Lokalsport Südpfalz
Fußball: Von der B-Klasse in die Bundesliga – Der ungewöhnliche Weg des Thomas Klein
Die ungewöhnliche Geschichte des Fußballers Thomas Klein begann auf der Straße. „Da haben wir die Instinkte entwickelt“, sagt der heute 55-Jährige, der in Weingarten lebt. Im westpfälzischen Niederkirchen spielten die drei jüngsten von neun Geschwistern regelmäßig auf dem harten Pflaster, ehe sie den Weg in den Verein fanden. Beim SV Niederkirchen spielte Klein immer bei den Älteren mit. Bald stand er in der Kreisauswahl. FCK-Trainer Ernst Diehl sichtete die Talente. Und der Stürmer landete beim 1. FC Kaiserslautern.
„Plötzlich gab es ein Training mit 50 Jugendlichen. Irgendwo auf einem Hartplatz. Wir wurden in drei Gruppen eingeteilt. Nach dem Training hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr“, erzählt Klein. Er landete in der B2-Jugend des FCK. Aber er hatte noch einen Traum. Sein ältester Bruder, Volker Klein, spielte damals schon in Bielefeld in der Bundesliga. „Als ich das mal im Stadion miterlebte, wollte ich das auch.“
Angebot des 1. FCK ausgeschlagen
Thomas Klein biss sich durch, stieg in die B1-Jugend auf und blieb bis zum Übergang in den Erwachsenenbereich beim 1. FC Kaiserslautern, wo auch Markus Schupp und Axel Roos spielten. Das Angebot, in Kaiserslautern bei den Amateuren zu spielen, schlug er aus und folgte dem Ruf des ehemaligen Nürnberger Torwarts Franz Schwarzwälder, der damals Trainer beim FK Clausen wurde. Klein spielte in der Verbandsliga. „Bei einem Traditionsverein mit gestandenen Spielern“, wie er erzählt. Nach zwei Jahren wechselte er zum VfL Neustadt, bei dem sein Bruder Jürgen spielte. Trainer war Ex-FCK-Spieler Hans-Günter Neues. Klein fasste auch bei diesem Verbandsligisten Fuß, ehe er Wehrdienst leisten musste.
Der Übergangssoldat ging mit seinem Bruder Jürgen zurück zum Heimatverein nach Niederkirchen – in die B-Klasse. Nach zwei Aufstiegen in Serie meldete sich Neues, inzwischen Trainer in Edenkoben, bei den Brüdern. Die SVE war gerade in die Oberliga aufgestiegen, die Klein-Brüder gingen auf Neues’ Werben ein.
Ein Jahr wie im Rausch
Es folgte ein Jahr, das Thomas Klein wie im Rausch erlebte: „Wir waren Aufsteiger, gewannen aber ein Spiel nach dem anderen. Es war unglaublich.“ Edenkoben schaffte Platz eins in der Oberliga, zog mit Klein als Torschützenkönig in die Aufstiegsrunde zur Zweiten Bundesliga ein.
Just auf diesem Höhenflug machte Klein erstmals die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung. Wegen einer Achillessehnen-Verletzung konnte er im ersten von sechs Aufstiegsspielen nicht mitwirken und war auch danach nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. „Ich denke, auch deshalb sind wir damals unter Wert geschlagen worden“, sagt Klein heute.
Schlechter Start in Nürnberg
Zu jenem Zeitpunkt war seine Zukunft bereits geklärt. Klein hatte einen Vertrag beim 1. FC Nürnberg unterschrieben. Auch andere wollten ihn haben. Ein gutes Gespräch gab es mit Jürgen Friedrich, damals für kurze Zeit Sportdirektor von Eintracht Frankfurt. Und auch Friedrichs Ex-Club, der 1. FC Kaiserslautern, zeigte Interesse: „Natürlich ist das bis heute noch mein Verein, aber damals kam die Anfrage sehr spät und sie hatten Bruno Labbadia und Stefan Kuntz im Sturm. Da sah ich wenig Perspektive.“
In Nürnberg hatte es Klein vom Start weg schwer. „Ich wurde damals auf den Rat von Heinz Höher, der Gerlands Vorgänger und ein guter Freund von Präsident Gerd Schmelzer war, verpflichtet, obwohl ich das obligatorische Probetraining wegen meiner Verletzung nicht absolvieren konnte. Dies hatte Trainer Hermann Gerland nicht gefallen. Er fühlte sich wohl vom Präsidenten übergangen“, berichtet Klein vom schlechten Start ins Profileben.
Saisonauftakt bei den Bayern
Mit Souleyman Sané, Frank Türr und dem bei den Fans beliebten FCN-Eigengewächs Reiner Wirsching bekam es der Neue mit starker Konkurrenz zu tun. Dennoch stand der Pfälzer nach einer guten Vorbereitung beim Saisonauftakt vor 60.000 Zuschauern beim FC Bayern München in der Startelf. „Samstagmorgens sah ich meinen Namen auf dem Spielerzettel. Eine Riesengeschichte war das für mich. Eines der für mich größten Ereignisse in meinem Fußballerleben“, schwärmt Klein: „Wir haben zwar 2:3 verloren, aber ich habe ganz gut gespielt. Eigentlich ein guter Start. Aber im nächsten Spiel stand Wirsching wieder in der Startelf. Und ich blieb meistens auf der Bank.“
Im letzten Heimspiel der Saison, Gerland war kein Trainer mehr, durfte Klein mal wieder von Beginn an ran, erzielte beim 1:1 gegen Uerdingen das Nürnberger Tor. „Es war eine Erlösung, denn als Stürmer wirst du immer nur an Toren gemessen“, blickt Klein zurück. Es sollte sein einziger Treffer im Oberhaus bleiben. In der Folgewoche verletzte sich der Angreifer im Training schwer an den Bändern und verpasste so das Spiel auf dem Betzenberg: „Das war so bitter. Ich hatte für alle möglichen Leute Karten organisiert – und laufe dann selbst auf Krücken zum Berg.“
Gedanken über die Zukunft
Klein blieb bei den Clubberern, konnte sich aber auch in der Folgesaison nicht durchsetzen und ließ sich im Winter zu Zweitligist FC 08 Homburg ausleihen, für den er verletzungsbedingt auch nur auf zwei Einsätze kam. Der Grund: ein Knorpelschaden im Knie. „Das war für mich eine ganz große Enttäuschung und ich fing an, mir Gedanken über die Zukunft zu machen.“
Klein entschied sich dafür, nach zwölf Bundesliga- und zwei Zweitligaspielen seinen Lizenzspielerstatus beim DFB aufzugeben und war wieder Amateur. Er landete in Berlin – bei Türkiyemspor. „Gerade aus der heutigen Sicht mit dem Thema Rassismus muss ich sagen, war das für mich eine ganz tolle Erfahrung. Ich bin dort super aufgenommen worden. Wir waren eine Multikulti-Truppe in einem traditionellen Verein.“ Klein lernte bei Auswärtsfahrten in den damals noch neuen Bundesländern auch das hässliche Gesicht mit den Problemen dort kennen: „Es gab Komplikationen, auch Polizeischutz. Ich möchte diese Station weniger sportlich bewerten, sondern feststellen, dass sie meinen menschlichen Horizont erweitert hat.“
Wohlfühl-Umfeld in Weingarten
Von Berlin ging es nach Bayreuth und nach zwei weiteren Jahren zum VfR Mannheim. „Ich stand als Fußballer voll im Saft, war aber nach vielen Enttäuschungen in einer Findungsphase.“ Klein fühlte sich nicht wohl und ging nach einem Jahr zum SC Hauenstein, suchte nach einem Wohlfühl-Umfeld „und eine berufliche Perspektive.“ Das fand er damals weder in dem Jahr an der Schuhmeile noch beim gleich langen Intermezzo beim VfR Grünstadt, dem er zum Verbandsliga-Aufstieg verhalf.
Ein zufälliges Treffen mit seinem ehemaligen Neustadter Mitspieler Klaus „Jule“ Weber in Speyer brachte Klein dann dorthin, wo er sein Glück als Fußballer und Mensch finden sollte: Weingarten. Klein ging mit 31 Jahren freiwillig zum damaligen B-Klassisten und machte „beim Entwicklungsprojekt“ den Durchmarsch unter Trainer Helmut Behr bis in die Oberliga mit. Mitspieler waren unter anderem Uwe Gassner, mit dem Klein auch schon in Edenkoben spielte, dazu Dietmar Bittner, Sahin Pita und viele weitere Größen aus der Region. Er fand Arbeit beim Weingartener Hauptsponsor, einem Online-Ticketvertrieb. Er lernte seine heutige Frau kennen, wurde in dem kleinen Ort sesshaft und hatte viel Freude am Fußball. Seine Karriere ließ er beim SV Gommersheim als spielender Co-Trainer von Slawomir Stulin ausklingen – und feierte seinen insgesamt neunten Aufstieg.
Job beim SWFV
Wohlgefühlt habe er sich ohnehin immer in kleineren Vereinen, wo es auch gemenschelt habe: eben Edenkoben und Weingarten. Die Kameradschaft sei ihm wichtig gewesen. „Das gibt es im Profibereicht nicht. Da kämpft jeder verbissen um seinen Platz in der Mannschaft.“
Klein hat Frieden mit seinem ungewöhnlichen Fußballerleben geschlossen. Einen Trainerjob hat er nicht mehr angenommen. Er arbeitet nun beim Südwestdeutschen Fußball-Verband: „So sehe ich den Fußball von einer anderen Seite. Vorher waren die Vereine für mich da, jetzt unterstütze ich die Vereine.“ Und er kam wieder zurück nach Edenkoben. Weil er später feststellte, dass auch seine Familie Wurzeln in Weingarten hat, sagt Klein heute: „Beides musste wohl so kommen, hier schließen sich die Kreise.“
Heute fährt er viel Fahrrad. Weil ihm sein Nürnberger Mannschaftsarzt damals sagte, dass er mit Mitte 20 die Bänder eines 60-Jährigen habe, hat er sich ein Hobby gesucht, bei dem er sich auspowern kann, ohne weiter Raubbau am Körper zu betreiben. „Wenn es vom Wetter her möglich ist, fahre ich jeden Tag zur Arbeit“, sagt Klein, der auch an Radmarathons wie dem Ötztaler teilgenommen hat. „10.000 bis 12.000 Kilometer kommen da im Jahr schon zusammen.“