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Kein Blick für die Schönheit der Natur: Albert Getto im „Tunnel“.
Kein Blick für die Schönheit der Natur: Albert Getto im »Tunnel«.

Ob Standard-Trainingsrunde vor der Haustür oder Zermatt-Marathon, für Albert Getto ist der Unterschied klein: Ganz auf sich konzentriert, bekommt er wenig mit. Seine Frau brachte ihn vor 20 Jahren auf Trab. Über merkwürdige Essgewohnheiten, die treue Begleiterin Bonnie und ein bockiges Kind im Pfälzerwald.

„Meine Standardroute ist die K25 von Oberotterbach nach Steinfeld und wieder zurück. Das sind ungefähr zehn Kilometer“, sagt Albert Getto. Oder er laufe hoch zum Wanderparkplatz „Drei Eichen“ und über die Guttenberg und den Waldgeisterweg wieder zurück ins Dorf. „Das sind etwa 13 Kilometer und ein paar mehr Höhenmeter.“

Der 64-jährige Oberotterbacher kann viele Geschichten über seine Lauferlebnisse erzählen. Dabei ist er noch gar nicht so lange dabei. Lange spielte der gelernte Möbelschreiner Fußball und kletterte leidenschaftlich gern. Er hatte ein Schlüsselerlebnis, das ihn zum Laufen gebracht hat: „Ich will gar nicht so sehr ins Detail gehen, aber es war in der Türkei im Urlaub. Ich hatte schon eine Weile kein Sport mehr getrieben und war dort am Strand. Nach einer Anmerkung meiner Frau war mir klar: Ich muss wieder was machen. Damals war ich Anfang bis Mitte 40.“ Also fing Albert Getto an, regelmäßig Zehn-Kilometer-Läufe zu absolvieren.

„Es geht immer um die Zeit“

Sein erster offizieller Wettbewerb war der Weinstraßenlauf, eine gut zehn Kilometer lange Strecke von Bad Bergzabern nach Weißenburg oder umgekehrt. „Da lief ich ohne wirkliches Training die zehn Kilometer in 42 Minuten. Danach fragte mich ein Bekannter aus dem Bergzaberner Lauftreff, Ernst Brauer, ob ich denn nicht für sie laufen wollte. Also machte ich das manchmal. Die meiste Zeit lief ich aber alleine und ohne Verein.“ Auch den Bergmarathon in Zermatt.

Getto ist ein Kämpfer. „Es geht immer um die Zeit – nie um die Schönheit einer Strecke“, sagt er. „Nach vielen Läufen bin ich gefragt worden, wie mir ein bestimmter Aussichtspunkt oder eine Attraktion auf der Strecke gefallen hat. Ich konnte es fast nie sagen. Ich war so im Tunnel, dass ich mich nur auf meine Atmung und meinen Körper konzentriert habe.“

Sprachlos im Wald

Zum Glück hat er den Tunnelblick im Training nicht immer. Einmal stieß er im Pfälzerwald auf ein bockiges Kind, das seinen Eltern nicht weiter folgen wollte. „Ich weiß nicht, was da genau vorgefallen ist. Ich lief dann mit dem Kind hoch Richtung Guttenberg und suchte mit ihm seine Eltern. Als wir sie dann fanden, bedankten sie sich nicht mal und sorgten sich anscheinend auch nicht.“ Getto war sprachlos. Er wird die Geschichte wahrscheinlich nie vergessen.

Anlässlich eines Big-Band-Auftritts seines Sohnes in der Schweiz wurde seine Frau Birgit aufmerksam auf den Bergmarathon in Zermatt. „Im ersten Schritt war ich eigentlich nur am Drumherum dieser Veranstaltung interessiert und dachte, dass ein solcher Marathon und die Anmeldung mit Sicherheit viel Geld kosten. Als ich dann mal vor Ort nachfragte, waren die Leute so gastfreundlich und nett, dass ich mich spontan anmeldete“, erzählt Getto. Nach dieser Erstanmeldung im Jahr 2003 sollten 15 weitere Teilnahmen folgen. „Wir haben uns sofort mit vielen einheimischen Familien angefreundet und wohnen dort auch immer im selben Ferienhaus in der Nähe vom Startpunkt. Da sieht man dann jedes Jahr zur gleichen Zeit wieder die Leute vom Vorjahr, das ist einfach immer schön.“

Treue Begleiterinnen

Seine Frau sah den Wettkampfehrgeiz ihres Gatten und die damit einhergehenden Reisestrapazen nicht als Belastung: „Es waren immer kleine Kurzurlaube. Ich war auch immer mit Begeisterung dabei, auch wenn ich selbst nie bei solchen Läufen würde mitmachen wollen. Ich habe die meisten Läufe für Albert ausgesucht.“

Komplett alleine laufen zu gehen, entspricht nicht immer der Wahrheit. Die treueste Partnerin ist der Border-Collie-Labrador-Mischling von Sohn Florian, Bonnie: „Ich laufe alleine, weil ich mich nur auf mein Tempo konzentrieren kann. Mit Bonnie ist es optimal, sie läuft immer mein Tempo direkt neben mir und schaut mich dann immer mal wieder an. Auf dem Weg sind auch genügend Trinkmöglichkeiten für sie – da rennt sie dann immer schon vor, trinkt kurz, und ist dann schon wieder bereit zum Weiterrennen. Sie hört aufs Wort und ist deshalb auch immer ohne Leine dabei“, freut sich der Rentner, der bis September 2019 27 Jahre bei der Verbandsgemeinde Bad Bergzabern tätig war.

Weizenbier und Pommes

Wenn Getto mal wieder unterwegs ist, werden Laufkollegen am Tag vor dem Wettkampf öfter mal stutzig ob dessen Essgewohnheiten. „In Zermatt waren wir am Tag vor dem Marathon essen. Ich trank mein Weizen, Birgit trank eine Saftschorle. Die Leute wünschten ihr für den morgigen Tag viel Glück.“ Sie waren verwundert, dass nicht sie, sondern er antreten wird. „Mein Körper braucht das einfach, genauso wie Pommes vor einem Wettkampf und ein Glas Sekt nach dem Zieleinlauf. Den hat Birgit dann immer parat“, erzählt er.

Einer seiner größten Erfolge war die Teilnahme an der Senioren-WM im Berglaufen 2012 in Bühlertal. Mit Startnummer 2254 lief er in 1:00,29 Stunden auf den 479. Platz und war nach zehn Kilometern 43. seiner damaligen Altersklasse M55. Beim Zermatt-Marathon war seine beste Platzierung Platz vier in seiner Altersklasse.

Vergangenes Jahr fiel der Zermatt-Marathon aus. Dieses Jahr ist er für den 21. Juli terminiert. „Wenn es die Knochen mitmachen, würde ich noch mal teilnehmen. Aber ich könnte mir auch vorstellen, nur als Helfer dabei zu sein“, sagt Getto.

Zu Fasching hat er für sein Enkelkind einen kleinen Umzugswagen gebastelt. Unentschlossenen rät er: „Jeder, der vielleicht daran zweifelt, ob er einen Marathon schafft, dem will ich nur eins sagen: Wenn man gesund ist und Lust darauf hat, dann schafft man das, ganz sicher.“

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