Stabhochsprung
Jockgrimer Meeting „stand lange auf der Kippe“
Gunther Hellmann, Betreiber einer Fahrschule und Fan der Disziplin, hat viel erlebt in der Geschichte des Jockgrimer Stabhochsprung-Meetings, die 1995 begann. 2018 trafen Armand Duplantis, der Weltmeister, und Kurtis Marschall aufeinander. Nach Duplantis’ Sprung über 5,80 Meter wurde das 24. Meeting wegen Regens abgebrochen. Im Juli 2019 gewann Filippidis Konstantinos mit mäßigen 5,61 Metern. Am Dienstag, 23. August, wird die Tradition fortgesetzt. Viele fragten sich: Wie geht das noch mal?
„Die Routine ist weg“
„Wir haben es richtig gemacht. Kein Livestream, keine Masken. Die Nähe zu den Sportlern gehört dazu“, sagt Hellmann dazu, dass 2020 und 2021 keine Anstalten gemacht wurden, ein Corona-Meeting aufzuziehen. Zweimal fiel das Meeting aus. „Die Routine ist weg“, hat Hellmann nun festgestellt. Die Vorbereitung stotterte. Überall Bedenken. Die Helfersuche: schwierig. Die Sponsoren: Anschriften und Personen haben sich geändert. Günstige Hotelunterkünfte für die Athleten? Nicht einfach zu finden im August. „Es stand lange auf der Kippe“, erzählt Hellmann. Jetzt aber verspürt er ganz viel Unterstützung: „30 Helfer für den Aufbau hatten wir noch nie.“ Nachbarvereine stünden zur Seite. Der Meeting-Chef: „Es wird gut. Es soll unser Volksfest werden.“ Wie vor Corona.
Wilma Murto und Bridget Williams
Am nächsten Dienstag hat Hellmann noch Führerscheinprüfungen, danach fährt fast die ganze Familie nach München. Sie schaut sich die Finals der Frauen (am Mittwoch, 17. August) und der Männer (Samstag, 20. August) im Olympiastadion an. Tochter Johanna (22) und der Hund bleiben daheim. Für sie hat er einen Auftrag: die Finnin Wilma Murto zu Hause zu empfangen. Hellmann erwartet die 24-Jährige, die bei der Weltmeisterschaft in Eugene 4,60 Meter überquerte (6.), auch in München im Finale. Er bleibt noch länger, sie kann danach schon weiterziehen.
2016 stellte Murto beim Hallenmeeting in Zweibrücken mit 4,71 Metern den Juniorinnenweltrekord auf. In Jockgrim war sie noch nicht. Wie kommt’s? Sie sei in England mit Holly Bradshaw zusammengewesen, die habe ihr vom Meeting in der Südpfalz vorgeschwärmt, erzählt Hellmann. Die 30-jährige Britin, die im Jahr 2018 in Jockgrim 4,80 Meter überwand (Platz drei), wird nicht anreisen. Hellmann hat ihren Unfall bei der WM gesehen, der Stab brach, sie landete gefährlich, stauchte sich den Rücken. Er weiß: Bei den Commonwealth-Spielen, die am gestrigen Montag in Birmingham zu Ende gegangen sind, habe sie es probiert, es sei nicht gegangen. Danach habe sie die ganze Saison abgesagt.
Ungewöhnlich für das Jockgrimer Meeting: Eigentlich war es immer vor den großen Wettkämpfen, vor Olympischen Spielen, Europameisterschaften. Diesmal ist es nach WM und EM. Die Diamond-League-Meetings in Lausanne (26. August), Brüssel (2. September) und Zürich (8. September) stehen danach an. Die US-Amerikanerin Bridget Williams wolle in Lausanne antreten, hat Hellmann erfahren. Wohl deshalb hat ihr Trainer sie ihm angepriesen. Die 26-Jährige belegte bei den US-Hallenmeisterschaften im Februar mit 4,70 Metern den dritten Platz. Bob Phillips, ihr Trainer, war schon in Jockgrim.
Zwölf Männer und ein deutsches Duell
Die Frauen haben in den vergangenen Jahren in Jockgrim den Männern die Schau gestohlen. 2019 gewann die Kanadierin Alysha Newmann mit 4,77 Metern vor Bradshaw. Am 23. August werden die Männer die Musik machen. Hellmann will zwölf an den Start bringen. Er geht davon aus, „dass mindestens drei EM-Medaillengewinner nach Jockgrim fahren“, dass vier der sechs Weltbesten in der Südpfalz antreten. Weil es im August eher dunkel und kühl wird als im Juli, werden diesmal nicht sehr viele Frauen dabei sein.
Gunther Hellmann freut sich auf Bo Kanda Lita Baehre, der zum ersten Mal in Jockgrim erwartet wird, und Oleg Zernikel. Bei der deutschen Meisterschaft durchkreuzte Lita Baehre dem Landauer die Titelverteidigung, bei der WM lag Zernikel mit neuer Bestleistung von 5,87 Metern auf dem fünften Platz vor seinem Rivalen.
Die beiden könnten sich in Jockgrim einen ähnlichen Kampf liefern wie 2012 Raphael Holzdeppe und Björn Otto, die damals über 5,81 Meter sprangen. Ein Konkurrent wird der Australier Kurtis Marschall (25) sein, der gerade in Birmingham den Titel Commonwealth-Meister mit 5,70 Metern verteidigt hat.
Zernikel (27) und Marschall begegneten sich zum ersten Mal 2014 bei der Junioren-WM in Eugene. Marschall blieb in der Qualifikation hängen, Zernikel gewann Bronze.
Die Stäbe des US-Amerikaners Matt Ludwig sind schon in Jockgrim. Nach dem dritten Platz beim Meeting in Landau (5,60 Meter) hatte Zernikels Heimtrainer und Manager Jochen Wetter die Stäbe des 26-Jährigen in seine Obhut genommen.