Lokalsport Südpfalz
Sportstypen: „Draußen gibt es keine Regeln“ – Benjamin Reiser bringt Selbstverteidigung bei
Würden Sie diesem Mann Ihr Leben anvertrauen? Das müssen Sie nicht, Sie können bei ihm lernen, sich zu verteidigen. Der 37-jährige Benjamin Reiser aus Silz bringt seiner Gruppe in Landau das Progressive Fighting System bei. Das realitätsnahe Training scheint besonders Frauen abzuschrecken. Warum?
In einem kleinen Bad steht ein tätowierter Mann mit verschmierter Hose. Er setzt eine Fliese neben die andere, betreibt Maßarbeit. Kann ein Fliesenleger, der meist allein arbeitet, einen Selbstverteidigungskurs mit 15 Leuten leiten? Benjamin Reiser aus Silz kann das. Am 19. Oktober veranstaltet der 37-Jährige das nächste Streetfight-Seminar.
Er ist Fliesen-, Platten- und Mosaiklegermeister und renoviert aktuell Bäder in einem Hotel in Landau. Sein Geschäft in Silz hat er seit zehn Jahren. Die Aufträge kommen reihenweise rein. „Die Leute müssen teilweise drei Monate warten. In der Regel mache ich exklusivere Sachen wie drei Meter große Fließen oder Beschichtungen aus Betonoptik“, erzählt er. Die nächste Fliese passt. Gerne hätte er auch Azubis, um sein Wissen weiterzugeben. „Wenn ein Fähiger und Williger käme, würde ich auch ausbilden. Aber es herrscht Handwerkermangel und die Tendenz geht zum Studieren“, sagt er.
Doch wie kommt ein Typ wie Reiser zum Fliesenlegen? Zuvor hatte er studiert. Fünf Semester, Bauingenieurwesen. Er hatte sogar ein Stipendium. Mit einem Schnitt von 2,1 brach er ab: „Es brachte mir nicht das, was ich mir erhofft habe“, sagt er. Also ging er in die Lehre beim Vater. In dessen Betrieb arbeiten wollte er nicht. Er machte lieber seinen eigenen auf.
Weder Kunst noch Sport
Nach der Arbeit geht es weiter. Fünfmal pro Woche macht er Sport. Den Tattoos auf seinem Hals, auf der einen Seite Bruce Lee, auf der anderen Dan Inosanto, ist klar zu entnehmen welchen: Kampfsport. Zweimal pro Woche geht er ins Karate-Training mit dem achtjährigen Sohn, ein- bis zweimal leitet er eine Selbstverteidigungsgruppe im Landauer Turnerheim, und zusätzlich macht er Krafttraining. Inspiration war seine Kindheitsheld Bruce Lee. „So fängt man in jungen Jahren an, seinen Ikonen nachzueifern“, sagt er. Mit 17 Jahren ging es los mit chinesischer Kampfkunst. Dann probierte er Krav Maga, schließlich kam er zu dem, was er heute macht: PFS.
Das israelische Selbstverteidigungssystem Krav Maga, was übersetzt Kontaktkampf heißt und aus Schlag-, Tritt-, Griff- und Hebeltechniken besteht, klingt schon hart. Für Reiser nicht hart genug. Oder wie er es ausdrückt: zu realitätsfern.
Büroleute und Handwerker
Seit einem Jahr unterrichtet er PFS, einen Selbstverteidigungskurs, der vom Jeet Kune Do, der Kampfkunst Bruce Lees, beeinflusst ist. „Es ist weder Kampfsport noch Kampfkunst. Es ist Selbstverteidigung mit mehreren Kampfkünsten wie Thai-Boxen, Wing Chun und Bodenkampf“, sagt Reiser. Wichtig sei die Realitätsnähe. Zumindest wird diese simuliert. Seine Gruppe trainiert mit Schienbeinschonern, Tiefschutz, Mundschutz, Kopfschutz und Handschuhen. „Ich kann nicht realistisch trainieren, wenn ich die anderen nicht treffen darf und das geht nur mit Schutzausrüstung. Sonst höre ich vor dem Schlag auf und habe draußen auch Hemmungen“, sagt der Fliesenleger. „Draußen gibt es keine Regeln wie im Sport. Du musst der Erste sein, der zuschlägt, und du darfst nicht aufhören zu schlagen.“
Seminar am 19. Oktober
In seiner zehn bis 15-köpfigen Gruppe sind Büroleute und Handwerker von 16 bis 59 Jahren. „Man ist nie zu alt dafür“, sagt Reiser. Er selbst bildet sich stetig weiter, besucht europaweit Seminare und verbessert seine Lizenzen. Die nächste soll die für Military Edged Weapons sein, eine Prüfung für Militär und Polizeieinheiten, bei der mit scharfen Messern hantiert wird. Auch in seinem eigenen Training simuliert er Stresssituationen, zum Beispiel mit Aluminium-Messern.
Am 19. Oktober veranstaltet der Familienvater zum zweiten Mal in diesem Jahr ein Seminar für effektive Selbstverteidigung in der Halle auf dem Landauer LGS-Gelände. „Da geht es nur um den Streetfight“, sagt Reiser. „Wir zeigen den Teilnehmern drei bis vier Sachen, die sie direkt weiterbringen.“ Das sind zum Beispiel spezielle Schlagtechniken in Richtung Augen, Kehlkopf und Genitalien. „Die kann man nicht wie Muskeln trainieren. Die tun immer weh und geben dir die Möglichkeit zu flüchten“, sagt Reiser. Zur Unterstützung lädt er sich Ahmet Kaydul, einen Großmeister aus Nürnberg ein.
Für eine Woche vorgekocht
30 Leute, einige aus der Schweiz, Frankfurt und Hamburg, kamen zum ersten Seminar. Reiser erzählt von einem Teilnehmer, der aus dem Nichts in einem Laden 16 Messerstiche von einem Drogensüchtigen abbekommen habe. „Er konnte seinen Gegner zwar zu Boden bringen, seine Hemmschwelle war allerdings zu groß, um ihn platt zu machen“, sagt Reiser. Zum Seminar kommen wenige Frauen. „Das Realistische schreckt viele Frauen vielleicht ab. Aber damit muss ich leben“, sagt Reiser. „Frauen müssen im Training auch mit Männern trainieren, denn der Gegner draußen ist meist eher ein Mann.“
Da viele Frauen lieber untereinander trainieren wollten, will Reiser zukünftig Kurse für Frauen anbieten: „Das ist besser, als wenn sie gar nichts machen.“ Er bringt dann Männer als Trainingspartner mit.
Sein Training in der Gruppe ist für Personen ab 18 Jahren ausgelegt. Ab zwölf Jahren dürfen Kinder kommen, wenn ihre Eltern sie begleiten. In Silz gibt er auch Privattraining im eigenen Kellerraum.
Arbeit und Sport bestimmen das Leben des 37-Jährigen. Bleibt da noch Zeit für die Familie? „Dafür nehme ich mir das Wochenende. Auch wenn ich da oft Lehrgänge habe oder zu meinem Trainer nach Nürnberg fahre“, sagt er. „Dafür brauchst du auch eine gute Frau. Die habe ich.“ Reisers Frau besucht ebenfalls Selbstverteidigungskurse. „Sie ist so eingestellt wie ich und findet es gut, was ich mache“, sagt er. Seine Kinder sind acht und elf Jahre alt.
„Wir wohnen in Silz, sie fahren allein mit dem Bus zur Schule nach Landau. Man hört ja so einige Sachen momentan. Da macht man sich schon seine Gedanken“, sagt er. Auch Reisers Frau, Erzieherin, bekommt viele Streitigkeiten mit. „Sie will, dass ich unseren Jungs etwas beibringe“, sagt er.
Bei seiner Ernährung hat er einen klaren Plan: „Ich wiege mein Essen immer ab und koche einmal pro Woche alles vor.“ Dem Selbstverteidigungslehrer ist es wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen: „Du kannst als Trainer keine Plauze haben. Da nimmt dich keiner ernst.“ Felix Schönhöfer