Lokalsport Südpfalz
Geschichten aus der Geschichte: Der leise Abschied eines Marathon-Pioniers
Aus Anlass seines 80-jährigen Vereinsbestehens richtete der Turnverein Herxheim 1972 den ersten Marathon in der Pfalz aus. Er war damit Pionier des Langlaufsports in der Region. Vier Jahre später reihte sich der TSV Kandel in die Liste der Marathon-Veranstalter ein.
Initiator in Herxheim war der passionierte Langstreckler Franz Wiebelt. Er bewegte Vereinskameraden, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Gut zehn Jahre nach dem allerersten Volkslauf in Böbingen etablierte sich das „Dauerlauftraining“, die Laufbewegung strebte ihrer Blütezeit entgegen. Den ersten Berliner Marathon gab es im Oktober 1974, 244 Menschen liefen im Grunewald herum bis ins Ziel vor dem Mommsenstadion. Mit dem Frankfurt-Marathon 1981 begann die Geschichte der Stadtmarathons in Deutschland.
„Spinner“ und „Verrückte“
Noch galt der Marathon mit seinen 42,195 Kilometern als etwas für Exoten. Oft war mehr von „Spinnern“ und „Verrückten“ als von Sportlern die Rede. Anfang 1972 begannen Hermann Rieder und Julius Seibel mit der Planung eines Marathons in Herxheim. Kernstück der Streckenführung war das Dörfer-Dreieck Herxheim, Hatzenbühl und Hayna. Diese Runde musste viermal bewältigt werden. In den ersten Jahren variierten der Start- und Zielbereich.
Am 16. September 1972 gab Rudi Ehmerfiel in der Luitpoldstraße den Startschuss zum ersten von insgesamt 24 Marathonläufen des TV Herxheim. Von 106 gemeldeten Teilnehmern erreichten 66 das Ziel, das sich in den ersten beiden Jahren vor dem Clubhaus der Viktoria Herxheim befand. Siegried Schadt von der LG Wasen Stuttgart ließ sich mit einer Zeit von 2:36:25 Stunden als erster Sieger im Großdorf feiern.
Erste Pfalzmeisterschaft eine Tortur
Bereits bei der zweiten Auflage, am 18. August 1973, war der Marathon mit den ersten Pfalzmeisterschaften verbunden. Das warme Wetter machte den Lauf zu einer Tortur. Von 190 Teilnehmern erreichten nur 99 das Ziel.
Ein erster Höhepunkt in der Geschichte der Herxheimer Marathons war die Ausrichtung der süddeutschen Meisterschaften am 30. August 1975. Der dreifache Olympiateilnehmer Lutz Philipp vom ASC Darmstadt, der sich schon vom Leistungssport zurückgezogen hatte, gewann in 2:30:56 Stunden. Mit 1:15:32 Stunden hatte er im Mai 1973 einen gesamtdeutschen Rekord im 25.000-Meter-Bahnlauf aufgestellt, im September jenes Jahres war er zum dritten Mal Deutscher Marathonmeister gewesen.
Die schnellste Zeit
Aber auch bei der Veranstaltung 1985 war die Witterung kein Freund der Sportler in Herxheim. Von 160 Startern erreichten 76 das Ziel. Drei Jahre später, am 26. August 1978, als wiederum die „Süddeutschen“ in Herxheim auf dem Programm standen, war das Wetter läuferfreundlicher. Werner Dörrenbächer vom SV Saar 05 Saarbrücken lief mit 2:18:15 Stunden die schnellste Zeit, die je auf diesem Herxheimer Kurs erzielt worden ist.
Südpfälzer machen sich Konkurrenz
Ab 1977 prägten südpfälzische Sportler wie Jürgen Eichberger, Rolf Hilsendegen, Gerhard Sauerhöffer, Willi Urschel, Herbert Cuntz, Reinhold Schindler und einige andere die Pfälzer Marathonszene und machten die Pfalzmeisterschaften zu einem Höhepunkt im jährlichen Laufsportkalender. Pfalzrekordhalter Jürgen Eichberger (Rekordzeit: 2:19:52 Stunden) erinnert sich an so manche Hitzeschlacht: „Ganz schlimm war es 1975 bei den Süddeutschen. Hier stand Karl-Emil Kuntz mit Schlauch und Wasserkübel bereit und sorgte in Hayna für Kühlung.“ Drei Duelle sind ihm besonders in Erinnerung: „Mit meinem damaligen Offenbacher Vereinskameraden Rolf Hilsendegen ging es 1977 um den Pfalztitel. Kurz vor dem Start wechselte ich die Schuhe, da ich meine Neuen noch nicht richtig eingelaufen hatte. Dem etwas verdutzten Starter, Bürgermeister Weiller, konnte ich eine kleine Verspätung des Startschusses abringen. Der Schuhwechsel war richtig. Ich gewann vor Rolf. Ein paar Jahre später, das Ziel war damals im Stadion, waren Herbert Cuntz und ich an der Spitze. Ich wusste, dass Herbert meinem Schlussspurt nicht gewachsen war. Doch ausgangs Hatzenbühl Richtung Ziel verschärfte er das Tempo und konnte mich abschütteln.“ So beschreibt Eichberger die herausragenden Wettkämpfe, die 1989 im Zweikampf mit Rainer Müller (SKV Egolsheim/2:26:43) weitergingen: „Müller peilte eine Zeit von 2:24 Stunden an, und ich war bereit, mit ihm das Tempo anzugehen. Bis vier Kilometer vor dem Ziel wechselten wir uns in der Führung ab, dann musste ich abreißen lassen. Im Ziel hatte der Winzer aus dem Württembergischen 59 Sekunden Vorsprung.“
Die DM 1992
Mitte der 1980er-Jahre verlegte der TV Herxheim den Termin auf Ende Oktober und hatte dadurch in der Regel angenehmes Wettkampfwetter. Als Gerhard Sauerhöffer 1991 im Trikot des TV Maikammer den Pfalztitel gewann, war es gar richtig frisch: „Ich weiß, dass ich die ganze Zeit Handschuhe anhatte und an diesen Tag richtig gut drauf war. Reinhold Schindler und Willi Urschel hatten keine Chance.“
Der Höhepunkt der Herxheimer Marathongeschichte waren die deutschen Meisterschaften 1992. Der TVH war 100 Jahre alt. Am 19. September holten sich Thomas Ertl (TSV Burghaslach) und die Jugendliche Manuela Veith (TV Bodenheim) letztmals die Meistertitel bei einem Landschaftsmarathon. Ab 1993 trug der Deutsche Leichtathletik-Verband seine Titelkämpfe nur noch bei Stadtmarathons aus.
Die Konkurrenz der Stadtmarathons, sinkende Teilnehmerzahlen und der immer mehr zunehmende Straßenverkehr bereiteten den Verantwortlichen im TVH Probleme. Am 15. Oktober 1995, nach der 24. Auflage, fiel der Vorhang. Der Marathon in Herxheim war Geschichte. Initiator Franz Wiebelt, der alle Läufe in Herxheim beendet hatte, verstand die Welt nicht mehr. Er wollte unbedingt die 25 vollmachen und trat erbost aus dem Verein aus.