interview
Dennis Neu: „Leider Gottes um halb fünf wach“
Herr Neu, wie fühlt sich das an: Zweiter der deutschen Meisterschaft des Bundesverbandes funktionaler Fitness in der Altersklasse 40+?
Gut. Ich fühle mich nicht anders als vorher, also ich hab’ jetzt keine Superpower. Aber es zeigt mir, dass sich die harte Arbeit gelohnt hat. Ich trainiere schon ein Jahr dafür und verzichte auf einiges. Wenn meine Frau und andere Leute mich nicht so gut unterstützen würden, könnte ich das alles nicht leisten.
Konnten Sie mit Ihrer Frau schon darauf anstoßen? Verraten Sie uns: Was waren ihre ersten Worte?
Ihr erster Satz: Warum ich nicht Erster geworden bin? Um auf den Erfolg anzustoßen, war bisher noch keine Zeit. Ich bin erst am Montag aus Berlin zurückgekommen. Sie ist stolz auf mich.
Sie hatten von den zehn Finalisten die beste Ausdauer. Nach dem Workout mit Shuttle-Runs, Rudern und Radfahren lagen Sie in Führung. Fängt man dann an zu überlegen, was möglich ist?
So früh noch nicht, da ist noch alles offen. Es standen noch fünf weitere Workouts an und ich wusste, dass ich nicht bei allen siegen kann. Aber ich habe gewusst, dass ich im Ausdauerbereich gut sein werde. Ich wollte dieses Workout unbedingt gewinnen.
Gibt es eine Party in Ihrem Studio in Offenbach?
Nein. Über WhatsApp haben mir viele gratuliert.
Wie waren die Nächte im Hotel in Berlin?
Ich bin abends um 20 Uhr, 20.30 Uhr, ins Bett gegangen. Erholung ist wichtig in diesem Sport. Leider Gottes war ich um halb fünf wach. Ich wollte weiterschlafen, aber es ging nicht. Das hat was mit Nervosität zu tun. Das war nicht optimal.
Wer ist Christian Weber, der deutsche Meister, und was hat er, was Sie nicht haben?
Wir haben uns vorher noch nie gesehen, kennen uns aber, weil wir denselben Trainer haben, Verbandspräsident Lazar Marjanovic. Wir machen täglich Remote-Training, digital über eine App. Der größte Teil der Athleten trainiert so. Es war ziemlich interessant, sich mit Christian Weber zu battlen. Er ist Mitinhaber einer Box in Westerburg.
Was ist der „Snatch-Complex“?
Snatch heißt auf Deutsch Reißen und kommt vom Olympischen Gewichtheben. Also die Stange in einem Zug über den Kopf bringen. Ein Snatch-Complex ist Reißen mit verschiedenen Bewegungen. Bei diesem Complex musste man die Stange über den Kopf reißen, dann zwei Kniebeugen, noch mal auf Hüfthöhe ablassen und nochmals über den Kopf reißen. Wir hatten 30 Sekunden Zeit, um diesen Complex zu absolvieren. Je schwerer das Gewicht, umso besser. Ich hatte 85 Kilo auf der Stange. Der schwerste Complex wurde in meiner Altersklasse mit 100 Kilo gemacht.
HSPU, Pull Ups, Box Jump Over 60 Zentimeter: Was ist das?
Da der Sport aus Amerika kommt, sind alle Begriffe auf Englisch. HSPU ist die Abkürzung für Handstandpushups: An einer Wand im Handstand stehend den Kopf auf den Boden ablassen und sich wieder hochdrücken in den Handstand. Pull Ups sind Klimmzüge. Bei Box Jumps Over springt man auf eine 60 Zentimeter hohe Holzkiste und steigt auf der anderen Seite herunter.
Was macht man, wenn man das Programm abgespult hat?
Meistens radelt man sich zehn Minuten aus oder geht zum Physio und lässt sich ein bisschen drücken. Als ich heute aus dem Bett bin, hat schon einiges gezwickt. Dehnen, ausrollen, dann geht es auch schon weiter. Wichtig ist, dass die Muskulatur locker ist.
„Skill“ hieß das vierte Workout. Sind es generell Übungen, die jedes Crossfit-Studio anbietet?
Ja. Das gehört zur funktionalen Fitness. Handstandlauf ist ein Teil davon. Bei dieser Veranstaltung wurde speziell eine 360-Grad-Drehung während des Handstandlaufes gefordert. Es werden aber auch andere Fähigkeiten getestet, zum Beispiel Pistols, das sind einbeinige Kniebeugen. Oder Ring Muscle Ups. Hier handelt es sich um eine dynamische Bewegung, durch die der Oberkörper aus einer Hängeposition unter den Ringen in eine Drückposition über die Ringe geschwungen wird.
Sie wussten wohl, dass Ihnen der zweite Platz nicht mehr zu nehmen ist, wenn Sie sich keinen groben Patzer erlauben?
Klar war mir, ich habe eine gute Platzierung. Aber darauf vertrauen, dass es so gut weiter geht, konnte ich nicht. Ich habe versucht, bei jedem Workout das Beste herauszuholen. Was mir mit dem zweiten Platz ja auch gelungen ist.
Was ist das Dümmste, was man zwischen den Workouts tun kann?
Alkohol trinken oder nichts essen. Das macht aber niemand. Jeder, der sich für eine Competition qualifiziert, betreibt diesen Sport sehr professionell, da macht man so was nicht. Man versucht, sich zwischen den Workouts so gut es geht zu erholen.
Sie wollten zur Weltmeisterschaft in Aruba mit seinen weißen Sandstränden, jetzt dürfen Sie. Ihre Box in Offenbach bleibt dann zu?
Ich bin sehr stolz, dass ich die Möglichkeit habe, zur Masters-WM im November nach Aruba gehen zu können. Das war eines der Ziele, die ich dieses Jahr erreichen wollte. Wie ich das mit der Box in dieser Zeit mache, weiß ich noch nicht. Bis November ist es ja noch ein bisschen.