Sportstypen RHEINPFALZ Plus Artikel Paradartsspieler Tobias Nebel: „Wenn ich Hilfe brauche, frag’ ich“

Tobias Nebel beim Turnier in Hamburg.
Tobias Nebel beim Turnier in Hamburg.

Als Corona das Leben lahmlegte, legte Tobias Nebel zu Hause im Schrankzimmer mit Darts los. Nun hat der Edesheimer die Para-Weltmeisterschaft und Turniere in Brügge und Belfast vor sich.

100 Pfeile auf die 20, 100 auf die 18. Bewegungsabläufe abspeichern, um im Wettkampf nicht darüber nachdenken zu müssen. Darum geht es im Training. Tobias Nebel kommt herum mit seiner Kunst im 501 Double Out. Profis müssen mit einem Double-Feld abschließen, beim Rest von 20 Punkten mit einer Doppel-Zehn. Ist er Darts-Profi? Nebel lacht. Kein Profi. Er ist Sozialversicherungsfachangestellter mit Dienstbüro bei der AOK in Landau. Der gebürtige Venninger betreut Privatkunden.

Er wirft mit rechts. Die linke Hand sehe aus wie eine Greifzange, sagt er. Der Daumen ist original. Mehr Finger waren nicht da, ein Geburtsfehler. Eine Zehe wurde angenäht an der Stelle des kleinen Fingers. Der 46-Jährige aus Edesheim spielt Darts, Paradarts. So gut, dass er ins Team Germany berufen worden ist, das im Oktober die Disability World Games, die Paradart-WM, in Niedernhausen spielt.

Kategorie Classic

Im Stehen visiert Nebel die Scheibe an. „Ich muss mich bloß immer wieder hinsetzen.“ Er hat ein verkürztes Bein und als Folge eine versteifte Bandscheibe. Die sportmedizinische Untersuchung war dafür da, um die persönliche Einschränkung festzuhalten. Nebel spielt in der Kategorie Classic. Daneben gibt es die Kategorie Compris für weniger schwer Beeinträchtigte. Um hier zu spielen, genüge eine hausärztliche Untersuchung.

Vor der WM spielt Nebel ein Turnier in Brügge. Seine Frau begleitet ihn: „Ich habe meine Frau überzeugt, dass wir mal Kurzurlaub machen.“ Mitte November tritt er bei der WPD Paradart European Trophy in Belfast an. Die Paradart-WM in Niedernhausen organisiert der Verband WDDA.

Zwei Weltverbände

Darts sei mit Billard verwandt, sagt Nebel, und erklärt das: Wo ein Billardtisch steht, früher hat er gespielt, sind oft auch Dartsscheiben. Es gebe zwei Weltverbände. In einem spielten fünf Stehende, Männer oder Frauen, im anderen Fünferteams mit drei Stehenden, zwei Männern und einer Frau, und zwei Rollstuhlfahrern.

Als Corona kam, begann Nebel richtig. Das Schrankzimmer zu Hause wurde das Dartszimmer. Mit Scheibe, PC und Webcam. 100 Mal auf die unten liegende 19 zu werfen, fällt ihm am leichtesten. Regelmäßig spielt er zu Hause gegen andere, die das gleiche Equipment haben. Oft gegen einen Hamburger. „So haben sich schon einige Freundschaften entwickelt“, sagt Nebel.

In der Rangliste auf Platz sieben

Der erste Verein, zu dem er ging, hat ihm nicht gefallen. Er hat sich der FVgg „Barbossa“ Neudorf angeschlossen. In gut einer halben Stunde kann er mit dem alten Kombi drüben im Badischen sein. Er hat ein paart Auflagen im Führerschein. Bei Online-Turnieren und und vor Ort in Hamburg habe er zweimal das Halbfinale und einmal das Finale erreicht, erzählt er. „Ich bin fast immer nur vom Weltmeister geschlagen worden.“ Heiko Bohnhorst, Nickname „Joker“, aus Osterode ist nach einem Motorradunfall der linke Unterarm amputiert worden. 2022 gewann der 54-Jährige auf Zypern die Einzelweltmeisterschaft Classic WDDA.

„Der hat auch ein paar Jahre Vorsprung“, sagt der Edesheimer. Er ist seit eineinhalb Jahren dabei. Anfang Dezember spielt er in Belfast das World Masters. Er wurde nachnominiert, ersetzt den „Joker“, der verhindert ist. Das Doppel wird Nebel mit Armin Wilhelm aus Wiesbaden spielen. Dazu Einzel und im deutschen Team A.

Er hat es auf den siebten Platz der deutschen Rangliste im Paradarts Classic geschafft. „Noch ein gutes Turnier, dann Top 5.“ Bei der WDDA Paradarts-WM in Niedernhausen wird er das Doppel mit Arnt Schneider aus Katzenelnbogen spielen. Am 16. September ist das Finalturnier um den Hatz-Cup seines Vereins, am 7./8. Oktober ein WPD-Turnier in Brügge. Nach der WDDA-WM stehen Ranglistenturniere in Sundern an, die WPD-European Trophy in Belfast dauert vom 16. bis 19. November.

Brettspiele und Kriminalfälle

Paradartsspieler sind Selbstzahler. Auf dem Trikot gebe es Sponsorenfelder: „Ich schreibe jeden an.“ Nebel mag auch „Brettspiele in allen Variationen: Ich hab’ rund 1000 Spiele.“ Er liest viel, Dartsbücher, Perry Rhodan, von Mark Benecke, dem Kriminalbiologen mit Büchern über Forensik und spektakuläre Kriminalfälle. Er habe sein E-Book immer dabei.

In der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland ist Nebel stellvertretender Vertrauensmann der Schwerbehinderten. Von Niederhausen will er jeden Tag heimfahren. Er sucht Mitfahrer, die parallel angebotene Turniere spielen könnten. Wie fühlt er sich in seiner Haut? „Wenn ich Hilfe brauche, frag’ ich nach“, sagt Nebel. Zum Beispiel fürs Fingernägelschneiden.

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