Lokalsport Südpfalz
Sportsmänner: Zweimal bei der ersten Liebe FCK – Heute liebt Thomas Hengen die rheinische Kultur
Aachen scheint sowas wie die zweite Heimat Thomas Hengens zu sein. Im Sommer 2004 wechselte er vom 1. FCK zur Alemannia – und konnte dort kein Pflichtspiel bestreiten. Die Hüfte! Anfang 2006 gab er sein Karriereende bekannt. Seit März ist er Sportdirektor des Clubs, der 2006/07 noch einmal in der Bundesliga spielte und 2013 in die Regionalliga abstieg.
Hengen ist ein „Rülzheimer Bub“. In Rülzheim aufgewachsen, durchlief er dort bis zur C-Jugend die Jugendmannschaften. „Damals hatte der SVR nicht so viele Jugenden, sodass ich von Beginn an mit Jungs zusammenspielte, die drei, vier Jahre älter waren als ich“, erinnert er sich.
Fahrdienst und Kevin Keegan in Bellheim
In der C-Jugend wurde er abgeworben. Der FC Phönix Bellheim, der damals in der Südpfalz zusammen mit Offenbach die beste Jugend stellte, meldete sich. Es war wohl die richtige Wahl: „Damals hatte Bellheim schon Fahrdienst für die Jugendspieler eingerichtet und auch einen Vertrag mit einem Sportartikelhersteller für alle Jugenden. Da war alles top organisiert. Ich kann mich noch erinnern, einmal war sogar Kevin Keegan in Bellheim und hat da mit den Jugenden trainiert. Das war schon etwas Besonderes damals.“
Den Schritt von Bellheim zum FCK tat Hengen Ende der C-Jugend. Er war Ernst Diehl, dem damaligen Jugendleiter des FCK, bei einem Auswahlturnier aufgefallen. „Rudi Merk (Vater des ehemaligen Fifa-Schiedsrichters Markus Merk, Anm. d. Red.) hat dann damals meinen Vater angerufen und uns auf den Betze eingeladen. Damals war das ja noch nicht, dass man ins Internat in Lautern gehen konnte, da musste mich mein Vater fast jeden Tag hin- und herfahren. Er hat sich für mich sehr eingeschränkt und hat dann damals zu mir gesagt: Wenn du das willst, dann machen wir das.“
Ausbildung bei Schloss Wachenheim
Nach der ersten Saisonhälfte in der B2-Jugend des FCK stieß Hengen zur B1, die in der höchsten Jugendliga spielte. Damaliger Weggefährte war Johannes Ruth, mit dem er noch heute eine enge Freundschaft pflegt. „Thomas war schon damals eine Art Dirigent. Er ließ keinen Ball unkommentiert und half damit oft seinen Mitspielern. Er war nie der größte Athlet, machte das aber mit Übersicht und Technik wett“, erzählt Ruth.
Hengen verließ sich aber nicht darauf, Profifußballer zu werden. Er absolvierte mit 16 eine Ausbildung bei Schloss Wachenheim. „Weil Schloss Wachenheim Partner vom FCK war, war es damals auch einfacher, eine Ausbildung zu machen. Jedoch habe ich mir vor der letzten Prüfung die Mittelhand gebrochen. Mündlich war nicht gestattet, und so hätte ich ein Jahr länger warten müssen“, sagt Hengen. „Das hat mich damals schon geärgert: Wenn ich was mache, dann mache ich es richtig und fertig, auch wenn ich hegen Ende schon einen Jungprofivertrag unterschrieben hatte.“
Die erste FCK-Zeit
Von 1992 bis 1996 dauerte Hengens erste FCK-Zeit. In der Defensive konkurrierte er mit Andreas Brehme und Miroslav Kadlec um einen Stammplatz als Libero. Obwohl Hengen in dieser Zeit kein Stammspieler war, bezeichnet er es als eine seiner schönsten Stationen: „Meine emotionalsten Spiele waren in dieser Zeit mein erstes Tor in Wattenscheid, mein erstes Bundesligaspiel von Anfang an gegen den 1. FC Nürnberg und natürlich auch der Abstieg 1996 am letzten Spieltag gegen Bayer Leverkusen. Das vergisst man nicht. Außerdem war die Kameradschaft eine ganz andere als heute, was auch ein Stück weit mit den Smartphones zusammenhängt. Damals saß man fast jeden Abend zusammen und spielte Karten, alleine auf dem Zimmer war man fast nie.“
Südpfälzer Kartoffeln und Gemüse
Auch sein Freund Johannes Ruth kann ich sich gut an diese Zeit erinnern: „Als er Profi wurde, spielte ich noch in der A-Jugend. Thomas kannte in Lautern noch nicht wirklich jemanden, er wohnte erstmals in seinem Leben alleine, dementsprechend war der Kühlschrank bei ihm auch meistens leer. Da luden wir ihn dann immer zu uns zum Essen ein. Irgendwann war es dann so weit, dass er schon am Tisch saß, als ich erst aus der Schule kam - meist mit den Worten: Wo bleibst du endlich, ich hab’ so einen Hunger! Bei den Heimspielen auf dem Betzenberg kamen dann auch immer seine Eltern und parkten bei uns vor der Garage. Da gab es dann auch oft Rülzheimer Kartoffeln und frisches Gemüse aus der Südpfalz.“
In seinem vorerst letzten Spiel für den FCK gewann die Mannschaft den DFB-Pokal. Der Karlsruher SC, der einen Ersatz für Jens Nowotny suchte, war seine nächste Station. Nach dem Abstieg des KSC 1998 wechselte er zu Borussia Dortmund.
Konkurrenzkampf in Dortmund
Bei Dortmund spielte der damals 24-jährige Hengen nie eine große Rolle. Bereuen tut er diesen Schritt dennoch nicht: „Zum damaligen Zeitpunkt war es auf jeden Fall richtig. Als Sportler will man sich immer mit den Besten messen und beim BVB kam ich dem Ziel halt am nächsten. Wir hatten damals glaube ich 33 Spieler im Kader, das waren eigentlich viel zu viel, um alle bei Laune zu behalten. So war das Niveau dann halt auch auf dem Trainingsplatz, weil jeder besser sein wollte als seine Konkurrenten. Als Dortmund dann auch Michael Skibbe als Trainer verpflichtet hat, hatte ich ohnehin einen schweren Stand. Trotzdem habe ich eigentlich nie gehadert, auch dann später, als plötzlich vermehrt Verletzungen kamen.“ 1999 lieh Dortmund ihn an Besiktas Istanbul aus, im Dezember war Hengen wieder da: Der VfL Wolfsburg wollte ihn und zog nach der Saison eine Kaufoption.
Hengen hat bei fast allen Stationen mit Ausnahmefußballern zusammengespielt, da ist es schwer, zu entscheiden, wer der beste Mitspieler war. „Da gibt es viele hervorragende Kicker. Zum einen bleibt mir heute noch Thomas Häßler in Erinnerung, weil er nach jedem Training Freistöße trainiert hat bis zum Umfallen. Dann noch aus meiner Zeit beim BVB Paulo Sosa und Julio César. Paulo Sosa hatte so eine herausragende Technik, der hat im Training gefühlt nie den Ball verloren. Julio war damals in der Abwehr ein richtiger Turm, da war nach der Mittellinie meistens Schluss. Und der wahrscheinlich kompletteste Spieler, mit dem ich zusammengespielt habe, war Ciriaco Sforza, der war damals schon ein sogenannter Box-to-Box-Spieler, er war sowohl vorne als auch hinten richtig gut.“
Zweiter Frühling
Nach zwei Spielzeiten beim VfL Wolfsburg zog es Hengen dann wieder zurück an seine alte Wirkungsstätte auf dem Betzenberg. Von 2001 bis 2004 erlebte er dort seinen zweiten Frühling und wurde sogar zum Spielführer ernannt. „Im zweiten Jahr nach meiner Rückkehr fing es dann an mit den Verletzungen. Bei einem Routineeingriff am Meniskus bekam ich im Krankenhaus einen Infekt und fiel ewig aus. Ich habe ab dann immer gemerkt, dass es fußballerisch nie mehr so war wie vor der Operation.“ Das sei dann schon schwierig gewesen, auch für den Kopf. Im Januar 2004 gab der FCK bekannt, dass er den Vertrag mit Hengen nicht verlängern wird.
Als Scout unterwegs
Als Hengen im Sommer 2004 zu Alemannia Aachen wechselte, wurde Hüftarthrose diagnostiziert. Heute lebt Hengen immer noch dort: „Diese rheinische Kultur, die Offenheit und die direkte Art der Menschen hat mir schon immer gefallen, daher lebe ich nach wie vor dort.“
Nach drei Jahren als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums und als Trainer der U23 (2006 bis 2008) war Hengen Scout für Clubs wie Eind-hoven, Everton, West Ham United und den Hamburger Sportverein. Kurz vor der Covid-19-Pandemie übernahm er das Amt des Sportdirektors von Fuat Kilic. Nach 24 Spieltagen lag Aachen auf dem sechsten Platz.