American Football
Nouredin Nouili aus Offenbach und sein Traum von der Profikarriere
Nouredin Nouili ist hin- und hergerissen. Im Amerika von Donald Trump, wo seine Partnerin lebt, muss man sich vorsehen, wenn man so heißt wie er. In Kanada hat er bislang auch keine Chance bekommen, um seinen Traum zu leben.
Ottawa will Nouili
Seit Jahren jagt Nouredin Nouili aus Offenbach seinem Traum von einer Profikarriere im American Football in Amerika hinterher. Zwei Jahre stand er im Trainingskader der Montreal Alouettes aus der kanadischen Profi-Liga (CFL). Der Weg in den aktiven Kader blieb ihm versperrt. Nachdem die Alouettes im vergangenen Jahr den Grey Cup, das Finale der CFL, erreicht hatten, ließen sie Nouili im Ungewissen. Der gebürtige Frankfurter, der mit seinen Eltern 2017 nach Offenbach gezogen war, um ein Jahr später den Schritt ans College in den USA zu wagen, war kurz davor, seinen amerikanischen Traum zu beerdigen und bei einem europäischen Team zu unterschreiben. Buchstäblich in letzter Minute klingelte das Telefon. Nouilis Agent war am Apparat: „Die Ottawa Redblacks wollen dich. Die wollten dich auch schon, bevor du in Montreal unterschrieben hattest, dachten aber, du würdest in der NFL bleiben.“
Wieso Nouili misstrauisch ist
2024 hatte Nouili nach seiner Collegekarriere ein Trainingslager bei den New Orleans Saints in der NFL absolviert. Für einen Vertrag reichte es nicht, weshalb der Deutsche in die CFL wechselte. Die Jahre in Montreal haben Nouili bezüglich der Versprechen von Footballteams misstrauisch gemacht. Die Ausländerregelung der CFL hatte es ihm praktisch unmöglich gemacht, Spielzeit zu bekommen. Denn die beiden festen Plätze für internationale Spieler (also alle, die weder Kanadier noch US-Amerikaner sind) waren mit Spezialisten auf den Positionen Kicker und Punter besetzt. So stand Nouili zwei Spielzeiten hintereinander keine Minute auf dem Feld, obwohl er doch eigentlich nach Kanada gewechselt war, um Spielzeit zu bekommen und sich für die größte Footballliga der Welt zu qualifizieren. Doch ohne Spielzeit kein Spielvideo mit Nouili auf dem Feld und damit auch nichts, was man in der NFL vorweisen könnte.
Angebote aus Europa hat der Offenbacher zur Genüge. Nach Spielern mit seinem Profil suchen alle Teams, die in den beiden neuen Ligen EFA (European Football Alliance) und AFLE (American Football League Europe) antreten: europäischer Pass, Footballausbildung in den USA, Stammspieler an der University of Nebraska, einem top Collegeprogramm. „Wenn ich merke, dass ich wieder keine wirkliche Chance bekomme, um einen Platz im Team zu kämpfen, dann werde ich nach Europa wechseln. Noch eine Saison ohne Spielzeit will ich nicht“, sagt er.
Niederlassen in Nebraska?
Die CFL startet im Mai in ihr Trainingslager, die Saison beginnt im Juni. Vor Beginn der CFL wäre jedenfalls immer noch genügend Zeit, um nach Europa zu wechseln. Aber auch da ist Vorsicht geboten. Schließlich hat die ELF (European League of Football), die Vorgängerliga der beiden aktuellen europäischen Wettbewerbe, Insolvenz anmelden müssen. Und einige ELF-Teams waren berüchtigt dafür, ihre finanziellen Versprechungen nicht einzuhalten.
Nouredin Nouili will ohnehin langfristig gar nicht in Europa bleiben. Seine Freundin Halimah Sissoko lebt in Nebraska, wo beide das College besucht haben. Dort wollen sich die beiden langfristig niederlassen. Nouili liebt Nebraska: „Ich mag keine Großstädte. Da steht man immer stundenlang im Stau. In Nebraska habe ich noch nie im Stau gestanden.“
Eine Hochzeit und Kinder sind auch ein Thema. Sissoko ist Lehrerin, Nouili würde gerne bei der amerikanischen Feuerwehr anfangen: „Das ist ein gut bezahlter, sicherer Job.“ Solange er in Kanada arbeitet, gestaltet sich die Beziehung zu seiner Partnerin allerdings schwierig. Wenn er eine Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis in Kanada hat, bekommt er keine in den USA. Würde er in Europa spielen, wäre das möglich.
Deutsche Mutter, tunesischer Vater
Es gilt, noch weitere Klippen zu umschiffen. Im Amerika von Donald Trump muss man sich vorsehen. Nouili hat eine deutsche Mutter und einen tunesischen Vater, Sissokos Mutter wurde in Russland geboren, ihr Vater stammt aus Mali. Nouili muss mit Willkür rechnen, auch wenn Sissoko die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Er hat schon vor Trumps zweiter Amtszeit Erfahrungen mit amerikanischen Grenzbehörden gemacht: „Als ich zum ersten Mal in die USA geflogen bin, wurde ich in einen Extraraum gebracht und intensiv durchsucht. Koffer, Handy, alles haben sie sich angeschaut.“ Bis heute muss Nouili aufgrund seines nordafrikanischen Nachnamens damit rechnen, am Flughafen intensiv gefilzt zu werden.
Weil im Frühjahr ein längerer Aufenthalt in den USA nicht möglich war, machten er und seine Freundin im März zusammen in Dubai Urlaub. Zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Einen Tag nach ihrer Ankunft begann der Iran-Krieg. Auch wenn die Luftabwehr in den Vereinigten Arabischen Emiraten gut funktionierte, gab es doch mulmige Momente: „Ich war einmal kurz auf der Toilette. Als ich zurückkam, erzählte mir Halimah, dass gerade eine Rakete über unser Gebäude geflogen sei.“ Auch der Flug nach Europa gestaltete sich wegen des gesperrten Luftraums schwierig. Beide konnten erst mit mehrtägiger Verspätung abreisen.
Aktuell macht Nouredin Nouili Urlaub bei der Familie in Offenbach. Anfang Mai reist er dann nach Ottawa, um seine wahrscheinlich allerletzte Chance zu nutzen, drüben als Profi zu spielen. Der Traum lebt weiter.