändert. Nicht mehr die Entwicklungshilfe und den ökologischen Gesichtspunkt der Wiederverwertung sieht Kischkel aktuell im Fokus. Viel stärker geworden sei der soziale Aspekt, denn viele Kunden kämen, weil sie sich günstig mit Dingen zum Leben eindecken wollten. Auch viele Kunden hätten die Wohltätigkeit für Ruhango nicht auf dem Schirm, berichtet Kischkel.
„Wir möchten uns beim Verwendungszweck deshalb breiter aufstellen“, kündigen die Vorsitzende und ihre Stellvertreter an. Der Vorstand strebe an, auch Einrichtungen in der Südpfalz zu unterstützen. Konkrete Vorschläge gibt es noch nicht. Weil aber der Vereinszweck in dem aus steuerlichen Gründen aus vier Vereinen bestehendem Freundeskreis ausschließlich die Unterstützung in Afrika ist, müsste ein neuer Verein unter dem Dach der Organisation gegründet werden, der auch Förderungen hierzulande ermöglicht.
Weniger Förderprojekte
In Ruanda gebe es mittlerweile betuchte Sponsoren, sagt Kischkel und erwähnt auch das Sponsoring von Ruanda beim 1. FC Bayern München. Die Förderprojekte der Landauer in Afrika hätten etwas abgenommen.
Unvermindert stark ist nach Angaben des Vorstands der Einsatz der rund 40 Aktiven, die ehrenamtlich dienstags und donnerstags den Verkauf organisieren oder die Warenspenden entgegennehmen und in die Abteilungen sortieren. „Wir sind sehr glücklich, dass viele der Gründergeneration kontinuierlich da sind und sich einbringen“, betont Dorothee Kischkel. Der Zusammenhalt sei groß. „Wir sind wie eine Familie.“ Gut angenommen werde der Verkauf einmal im Monat samstags, der neuerdings angeboten wird, wie Dieter Feierabend informiert. Die Mitarbeiter trügen die Mehrbelastung ohne Klage. Auf Kundenwunsch werde inzwischen ab und an Kaffee und Kuchen angeboten, was Kitas organisierten. Bei der letzten Aktion habe die Kita 400 Euro erlöst.
Der Freundeskreis zählt rund 130 Mitglieder. „Jede helfende Hand wird gebraucht“, versichert Dorothee Kischkel. Vor allem donnerstags bei der Annahme werden neue Helfer gebraucht. Allerdings sollten sie regelmäßig kommen, sonst sei die Arbeit schwer zu koordinieren.
Mit Nähmaschine auf eigenen Füßen
Das Engagement kommt der Partnerregion Ruhango zugute. Mit 10.000 Euro hat der Freundeskreis im Frühjahr Flutopfer in Ruanda unterstützt. Mit der kirchlichen Wohltätigkeitsorganisation Iriba Shalom International hat der Verein bei einem neuen Projekt in Ntongwe die Ausbildung von ledigen Teenager-Müttern zu Schneiderinnen mit 16.500 Euro gefördert. Die jungen Mütter erhalten eine Nähmaschine nach Abschluss der Ausbildung. Sie können dann selbstständig arbeiten und Geld verdienen.
Im Behindertenzentrum in Gatagara haben die Landauer für den Neubau einer Förderschule für geistig Behinderte mit 31.000 Euro eine Einzäunung mit Stützmauer und Entwässerung des Grundstücks finanziert. 50.000 Euro flossen seit 2021 in Werkstätten zur Schweißerausbildung in Busoro sowie 77.000 Euro in die Ausstattung von drei Klassenzimmern und eine Zisterne im Berufsbildungszentrum Ntongwe. Knapp 134.000 hat der Freundeskreis für drei weitere Schulbauprojekte in Mukingi, Kigoma und Munini überwiesen. 3000 Euro gehen jährlich an das Behindertenzentrum St. Francois d’Assise für die Ausbildung von Pflegekräften und für Material. Für ein Spina-Bifida-Projekt dort spendete der Freundeskreis über 22.000 Euro. Die Aidshilfe Witinya erhält jährlich 8000 Euro als Schulgeldzahlung für Aidswaise.
Info
Der Markt Im Justus 4 in Landau ist am Dienstag, 19. Dezember, letzmals geöffnet. Dann ist Weihnachtspause. Der nächste Verkauf ist am 16. Januar. Öffnungszeiten sind immer dienstags von 15 bis 18.30 Uhr.
Donnerstags von 14 bis 17 Uhr werden Warenspenden angenommen, in diesem Jahr aber nicht mehr, erst wieder am 11. Januar.