Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Ans Ende der Welt: Wie man ohne Geld nach Feuerland kommt

So trampt man von Spanien nach Chile, wenn man nicht fliegen will: Joshi Nichell als Mitfahrer auf einem Segler.
So trampt man von Spanien nach Chile, wenn man nicht fliegen will: Joshi Nichell als Mitfahrer auf einem Segler.

Joshi Nichell ist durch Südamerika getrampt – mit kleiner Reisekasse. Der Landauer hat ein Buch darüber geschrieben. Es beschreibt eine Reise voller Vertrauen in die Mitmenschen.

Könnte man jetzt zur Schlüsselszene erklären – aber in zwei Jahren und einer Nahezu-Umrundung Südamerikas gibt’s natürlich jede Menge Schlüsselszenen. Jedenfalls steigt der Rheinland-Pfälzer Joshi Nichell alleine einen Bergwaldpfad auf die Paramó-Landschaft in Kolumbien empor, so um die 4000 Meter über Meereshöhe. Er ignoriert die Schilder mit der Aufschrift „No transite solo“, nicht alleine reisen. Geschwächt ist er wohl noch, vom Fieber, die Karte auf seinem Handy ist, das wird er später merken, alles andere als genau. Und dann wird er von vier kolumbianischen Jungs in Gummistiefeln überholt, Mamas Kochtöpfe baumeln von den Rucksäcken. Nichell wird einmal mehr bewusst, „dass es nicht immer das Beste vom Besten sein muss“, und so steigt er weiter durch einen feuchtkalten Bergwald.

Es ist eine Reise der gewollten Schlichtheit, die Nichell da gemacht hat: Mit 18 Jahren bricht er auf, gen Südamerika, mit gerade einigen Hundert Euro in der Reisekasse und dem Anspruch, sich ausschließlich durch Trampen fortzubewegen. Er hat ein Buch darüber geschrieben, „Volles Glück voraus“ ist es betitelt. Fragt man den heute 23-Jährigen, in Mainz geboren und in Landau studierend, was ihn da getrieben hat, bei einer Reise, die eine Reise ins ganz große Blaue war, dann sagt er: „Träumen, staunen und vertrauen – und sich begegnen.“ Er kommt aus einem Theologenhaushalt und studiert selbst katholische Theologie und Naturschutzbiologie. Ohne Gottvertrauen wird wohl alles schwer, das Reisen ohne Geld allemal.

Per Segelboot nach Kolumbien

Im Prinzip hat er gerade mal ein Survival-Wochenende im heimischen Mischwald hinter sich, als er sich entschließt, nach dem Abitur zum ganz großen Abenteuer aufzubrechen. Fliegen will er nicht zum Traumziel, „ökologischer Fußabdruck“. Und so trampt er eben, erst nach Benidorm und dann als Mitfahrer auf Segelbooten: Es gibt Internetbörsen, in denen Skipper nach zusätzlichen Händen suchen. Auf den Zwischenstationen wie auf der Insel Guadeloupe sucht er teilweise über Aushänge am Hafen nach Mitfahrgelegenheiten – oder er stellt sich an den Pier und singt sein Ziel. Sieben verschiedene Segler werden ihn über den Atlantik bringen. Am 225. Tag setzt er in Cartagena de Indias in Kolumbien den Fuß aufs südamerikanische Festland. Und tritt zu seiner eigentlichen Reise an – einer Reise, die er auf Wanderschaft zurücklegen wird oder als Tramper in um die 700 Fahrzeugen – und bei der er morgens eher selten weiß, „wo ich abends schlafe“. Die Kunst dabei, bei der Tour ins Ungewisse, beim Umgang mit den Menschen, die er auf seiner Reise trifft: „So viel Vertrauen zu schenken, dass die anderen auch Vertrauen schenken“, sagt er.

„Lernen müssen, Geschenke anzunehmen“

Er wird auf seiner Reise nach Patagonien im südamerikanischen Westen von Pkw und Lastwagen mitgenommen, einmal sogar vom Militär, ein anderes Mal von einem chinesischen Goldsucher. Er übernachtet im Freien oder in Gästezimmern, er schläft bei vergleichsweise wohlhabenden und bei bettelarmen Menschen. In Ecuador kommt er bei einer vierköpfigen Familie unter, die in einem Rohbau lebt und in einem Bett schläft, für mehr fehlt das Geld, das Dach ist aus Wellblech. Hat er da als Reisender aus dem vergleichsweise unendlich reichen Deutschland und am Tisch der Ärmsten nie Zweifel am Konzept seiner Reise, des Reisens ohne Geld? Es sind Geschenke, die ihm die Menschen gemacht haben, sagt er. „Ich habe selbst lernen müssen, die Geschenke anzunehmen“.

Er übernimmt kleinere Arbeiten auf seiner Tour, pflegt die Gärten seiner Gastgeber oder übernimmt das Kochen. In Patagonien kommen er und sein Bruder, mit dem er zeitweise reist, bei einer Frau unter, die zunächst nur zögerlich hilft und die beiden dann fast nicht mehr weglassen will. Es ist wohl ein einsames Leben am Ende der Welt und manchmal ist menschliche Gesellschaft das größte Geschenk.

Am 506. Tag seiner Reise steht er am Ende der Straße nach Süden. Er hat es geschafft: per Anhalter von Mainz nach Feuerland. Er wird weitere 130 Tage brauchen, bis er wieder zu Hause ist.

„Träume!“, lautet eines der Resümees seiner Reiseerzählung, „Sei dankbar!“ ein anderes. Er ist nach Südamerika gereist, und eigentlich war das, so ein Untertitel seines Buches, eine „Reise ins Vertrauen“. „Ich hatte auch sehr viel Glück“, sagt er. Die vier kolumbianischen Jungs in Gummistiefeln hat er nie wieder gesehen. Oben auf dem Paramó-Plateau angekommen, hat er sich nach ihnen erkundigt. Niemand hatte etwas von ihnen gehört.

Das Buch vom Trampen

Joshi Nichell: „Volles Glück voraus“. Adeo, 2020, 20 Euro. Der Band ist auch signiert über seine Homepage bestellbar: www.joshinichell.de. Dort finden sich auch die Termine der Multimedia-Vorträge, die er zu seiner Reise hält, sowie Informationen über seine Tätigkeit als Tierfilmer und Naturfotograf.

So lebt man, wenn man in Ecuador arm ist: Nichell mit der vierköpfigen Familie, in deren halb fertigem Haus er übernachten durft
So lebt man, wenn man in Ecuador arm ist: Nichell mit der vierköpfigen Familie, in deren halb fertigem Haus er übernachten durfte.
x