Kampfsport RHEINPFALZ Plus Artikel Japanischer Kampfkunst-Großmeister lehrt in der Südpfalz: Auf der Suche nach dem Kern

Mit Stöcken führen die Aikido-Kämpfer verschiedene Übungen durch.
Mit Stöcken führen die Aikido-Kämpfer verschiedene Übungen durch.

Michael Daishiro Nakajima (82) aus Japan ist Großmeister des Aikido. In der Südpfalz hat er einen Lehrgang gehalten. Ein Teilnehmer musste sich zunächst aber beruhigen.

Um die Kunst der Harmonie geht es an einem Samstag in der Turnhalle in Siebeldingen. Die Freunde des Aikido Dojo in Landau, 1998 von Alexander Broll gegründet, haben eingeladen. Die japanische Kampfkunst Aikido, abgeleitet von Harmonie (Ai), Lebensenergie (Ki) und Lebensweg (Do), scheint in sich gar nicht harmonisch zu sein. Die Stilarten sind kaum zu zählen, Wettbewerbe gibt es nicht.

Henri Danker ist aus dem brandenburgischen Groß Kreutz (Havel) angefahren. Ihn interessiert der Lehrgang Daitoryu Aiki Jujutsu Bokuyokan mit dem 82-jährigen Michael Daishiro Nakajima, einem der bedeutendsten Aikido-Meister und „Lehrer der Lehrer“, 10. Dan. Doch zunächst hat Danker einen dicken Hals.

Ärger über Unfallflüchtigen

Der ehemalige Schulleiter hat in Landau übernachtet. Auf der Fahrt nach Siebeldingen ist ihm auf der B10 ein anderer beim Einfädeln auf sein Auto aufgefahren und davongerast, ohne sich um den Schaden zu kümmern. Der 63-Jährige hat sich schon bei der Polizei gemeldet. Die halbstündige Meditation, mit der der Lehrgang beginnt, verpasst er.

Auf einem Tisch im Vorraum auf dem Weg zur Halle stapeln sich die Kampfsport-Ausweise der Teilnehmer, die einen weiteren Stempel bekommen. Ganz oben liegt der Ausweis von Kristina Tomasevic, einer Kampfkunstlehrerin des Aikido Dojo München.

Michael Daishiro Nakajima (hinten links) in Aktion. Die Lehrgangsteilnehmer beobachten, was der Großmeister vorzeigt.
Michael Daishiro Nakajima (hinten links) in Aktion. Die Lehrgangsteilnehmer beobachten, was der Großmeister vorzeigt.

Mal reinschauen? „Das würde ich nicht tun“, sagt Danker im Vorbeigehen auf die Toilette. Auf einem anderen Tisch gibt es Apfelsaft, Wasser, Äpfel, Bananen und Müsli-Riegel. Zurück vom WC öffnet Danker vorsichtig die Tür zur Halle, er will auf keinen Fall stören. Tut er nicht. 36 Kämpfer, 28 Männer, sechs Frauen und zwei Jugendliche, sind da, der Lehrgang beginnt.

Broll (65) freut sich auf die Teilnehmer, einer ist aus Berlin, einer aus Luxemburg gekommen. Alle wegen Nakajima. An der Uni in Tokio war er zunächst im Schwimm- und dann in Leichtathletikclub, 1970 begann er mit Aikido, später studierte er in Frankfurt Theologie und unterrichtete an einem Ganztagsgymnasium Religion. Broll und Nakajima kennen sich seit 33, 34 Jahren. Broll (5. Dan) hatte damals den vierten Schülergrad (2. Kyu) und besuchte einen Lehrgang.

Großmeister Nakajima hat eigene Techniken entwickelt

Nakajima, der eigene Techniken entwickelte und seit 1995 Europa-Repräsentant der Stilrichtung Bokuyokan ist, ruft eine Schülerin zu sich in die Mitte. Sie greift mit beiden Händen seinen linken Arm, er geht ihr entgegen, greift zu und zieht sie herunter, sie rollt sich ab.

Nachmachen. Der „Lehrer der Lehrer“ schaut sich die Paare an, wie sie die Technik anwenden, korrigiert. Die Techniken, die nach und nach an die Reihe kommen, gleichen sich: dem Angreifer ausweichen, ihn greifen.

Was es mit den Hebeln auf sich hat, mit Armstreckhebel, Armdrehhebel oder Armpressdrehhebel, demonstriert mir am Rande Brolls Frau Irene Cambeis, die dazugekommen ist, um später das Gruppenfoto machen. Sich dem Griff zu widersetzen, birgt Verletzungsgefahr. Klüger ist es, auszuweichen, sich fallen zu lassen, sich abzurollen. Auch, um dem Gegenüber nicht ausgeliefert zu sein. Das Ganze ähnelt Sturztraining.

Aikido als Lebensinhalt

Greifen, fallen, aufstehen, weitermachen. Mit 17 hat Thea Wadasch (heute 45) mit Kampfsport angefangen, mit Taekwondo, Kung-Fu. „Es ist absolut mein Ding“, sagt die Assistentin der Gemeindeleitung im evangelischen Pfarramt in Siglingen (Baden-Württemberg). Seit eindreiviertel Jahren ist sie beim Aikido. Sie begleitet gerne Lehrgänge: „Ganzkörpertraining mit Spaß und Kontakt mit anderen“, das sei gut für die Ausdauer. Sie spricht von einem Lebensinhalt.

Die nächste Übung steht an. Es gehe darum, den Kern des Ganzen zu kapieren, sagt Nakajima. Seine Schüler tragen weiße Kampfanzüge oder traditionelle dunkle Samurai-Hosen. Yves Lindenbach (48) ist aus Hardheim gekommen. Er arbeitet im Sicherungsdienst eines Unternehmens und trainiert, wie er es zeitlich schafft, zwei-, dreimal in der Woche in Nakajimas Shinki-Dojo in Oberkessach. Körperführung, Prinzipien, „es kommt immer was Neues dazu oder eine Variation, die man noch nicht erlebt hat“, erzählt er. Aikido sei sehr umfangreich.

Auch Würfe und Griffe gehören zur Kamfkunst
Auch Würfe und Griffe gehören zur Kamfkunst

Der Lehrer in der Mitte hat ein Schwert in der Hand. Holzschwert, Stab, Langstock und Holzmesser sind frühere Bauernwaffen. Ein paar Minuten später haben alle Teilnehmer ihre Schwerter oder Stäbe. Nakajima erklärt die gute Verteidigung. Nicht so, die Körperseite wäre zum Angreifer hin geöffnet, sondern so. Nicht die gerade Konfrontation, seitlich positionieren. Thies Kroon (45) aus Völkersweiler, Anlagenbediener beim Getränkeabfüller MEG in Wörth, hatte eigentlich eine Abwechslung für seinen Sohn Raymond gesucht. Er schaute zu und fing später selbst mit Aikido an. Seit einem Jahr sind die beiden zusammen im Training. „Man tobt sich aus. Die Meditation war sehr gut“ sagt Kroon, der als Jugendlicher bei der Leichtathletik war, dann beim Turniersport mit dem Hund. „Die letzten 30 Jahre nichts mehr.“ Dann ging es zur Kampfkunst.

Im Aikido geht es um Ausweichbewegungen, Drehungen, Würfe und Hebel, um Angriffe zu neutralisieren. Um Körperhaltung, Atmung, Konzentration.

Ex-Militär kommt regelmäßig nach Landau

Teilnehmer Rick Soriano ist selbst Meister, 6. Dan. Der US-Amerikaner, auf Hawaii geboren, beim Militär in Neu-Ulm, Frankfurt, Heidelberg, unter anderem in Mazedonien, ist fast jedes Jahr einmal in Landau. Er und Broll kennen sich sehr gut. 21 Jahre arbeitete Soriano als Zivilist beim Militär, so konnte er weiter in die Schule von Nakajima gehen, dem er Mitte der 1990er-Jahre erstmals begegnet war. Er ist Aikido-Abteilungsleiter im Polizeisportverein Heidelberg, hält selbst Lehrgänge und übersetzt mit einem Kollegen die „Shinki News“, Newsletter einer Verbandszeitung, ins Englische. Für den 67-Jährigen ist Bewegung auf der Matte Meditation. Tatsächlich scheint er in sich zu ruhen.

Die Aikidokas üben zwei Stunden konzentriert, helfen sich, lachen, lauschen dem „Lehrer der Lehrer“. Danach ist eine längere Pause bis zum zweiten Teil. Einige wollen zusammen in ein Café. Henri Danker isst draußen am Auto einen Apfel, er wird zu einem Supermarkt fahren. Der Ärger des Morgens auf der Herfahrt ist weit weg.

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