Lokalsport Südpfalz
Sportmedizin: Die kleinen Wunder von Mike Steverding
Guten Tag, was können wir für Sie tun? So stellt man sich die erste Begegnung von Physiotherapeut und Patient in einer Praxis vor. Bei Mike Steverding, der in Landau und Herxheim tätig ist (MS Sportreha), den Profis aus vielen Sportarten aufsuchen, und Julian Baumgartlinger fiel die Begrüßung wohl anders aus. Klar hatte Steverding von der Verletzung Baumgartlingers beim 0:1 von Bayer Leverkusen gegen Wolfsburg erfahren. „Baumgartlinger liegt nach einem Zweikampf am Boden und fasst sich ans Knie. Das sieht nicht gut aus und geht wohl auch nicht weiter“, berichtete ein Sportmagazin am 23. Januar. Steverding und der 33-jährige Salzburger kennen sich schon viel länger. „Der Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft begleitet mich, oder ich ihn, seit 15 Jahren“, erzählt Steverding. Vor 15 Jahren war er Athletiktrainer der österreichischen U21-Auswahl.
Noch am selben Abend Kontakt
1860 München, Austria Wien, Mainz 05 und aktuell Bayer Leverkusen – Steverding zählt die Stationen des Fußballers schnell auf. Beim Nationalteam sei dieser als Athlet und Spieler und vor allem als Mensch ein wichtiger Faktor. „Daher ist es auch unser aller Wunsch und das größte Ziel, den Kapitän auf alle Fälle bei der Europameisterschaft dabei zu haben“, sagt Steverding. Schon bei der Spielbeobachtung Ende Januar im Fernsehen hatte er die Befürchtung, dass Baumgartlingers vorderes Kreuzband verletzt sein könnte. „Noch am selben Abend hatten wir telefonischen Kontakt, um das weitere Prozedere abzustimmen. Am nächsten Tag schon war die Diagnose bestätigt: Ruptur des vorderen Kreuzbandes links.“
Für einen Fußballer vier Monate vor Beginn der EM-Vorbereitung der schlimmste Fall. „Mit seinen 33 Jahren war klar, so ganz viele Großereignisse dieser Güte wird er als Spieler nicht mehr spielen können. Daher war seine Bitte: Gibt es eine Möglichkeit, dieses Ziel in dieser kurzen Zeit, seriös zu erreichen?“, erzählt der Spezialist für schwierige Fälle.
Methode im American Football
Steverding erläuterte ihm verschiedenen Methoden. „Es war schnell klar, es kommt nur eine Methode infrage, die vor allem im American Football eingesetzt wird, allerdings noch nicht so bekannt ist. Diese Technik nennt sich ,internal Brace’. Dabei wird das eigene vordere Kreuzband erhalten und mit einer Tight Rope, einem künstlichen ,Seil’ aus bioverträglichem Material, geschützt.“
Steverding erklärt die Bedeutung: „Dadurch kann man in der Rehabilitation schon viel früher in Belastungsbereiche gehen wie bei einem traditionellen Bandersatz und erhält sich auch die körpereigenen Eigenschaften des eigenen Kreuzbandes.“
Am 25. Januar wurde Baumgartlinger von einem Kniespezialisten in München in enger Absprache mit dem Verein erfolgreich operiert.
Test 14 Wochen nach OP bestanden
„In einer Task Force aus Operateur, mir als koordinierendem Therapeuten, dem Verein, der medizinischen Abteilung von Bayer Leverkusen und dem Athleten, haben wir einen sehr engen 16-Wochen-Reha- und Trainingsplan erstellt, der den Athleten bis zu Beginn der EM-Vorbereitung zur Wettkampftauglichkeit führen sollte“, schildert Steverding die Vorgehensweise. Etwa alle vier Wochen kam der Fußballprofi für drei Tage nach Landau zu Therapie, Training und Leistungstests. „Täglich haben wir dann den Verlauf besprochen und, immer wieder an den Entwicklungsschritten orientiert, gesteuert.“
Die Abschlussuntersuchung habe Baumgartlinger mit Bravour absolviert und seine Return-to-Competetive-Training-Testung bestanden, erzählt Steverding. „Er ist in allen konditionellen sowie seinen sportmotorischen Fähigkeiten und seinen Gelenkfunktionen soweit entwickelt, dass er in den nächsten zwei Wochen in das freie Mannschaftstraining bei Bayer Leverkusen zurück kann.“ Einen solchen körperlichen Stand, 14 Wochen nach einer Kreuzbandoperation, habe er in seiner Karriere noch nicht erleben dürfen.
Laimers lange Leidenszeit
Eine längere Leidenszeit liegt hinter Konrad Laimer von RB Leipzig. Der Österreicher verletzte sich während des Champions-League-Viertelfinals im Mai 2020 leicht. Nach diesem Spiel hatte er immer wieder Beschwerden im rechten Knie. „Durch Behandlungen und Trainingssteuerung versuchte sein Verein, dieses Problem zu beherrschen, damit der wichtige Mittelfeldmotor und Stammspieler auch im Halbfinale der Champions League eingesetzt werden konnte“, erzählt Steverding. „Nach diesem Spiel waren dann die Beschwerden so groß, dass tatsächlich erst einmal mit einer Trainingspause reagiert wurde.“ 0:3 verlor Leipzig gegen Paris Saint-Germain. Nach einer Stunde musste Laimer hinaus.
Neben Behandlungen und vielen diagnostischen Methoden konnte nicht wirklich die Ursache für die Beschwerden festgestellt werden. Eine Verbesserung blieb aus. Nach einer diagnostischen Arthroskopie mit kleinen chirurgischen Maßnahmen im betroffenen Knie starteten mehrere Rehabilitationsversuche, die in der Summe zu keiner echten und beständigen Verbesserung führten. „ Wenn man verletzt ist und nicht das machen kann, was man gut macht, tut es einem weh“, klagte der 23-Jährige in einer RB-Kampagne über die Zeit nach der OP. Der Verlauf mit allem Drumherum sei einfach nicht gut.
Meeting in Leipzig
Sechs Monate dauerte diese frustrierende Phase. Die Schmerzen im Knie blieben. Dann kam Steverding ins Spiel. Er erzählt: „In dieser Situation bat mich sein Mannschaftskollege vom Nationalteam, Stefan Lainer, mich doch mal diesem Fall anzunehmen.“ Lainer ist auch Österreicher, 28 Jahre alt, und spielt in Mönchengladbach.
In einer ersten Untersuchung Anfang Dezember machte sich Steverding ein Bild von dem Problem. Er schildert: „Zwei Wochen vor Weihnachten absolvierte der Spieler eine erste Reha-Periode in unserem Haus, in dem wir relativ schnell eine Schmerzfreiheit im Alltag und beim Laufen erreichen konnten. In einem Meeting in Leipzig haben die Vereinsärzte, die Physiotherapieabteilung und der Reha-Trainer mein Konzept angehört und dann dem Spieler und mir die Freiheit gegeben, ihn weiter in Landau aufzubauen.“
Ins Mannschaftstraining entlassen
Nach Neujahr kam Laimer für vier Wochen ins Rehabilitationszentrum, um täglich ein Acht-Stunden-Programm mit Therapie und Aufbautraining zu absolvieren. „Sehr schnell zeigten sich gute Fortschritte, sodass wir bereits nach zwei Wochen mit ersten Übungssequenzen auf dem Fußballplatz beginnen konnten“, erzählt der Physiotherapeut. „Anfang Februar erreichten wir ein Trainingsniveau, das uns erlaubte, den Spieler in ein mit uns eng abgestimmtes Therapie- respektive Trainingskonzept bei RB Leipzig zurückzuführen.“
Wöchentlich wurden Ziele und Maßnahmen definiert, die im Vier-Wochen-Rhythmus in Landau überprüft und neu ausgerichtet wurden. Anfang April konnte Laimer ins Mannschaftstraining entlassen werden.
Wiedersehen bei EM
„Konrad ist für Leipzig, aber noch viel mehr für die Nationalmannschaft ein extrem wichtiger Spieler. Wir sind sehr stolz, diese schwierige Zeit für den Spieler beendet zu haben und ihn wieder glücklich auf dem Platz zu sehen“, sagt Steverding. Eine gute Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Spieler, Arzt, Verein und Rehabilitationseinrichtung könne kleine Wunder ermöglichen. Steverding: „Ich denke, bei der EM werde ich auf diese Zeit mit beiden Spielern einmal richtig anstoßen.“