Merzalben / Landau
40-Stunden-Fährte: Die Königsdisziplin im Hundesport
Ein angefahrenes Reh liegt irgendwo im Pfälzerwald und kann nicht mehr aufstehen – 40 Stunden sind bereits vergangen. Jetzt sind Jagdhunde mit ihren Führern gefragt. Diese Situation ist das Übungsszenario der „Verbandsschweißprüfung Pfälzerwald“. Drei Jagdhundeführer aus Birkweiler, Landau-Godramstein und Edenkoben haben sich in sengender Hitze im südwestpfälzischen Merzalben einer der anspruchsvollsten Prüfungen bundesweit gestellt. Alle drei Gespanne erreichen das Ziel.
Ralph Fischlhammer aus Birkweiler und seine Springer Spaniel Hündin „Luise vom Jägerhof“ stehen vor einer großen Herausforderung. Sie müssen eine 40-Stunden-Fährte meistern, die als Königsdisziplin im Hundesport gilt. Hierbei werden höchste Anforderungen an Hund und Hundeführer gestellt. Die Durchfallquote bei dieser Prüfung ist hoch. Vom Suchenlokal, der Merzalber Pfälzerwaldhütte, fahren die beiden Südpfälzer zum ehemaligen Katharinenhof zwischen Hinterweidenthal und Hauenstein. Dort, im Revier, findet die anspruchsvolle Prüfung statt.
Luise beweist Spürnase
Fischlhammer und seine Jagdhündin Luise stehen vor einer besonderen Herausforderung. Sie müssen auf einer simulierten Fährte ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Ein paar Knochensplitter und etwas Fell markieren den Anschuss, der sich in einem 30 mal 30 Meter großen „Anschussquadrat“ befindet.
Für die menschlichen Teilnehmer ist außer Flora und Fauna nichts zu erkennen. Doch Luise, die Jagdhündin, hat eine feine Nase, die sie auf der 1000 Meter langen Fährte dringend benötigt. Fischlhammer ist ein routinierter Teilnehmer; es ist seine vierte Teilnahme an diesem Wettbewerb, jedoch die erste auf der anspruchsvollen 40-Stunden-Fährte. Die Wartezeit von 9.30 bis 11.45 Uhr nutzt der erfahrene Weidmann und Hundetrainer, um sich und Luise vorzubereiten.
Um 11.50 Uhr beginnt der Wettkampf: Nach einer kurzen Einweisung durch einen Richter geht es zum Anschussquadrat. Luise sucht, schnüffelt und findet den Anschuss zielsicher. Doch die kluge Jagdhündin scheint zu bemerken, dass es sich um keine echte Schweißspur – die Blutspur im Jägerlatein – handelt.
Die Arbeit am Schweißriemen, der langen Hundeleine, beginnt zäh. Luise, die Spürhündin, verliert einmal die Fährte, weil ihr Führer einen Fehler macht. Statt durchs Gestrüpp zu gehen, wie Luise es anzeigt, wählt er eine Rückegasse. „Da ist doch keiner durchgegangen, um eine Fährte zu legen“, denkt er irrtümlich. Nach etwa 50 Metern hebt Luise den Kopf und zeigt, dass sie auf einer falschen Fährte sind. Damit verhindert sie knapp einen „Abruf“ durch die Richter. Ein Abruf erfolgt immer, wenn das Gespann längere Zeit auf der falschen Fährte ist. Nach drei Abrufen wird die Prüfung vorzeitig beendet. Den Rest der Strecke meistert das Gespann souverän. „Ich war unsicher, der Hund nicht“, stellt der 63-jährige Qualitätsmanager am Ziel fest. Luise erhält den obligatorischen Eichenzweig ans Halsband und ein großes Lob vom Herrchen. Das Gespann wird als bestes der fünf Teilnehmer auf der 40-Stunden-Fährte ausgezeichnet.
Sieben Einsätze absolviert
Das Godramsteiner Gespann Martin Wilke und seine deutsche Wachtelhündin Ronja warten geduldig auf den Start der Prüfung. Sie nutzen die Zeit von 9 Uhr bis 12.30 Uhr für einen Spaziergang und eine Schwimmeinheit für Ronja. Das kleine Bächlein im Prüfungsareal bietet der Hündin dabei eine willkommene Abkühlung. Martin Wilke, ein 46-jähriger Forstwirtschaftsmeister, ist seit 1995 leidenschaftlicher Jäger und Hundeführer. Seine Hündin Ronja hat bereits sieben reale Einsätze erfolgreich gemeistert und ihre Fitness unter Beweis gestellt. Auch heute soll sie ihre Fähigkeiten unter „Laborbedingungen“ zeigen.
Um 12.30 Uhr beginnt die Prüfung für das Gespann. Innerhalb kürzester Zeit findet Ronja den Anschuss. Doch die Hündin hat ihren eigenen Kopf und erkennt schnell, dass es sich um eine künstliche Fährte handelt. Dementsprechend geht sie lustlos ans Werk. Ein Richter merkt später an, dass Ronja, wäre sie ein Rüde, den Anschuss markiert hätte. Damit zeigt er deutlich, dass Ronja keine große Lust auf die Prüfung hat.
Wilke spielt seine Routine aus. „Entweder wir kommen zum Stück oder nicht“, sagt er sich. Gleich zu Beginn erfolgt der erste Abruf. Zurück auf „Los“ heißt es bei Monopoly, zurück zum Anschuss für Ronja und Wilke. Als ob Ronja gewusst hätte, dass es jetzt um alles geht, meistert sie die im wahrsten Sinne des Wortes schweißtreibende Arbeit. Nach 1:15 Stunden haben sie es geschafft. Wasser für Ronja und ein Leckerli inklusive.
Erfolgreiche Premiere
Eine erfolgreiche Premiere feiert auch Fritz Sacher aus Edenkoben mit seinem Westfalen-Terrier „Diego von der Waldeslust“ auf der 20-Stunden-Fährte. Nach fünf Stunden Warten auf die Prüfung und sengender Hitze, die Hund und Führer einiges an Ausdauer abverlangt hat, meistert Diego nach einer halben Stunde Schnüffeln die Fährte – und das trotz einiger Verleitungen, das sind quasi falsche Spuren, die durch querendes Wild – heute eine Rotte Wildschweine – entstehen. Als Belohnung gibt es für Diego ebenfalls ein Leckerli. Am Ende erhält das Gespann den Wanderpokal als bestes auf der 20-Stunden-Fährte.
„Eine Fährte hat fast zwei Stunden gedauert, es ging bergauf und bergab und das bei großer Hitze und trotz vieler Verleitungen“, betont Kreisjagdmeister Rolf Henner, der als Prüfer auf der 40-Stunden-Fährte tätig ist. Fünf von acht Gespannen auf der 40-Stunden-Fährte haben den Rehbock aufgestöbert, auf der 20-Stunden-Fährte finden letztlich sieben von zehn Gespannen zum Ziel.