Landau RHEINPFALZ Plus Artikel 22-jähriger spricht mit seinem geflüchteten Großvater über die Einheit

Der Jubel war 1990 groß. Unser Autor hat davon nix mitbekommen – er war noch nicht geboren.
Der Jubel war 1990 groß. Unser Autor hat davon nix mitbekommen – er war noch nicht geboren.

Lange bevor die Mauer fiel, flüchtete sein Opa aus der DDR in die Pfalz. Er wurde Verwaltungsmann in Edenkoben. Sein Enkel David Zittel wurde nach der Wende geboren. Wie blicken er und sein Großvater auf das 30. Fest der Deutschen Einheit?

„Was fällt dir zum Thema Deutsche Einheit ein?“, fragt mich die stellvertretende Redaktionsleiterin Sabine Schilling. Die Frage kommt völlig unerwartet. „Ähm, Wiedervereinigung ...“, antwortet ich leicht stammelnd. Nach dieser sehr dürftigen Antwort gibt sie mir dennoch den Auftrag, einen Text zum Nationalfeiertag zu schreiben. Um ehrlich zu sein, habe ich mich noch nie wirklich gefragt, was mir die deutsche Einheit bedeutet. Ich bin 22 Jahre alt. Ein getrenntes Deutschland habe ich nie erlebt.

Mir schwirren Sätze wie „symbolisches Ende des Ost-West-Konflikts“ und „Triumph des Kapitalismus über den Kommunismus“ durch den Kopf, nachdem Schilling den Raum verlässt. Das sind wohl noch Überbleibsel aus dem Geschichtsunterricht. Das Thema hat mich nie betroffen. Ich habe in meinen jungen Jahren nie wirklich große Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland gesehen. Man weiß zwar, dass der Osten noch strukturell etwas schwächer ist, aber die Wirtschaftszahlen gehen seit der Wende stetig bergauf.

Die Einheit ist Normalität

Und klar, 2018 gab es die Leute aus Chemnitz, die eine Rechtsextremismusdebatte über die Zustände in den ostdeutschen Bundesländern ausgelöst haben. Aber mal ehrlich: Leider gibt es die überall. Was ich damit sagen will: Zwischen Ost und West wird in meiner Generation nicht so stark differenziert. Die Deutsche Einheit ist vor allem für junge Menschen, die sich nicht mit dem historischen Kontext befassen, völlige Normalität.

Doch was bedeutet der Tag für Menschen, die dabei waren? Für die, die flüchten mussten, um dem diktatorischen Regime der Sozialistischen Einheitspartei zu entkommen?

Mein Großvater Horst Treichel wurde 1941 in Theißen, im heutigen Sachsen-Anhalt, geboren und flüchtete zusammen mit seiner Mutter und den Geschwistern 1951 in die Pfalz nach Edenkoben. Sein Vater, Bruno Treichel, war eines Morgens von einem Arbeitskollegen gewarnt worden, er solle fliehen, da man ihn wegen Sabotage anschuldigen wolle. Der Vater floh daraufhin ohne die Familie in den Westen. Um ihm nachzureisen, verkaufte die Mutter die restlichen Sachen aus der Wohnung, packte die sieben Kinder ein und begann die beschwerliche Reise.

An der Grenze von Soldaten geschnappt

Zuerst wollte man nach Berlin, um von dort ausgeflogen zu werden. Die Flüchtlingslager waren allerdings überfüllt und dreckig und man hätte ein halbes Jahr warten müssen. Also entschloss sich die Familie, selbst über die Grenze zu gehen. Als man in der Nacht versuchte, bei Helmstedt über die Grenze zu gelangen, wurde die Familie von Grenzsoldaten geschnappt und an den Bahnhof gebracht. Von dort hätte es nach Theißen zurückgehen sollen. Die Familie nutzte einen Moment der Unachtsamkeit der Soldaten und flüchtete über die Gleise. Sie schafften es schließlich in den Westen.

Nachdem sie sich dort gemeldet hatten, wurde die Familie in verschiedene Lager und Notunterkünfte gebracht, bis ihre Reise schließlich in Edenkoben endete, wo auch der Vater war. Die Geschichte kannte ich natürlich bereits. Sie hat auch wenig mit der Wende zu tun.

Nach der Flucht war mein Großvater noch einige Male in der DDR, um seine älteste Schwester zu besuchen, die dort geheiratet hatte. „Die Lebensumstände waren anders“, berichtet er mir. Der Druck und die ständige Überwachung seien große Probleme gewesen – ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen Umständen. „Es gab einfach nichts.“ Dann berichtet er von der Wende und der Einheit. Das hörte ich zum ersten Mal, es war nie Thema gewesen.

Respekt vor den Aufrechten von 1989

Als die Nachricht kam, dass die Mauer gefallen ist, sei er überwältigt gewesen. „Es war kaum zu glauben“, erinnert er sich. Als Kämmerer von Edenkoben half er mit, die Verwaltung in Doberschütz, in der Nähe von Leipzig, direkt nach der Wende „auf Vordermann zu bringen“, wie er sagt. Es habe andere Standards gegeben. Mittlerweile unterscheidet mein Großvater nicht mehr zwischen Ost und West. Die deutsche Einheit ist für ihn sehr wichtig und wertvoll. Ich merke, welch großen Respekt er vor den Menschen hat, die 1989 auf die Straße gingen.

Ich lerne, dass auch die ältere Generation immer weniger in Ost und West einteilt. Wichtig ist aber, sich der Geschichte zu erinnern. Denn der Wohlstand, den wir heute genießen, war nicht selbstverständlich. Und in vielen Ländern ist er das noch immer nicht.

Der Autor

Der Landauer David Zittel ist 22 Jahre alt, ist Mitarbeiter der RHEINPFALZ und will ab November an der Universität in Freiburg Geschichte studieren.

David Zittel
David Zittel
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